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BR Kultur Geschenktipps Die besten Bücher des Jahres 2017

Wir schauen zurück aufs Bücherjahr 2017: Was hat uns zum Lachen, was den Tränen nahe gebracht, was unseren Horizont erweitert? Und: Welche Bücher würden wir unseren Liebsten schenken?

Stand: 30.11.2017

Capricat auf dem Cover eines Buches | Bild: Br, Colourbox, picture-alliance/dpa, Montage: BR

Die BR Kultur Redaktion hat ausgewählt: Das sind unsere Bücher des Jahres 2017. Und gleichzeitig unsere wärmsten Geschenk-Empfehlungen für Weihnachten.

Richard Bauer: "Altmünchen. Der Maler Joseph Puschkin (1827-1905) und die Sammlung Neuner im Münchner Stadtmuseum"

Anton H. Konrad Verlag

Ein Bildband für München-Liebhaber: 335 Architektur-Aquarelle, gemalt im 19. Jahrhundert, die versuchen das München der Biedermeierzeit zu rekonstruieren. Ein Münchner Wirt hatte den Maler Joseph Puschkin beauftragt, darzustellen wie Altmünchen aussah – bevor viele Gebäude dem Bauboom der Gründerzeit zum Opfer fielen.
Daniela Weiland

Virginie Despentes: "Das Leben des Vernon Subutex"

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Kiepenheuer & Witsch

Virginie Despentes lesen, Paris verstehen... Vernon Subutex, der Ex-Plattenverkäufer, auf seiner Reise durch alle Milieus. Gekonnt vielstimmig. Für mich der Roman zu Finanzkrise, Rechtsruck, Religion, Facebook, Drogen, fake news, viel Geld, wenig Geld, ganz viel Musik. Und – mit Teil 2 und 3 – zu Macrons Frankreich natürlich.
Judith Heitkamp

Jean Echenoz: "Unsere Frau in Pjöngjang"

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser Berlin Verlag

Entführung, Observation, Mord, diplomatische Verwicklungen, verrauchte Hinterzimmer, spontaner Sex, ein Versteck auf dem Land und mysteriöse Substanzen in Einwegspritzen gehören wie selbstverständlich zum Repertoire dieser Geschichte. Realismus liegt dabei nicht im zentralen Interesse des Autors. Er betreibt ein amüsantes Spiel, voller Ironie, voll Anspielungen, er verweist, zitiert, mixt, dekonstruiert, kurz, Jean Echenoz führt lustvoll vor, wie ein postmoderner Roman funktioniert. Ein Virtuosenstück!
Armin Kratzert

Deborah Feldman: "Überbitten"

Aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag

Nach ihrem Befreiungsschlag in "Unorthodox" nimmt uns Deborah Feldman in "Überbitten" mit auf ihre Reise zu sich selbst. Kein Egotrip, sondern eine faszinierende, reflektierte, mit starken Beobachtungen und viel Literatur verstärkte Verständigung über unsere Welt – New York, Polen, Israel und Berlin. All das von einer jungen Frau, die quasi auf einem anderen Planeten aufgewachsen ist: in der total abgeschlossenen, patriarchalen Welt ultraorthodoxer Chassiden im New Yorker Stadtteil Williamsburg.
Iris Buchheim

Anne Hartmann: "Ich kam, ich sah, ich werde schreiben. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation"

Walltsein Verlag

In einer Welt voller selbstherrlicher Autokraten ist dieses Buch eine wohltuende Entlarvung der Stalin-Diktatur, die sogar einen so kritischen Geist wie Lion Feuchtwanger umstandslos "einseifen" konnte.
Peter Jungblut

Wolfgang Hildesheimer: "Paradies der falschen Vögel"

Illustriert von Monika Aichele, Edition Büchergilde

Ein eigenwilliger Roman über einen Kunstfälscher – von Monika Aichele wunderbar eigenwillig illustriert und gestaltet. Zum Originaltext ist eine "Enzyklopädie der falschen Vögel" hinzugekommen. Darin zu entdecken: Fontänenpfeifer, Kettenhemdkauz, Nachtschrecke und andere Tiere mehr. Ein schönes Spiel mit Wahrheit und Fiktion.
Niels Beintker

Thomas Lehr: "Schlafende Sonne"

Hanser Verlag

Eine Künstlerin, ihr früherer Lehrer und Liebhaber und ihr Ehemann, ein Solarphysiker: Das sind die Hauptfiguren in Thomas Lehrs Roman "Schlafende Sonne". Erzählt wird aber viel mehr als eine Dreiecksgeschichte: Lehr entfaltet ein ganzes deutsches Jahrhundert vom Ersten Weltkrieg bis ins Jahr 2011. Ein ambitionierter, komplex gebauter und zugleich wirklichkeitssatter Roman – ein Buch für alle, die beim Lesen auch interessiert, was Literatur jenseits des Geschichtenerzählens kann.
Beate Meierfrankenfeld

Niroz Malek: "Der Spaziergänger von Aleppo"

Aus dem Syrischen von Larissa Bender, Weidle Verlag

Lebenszeichen aus Aleppo. Poetische Klopfzeichen aus der verwundeten Stadt. Trotz des Krieges lebt Niroz Malek mit 70 Jahren noch immer in seiner Geburtsstadt, mit Bildern, Büchern, Schallplatten als Freunden und Lebensbegleitern. Und wenn er über Grenzen und Mauern springt, dann "frei und ungebunden wie die Figuren Chagalls". Seine Miniaturen erzählen von Zerstörung und Angst, aber auch von der Kunst als Überlebensmittel. Ein großartiges Buch von Liebe und Menschlichkeit.
Cornelia Zetzsche

