Kultur

Bernhard Pörksen: "Die große Gereiztheit" Warum das Netz voller Hass und Fake News ist

Eskalationen, Fake News, Hass: Das ist das Netz 2018. In "Die große Gereiztheit" analysiert Bernhard Pörksen, warum wir uns im Internet anschreien und sich Lügen verbreiten. Und warum mehr Information nicht zu mehr Aufklärung führt.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 23.03.2018

Einigen Hundert Menschen, die im Juli 2017 zum Waterfront Park in Downtown San Diego für Donald Trump's Amtsenthebung demonstrierten, stand eine kleinere, nichtsdestotrotz sichtbare Gegendemonstration gegenueber, aufgenommen im Juli 2017. | Bild: picture alliance / Frank Duenzl

"Die große Gereiztheit", so hat Thomas Mann das vorletzte Kapitel des "Zauberbergs" betitelt. Es beschreibt die Anspannung im Schweizer Bergsanatorium am Vorabend der Ersten Weltkriegs: "Zanksucht" liegt in der Luft, jeden Tag ergibt sich "zügelloses Hin- und Hergeschrei" – und wer nicht beteiligt ist, beneidet insgeheim die Streitenden um den "Anlaß, zu schreien".

Die "große Gereiztheit" heute

Eine verwandte Gemütslage findet der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen jetzt in der digitalen Kommunikation der Gegenwart. Die "große Gereiztheit" im Netz hat für ihn mehrere Gründe: "Sie liegt ganz wesentlich an der Tatsache, dass wir heute alle zu Sendern geworden sind, dass jeder seine Empörungs- und Erregungsangebote barrierefrei in die digitale Öffentlichkeit einzuspeisen vermag. Und dass wir uns schlicht zu nahe kommen: Wir sehen alle und alles sofort."

Bernhard Poerksen bei "Anne Will" 2016.

Eine Überforderung, auf die wir mit kollektiver Nervosität reagieren – oder mit Abschottung in der oft debattierten "Filterblase": Dann richtet man sich in einer Welt ein, die nur Gleichgesinnte zu Wort kommen lässt. Auch Pörksen befasst sich mit diesem Phänomen, für ihn ist aber der "Filter Clash" entscheidender für Empörungsbereitschaft und Skandalisierung als die Filterblase: "Mit Filter Clash ist gemeint, dass unterschiedlichste Varianten der Weltwahrnehmung in radikaler Unmittelbarkeit aufeinanderprallen, verursacht und forciert durch die intensiv vernetzte Kommunikation."

Von der Filterblase zu Fake News

Die "unterschiedlichen Varianten der Weltwahrnehmung", von denen Pörksen spricht, führen zunehmend zu Streitfällen darüber, was eigentlich die Tatsachen sind. Und so werden auch auf dieser Ebene Meinungen wichtiger als Belege: Dann lässt sich mit offensichtlich falschen Daten Politik machen, wie etwa in der Brexit-Kampagne 2016. Dafür hat sich der Begriff "postfaktisch" eingebürgert. Pörksen hält ihn für kein gutes Analyse-Instrument – allerdings mit wenig überzeugenden Argumenten. Der Sache nach teilt er jedoch den Befund, dass Wahrheitsfragen sich zuspitzen: "Wir haben in der Ur- und Frühphase des Netzes, der Phase der Utopien, gedacht: Mehr Information macht alles besser, mehr Information macht uns als Menschen automatisch mündiger. Und wir erleben jetzt, dass offenkundig das Gegenteil der Fall ist: Mehr Information oder zu viel Information macht immer effektivere Desinformation wahrscheinlicher."

Pörksen will erklärtermaßen kein Netzpessimist sein, dennoch liefert sein Buch über weite Strecken eine Krisendiagnose der überhitzten, fragmentierten und emotionalisierten Kommunikation. Im Schlusskapitel formuliert er dann die positive "Utopie einer redaktionellen Gesellschaft". Das ist deutlich stärker als die übliche Forderung von "Medienkompetenz": Pörksen will die "Normen und Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus" aufs große Ganze übertragen: "Die Maximen einer redaktionellen Gesellschaft liegen bereits vor, sie müssen lediglich […] aus ihrer allzu engen Bindung an eine einzige Profession gelöst und als Elemente einer allgemeinen Kommunikationsethik vorstellbar gemacht werden."

Die redaktionelle Gesellschaft – eine Utopie

Jeder Einzelne soll sich also in der Netzöffentlichkeit an journalistische Ideale wie die Überprüfung von Quellen, die Anhörung der Gegenposition oder die Überprüfung der Relevanz eines Themas halten. Das klingt zunächst plausibel, schließlich sind im Netzzeitalter tatsächlich alle Publizisten geworden. Doch der Vorschlag ist aus zwei Gründen problematisch. Erstens: Sein hoher Anspruch dürfte die Überforderung digitaler Kommunikation, die Pörksen zuvor so ausführlich analysiert hat, noch einmal erheblich steigern: Freizeit-Publizisten können dieses Ideal schlicht nicht erfüllen.

Buchcover "Die große Gereitzheit" von Bernhard Pörksen.

Zweitens: Es gibt viele Arten öffentlichen Sprechens, für die ein journalistisches Ethos kein Modell ist, weil sie zu einem anderen Genre gehören: Es geht ihnen gar nicht um Ausgewogenheit, sondern um die eigene Stimme, um Parteilichkeit und subjektiven Ausdruck. Das ist auch vollkommen berechtigt und wird erst dort zum Problem, wo sich Weltbilder polemisch abriegeln. Kommunikativen Stress allerdings erzeugt die schiere Masse der Äußerungen in jedem Fall. Dennoch gilt grundsätzlich: Die "große Gereiztheit" der Gegenwart ist mehr als ein Medienphänomen und nicht nur der Funktionslogik des Netzes geschuldet. Ihre Ursachen liegen auch in politischen und sozialen Umbrüchen. Die müssen nicht wie im "Zauberberg" auf einen Großen Krieg zulaufen, aber sie sorgen für fundamentale Verunsicherung. Dem ist mit einer Kommunikationsethik nicht beizukommen.

"Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ von Bernhard Pörksen erscheint im Carl Hanser Verlag.