Kultur


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Der neue Kathryn Bigelow-Film "Detroit"- Ein Höllentrip ins Jahr 1967

Detroit: 2013 meldete die Stadt Insolvenz an, wer konnte, war weg - noch heute gilt die Stadt als die gefährlichste der USA. Aber wirklich gut waren auch die alten Zeiten der Autostadt nicht. Im Gegenteil, wie der neue Film von Kathryn Bigelow zeigt.

Von: Christian Alt

Stand: 21.11.2017

Im Zentrum von "Detroit" steht eine sehr lange Szene. Fast eine ganze Stunde sieht man weißen Polizisten dabei zu, wie sie eine Gruppe schwarzer Teenager in einem Motel zusammenschlagen, sie mit der Waffe bedrohen, erniedrigen und schlussendlich drei von ihnen erschießen. Wir werden Zeuge der stumpfen, rassistischen Gewalt, die Kathryn Bigelow in unsere Köpfe prügelt.

Detroit im Ausnahmezustand

Es ist der 25. Juli 1967. Seit drei Tagen ist Detroit schon im Ausnahmezustand, nachdem die Polizei einen schwarzen Nachtklub stürmt, kommt es zu Ausschreitungen. Eine Gruppe schwarzer Teenager sucht Zuflucht im Algiers Motel. Während draußen eine unheilige Allianz aus Nationalgarde, Polizei und privaten Sicherheitsfirmen aufmarschiert, machen die Teenager im Hotel, was Teenager so machen: Es wird getrunken, geflirtet und gefeiert. Aber dann schießt irgendwo draußen jemand mit einer Spielzeugpistole auf die Polizisten. Die glauben, dass die Schüsse aus dem Motel kommen und rücken in Truppenstärke ein.

Detroit vor dem Hintergrund der Black-Lives-Matter-Proteste

Die Nacht vom 25. Juli 1967, sie ist in die Geschichtsbücher eingegangen. "Algier Motel-Vorfall" heißt es dort beschönigend. Für viele weiße Amerikaner endete diese Auseinandersetzung mit einem Happy End: 2008 wird mit Barack Obama ein Schwarzer US-Präsident. Man konnte sich kollektiv auf die Schulter klopfen, die üble Geschichte mit Sklaverei, Polizeigewalt und Unterdrückung, die war jetzt endgültig vorbei, ein Märchen-Ende gefunden. Und wenn sie nicht verprügelt wurden, dann leben sie noch heute. Das ist natürlich Quatsch – ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Das ist die bittere Wahrheit, an die dieser Film erinnert. Kathryn Bigelow hat Detroit vor dem Hintergrund der Black-Lives-Matter-Proteste gedreht, eine Bewegung die gegen rassistische Polizeigewalt auf die Straße geht.

"Was mich an dieser Geschichte von Anfang an interessiert hat, ist, wie sehr sie in den 60ern verankert ist, aber dann eben zeitlos scheint. Wir erleben eine Krise unserer gesellschaftlichen Verbindung. Die können wir nur überwinden, wenn wir miteinander reden."

Kathryn Bigelow

Bigelow sieht ihren Film als Gesprächsangebot und -stoff. Das funktioniert. Immer wieder lassen sich konkrete Bezüge zur Gegenwart herstellen. Wenn zum Beispiel der rassistische Polizist Krauss nach dem Morden ungeschoren davonkommt, dann denkt man schnell an George Zimmermann. Also der Mann, der vor ein paar Jahren den schwarzen Teenager Trayvon Martin erschossen hat – und auch freigesprochen wurde. Bigelow hingegen gelingt es damit nicht, das System an sich anzugreifen. Krauss wird von ihr zum Dämon gemacht. Ein rassistischer Dirty Harry, gespielt vom fantastischen Will Poulter – ein Babyface zum Reinschlagen.

Ein Film mit einer Unwucht, der sich einprägt

Das System, das einen solchen Rassismus ermöglicht, ihn wachsen und gedeihen lässt, das streift Bigelow nur am Rand. Auch Detroit selbst ist eigentlich nur Fassade. Klar, man hört ein bisschen Motown und wird kurz nostalgisch, weil das Detroit der 60er noch nicht komplett zerfallen ist. Aber: Bigelow geht es hier eigentlich nur um die eine große Szene. Alles andere ist nur Beiwerk und Hinführung. Man könnte auch sagen: Der Film ist kaputt, er hat eine Unwucht. Figuren werden halbgar eingeführt, Handlungsstränge lieblos aufgenommen und fallen gelassen. Wie zum Beispiel das Schicksal der Motown-Band "The Dramatics", die an den Folgen des 25. Juli 1967 zerfällt.

Vermutlich liegt auf irgendeinem Schneidetisch eine längere Version dieses Films, die sich Zeit nimmt für die Figuren und für Detroit. Ein perfekter Film ist "Detroit" nicht – dafür aber ein interessanter. Gerade durch die Unwucht, durch die fast einstündige Szene in der Mitte gewinnt der Film an Kraft. Und wahrscheinlich hätte auch nur Kathryn Bigelow diese Szene inszenieren können, die beste Action-Regisseurin Hollywoods. Hier sitzt jeder Handgriff, jeder Schnitt, jeder Schuss. Denn diese Unwucht macht aus einem konventionellen Historien-Drama einen Horrorfilm. Einen Horrorfilm, den man so schnell nicht aus dem Kopf bekommt. 


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