Viet Thanh Nguyen: "Der Sympathisant"

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller, Blessing Verlag

Geschichte wird von den Siegern geschrieben – berühmtes Churchill-Zitat. Im Fall Vietnam aber ist alles anders: Unser Bild von diesem Krieg ist geprägt von den Erzählungen der Verlierer. Kann man heute, mehr als 40 Jahre danach, noch über diesen Krieg schreiben, wie es niemand zuvor getan hat? Der aus Vietnam stammende US-Autor Viet Thanh Nguyen kann – und wie! 530 Seiten, in denen er alles in Frage stellt, Krieg und Frieden, Revolution und Liebe, Loyalität und Flucht – und danach ist nichts mehr wie zuvor.
Hendrik Heinze

Oliver Sacks: "Der Strom des Bewusstsein. Über Kreativität und Gehirn"

Aus dem Englischen von Hainer Kober, Rowohlt Verlag

Seine Fallgeschichten machten ihn berühmt: Der Neurologe Oliver Sacks (1933-2015) wusste, wie dünn die Grenze zwischen psychischer Normalität und Störung ist. Sein letztes Buch "Der Strom des Bewusstseins" wurde zu seinem Vermächtnis: Erinnerungen und Essays über die ewigen Wunder und Rätsel des Lebens.
Maria Klaner

Gregor Sailer: "The Potemkin Village"

Kehrer Verlag

Passend zum allgegenwärtigen Weihnachtszauber, stellt Gregor Sailer in seinen Fotografien die Frage nach Schein und Sein. Rund um den Globus hat der Künstler Orte aufgespürt, an denen sich die Absurditäten unserer Zeit materialisiert haben. Gar nicht heimelige Einblicke in eine real existierende Welt der architektonischen Fakes, Kopien und Kulissen.
Henning Weber

Åsne Seierstad: "Zwei Schwestern. Im Bann des Dschihad"

Aus dem Norwegischen von Nora Pröfrock, Kein & Aber Verlag

Die Schwestern Ayan und Leila Juma, 16 und 19, als Kinder dem somalischen Bürgerkrieg entflohen, ziehen für den Islamischen Staat in den Krieg nach Syrien. Verlassen ihr Elternhaus in Norwegen und tauschen es ein für ein Leben im Kampf. Åsne Seierstad hat eine packende literarische Reportage über religiöse Radikalisierung geschrieben. Grandios!
Knut Cordsen

Francis Spufford: "Neu York"

Illustriert von Eleanor Crow,‎ aus dem Amerikanischen von Jan Schönherr, Rowohlt Verlag

Wir schreiben das Jahr 1746. Der schräg über den Rücken der hügeligen Insel Manahatta laufende Pfad der Algonkin heißt jetzt Broad Way. Seit die Engländer vor einigen Jahren die Holländer vertrieben haben, mischen sich unten an der Süd-Ost-Spitze unter die schiefen Holzhäuser immer mehr Ziegel. Und schon ein kurzes Stück Weges den Broad Way Richtung Norden reicht, um an die Grenze der Kleinstadt Neu York zu gelangen. Freies Feld und schließlich ein Bretterzaun – das Ende der "zivilisierten" Welt. An den Brettern trocknen die Haarbüschel der Skalps, die jetzt verbündete "Indianer" den verfeindeten Franzosen vom Schädel geschnitten haben. Hierher kommt ein junger, reicher Engländer namens Smith, tauscht widerwillig echte Goldstücke gegen die hier üblichen schmutzigen, handbeschriebenen Papierlappen der neuen Währung – und wird sofort ausgeraubt.

Ein meisterhaft geschriebener, super unterhaltsam-spannender Geschichtsroman, über das im Entstehen begriffene New York, samt der ganzen Rohheit der beginnenden Kapital-Wirtschaft, neckischen Frauenzimmern, einem Duell und allerlei Schmutz und lebhaft geschilderten Gerüchen der noch weit von der Weltmetropole entfernten Stadt Neu York. Oder wie die London Times schreibt: "Wie ein neu entdeckter Roman von Henry Fielding mit Bonusmaterial von Martin Scorsese."   
Franz Xaver Karl

Yanis Varoufakis: "Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment"

Kunstmann Verlag

Panama Papers, Paradise Papers! Wer besser verstehen will, was hinter den Kulissen der Politik so passiert und Spaß an einem Sachbuchthriller hat, dem sei Yanis Varoufakis' "Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment" empfohlen. Kurzweilig, unterhaltsam, sachkundig, mit Humor und erstaunlich offen erzählt der linke Wirtschaftswissenschaftler und Ex-Finanzminister Griechenlands von seinen Erfahrungen im inner circle der Politik.
Martina Boette-Sonner

Hanya Yanagihara: "Ein wenig Leben"

Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner, Hanser Berlin

"Ein wenig Leben" ist ein Roman, der keine Kompromisse eingeht. Bedingungslos in der Beschreibung von Leid, Schmerz und dem Bösen, das einem Menschen widerfahren kann. Bedingungslos auch in dem erzählerischen Pathos, mit dem die Autorin auf 1.000 Seiten die Freundschaft von vier Männern, die Liebe unter ihnen und die Grenze dessen, was Liebe vermag, beschreibt. Für mich das Leseerlebnis des Jahres, weil ich schon lange nicht mehr für ein paar Tage aus meinem Leben aussteigen wollte, um ununterbrochen weiter lesen zu können. Nach der Lektüre blieb das hartnäckige Bedürfnis, die Protagonisten des Romans anzurufen, wie alte Freunde. Dann die ernüchternde Feststellung, geht nicht, war ja "nur" ein Buch...
Sylvia Griss


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