Kultur

Textband versammelt Yücel-Texte Deniz Yücel: passionierter Journalist und Aufklärer

Bis zum 16.02.2018 saß Deniz Yücel ein Jahr lang im Gefängnis. Der Vorwurf: "Propaganda für eine Terrororganisation". Dabei ist Yücel alles andere als ein Scharfmacher. Das zeigt auch der neue Textband "Wir sind ja nicht zum Spaß hier".

Von: Stefan Berkholz

Stand: 11.02.2018

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel | Bild: privat

Nein, zum Spaß sind sie wirklich nicht dort, in diesem riesigen Knast für politische Gefangene, in Silivri vor den Toren Istanbuls, im größten Gefängnis Europas, heißt es. Can Dündar, der im Exil lebende türkische Journalist, bezeichnet Silivri als "Internierungslager, um Erdogan-Gegner zusammenzufassen". Bis zum 16.02. hat Deniz Yücel ein Jahr in diesem Internierungslager zugebracht, dann wurde er freigelassen.

In dem jetzt von der Edition Nautilus herausgegebenen Band "Wir sind ja nicht zum Spaß hier", der eine Auswahl von Yücels Reportagen, Satiren und andere Texte aus den Jahren 2004 bis heute versammelt, sieht sich der deutsch-türkische Journalist als Symbol und Faustpfand für die türkische Regierung: "Das Regime, in dessen Gewalt ich mich befinde, ist zwar islamistisch und neuerdings auch nationalistisch. Doch das ist bloß ideologischer Überbau. Oder wem das zu ökonomistisch ist: All das ist nur Hobby. Hauptberuflich sind diese Leute (…) nämlich Gangster. Dem Charakter nach halb Teppichhändler aus Kayseri, halb Istanbuler Parkplatzmafia."

Passionierter Journalist und Aufklärer

In einem anderen der Texte skizziert Yücel seinen Werdegang: Als er 16 ist und als Praktikant in einer Mainzer Lokalzeitung gefragt wird, warum er Journalist werden wolle, antwortet er: "Ich will die Leute informieren, ich will über Missstände aufklären, die Welt verändern." Dagegen hat der verantwortliche Redakteur im Grunde genommen nichts einzuwenden, obwohl er den jungen Praktikanten auf die Eitelkeit des Gewerbes hinweist und sagt, dass neunzig Prozent aller Journalisten gerade deshalb Journalist geworden seien, weil sie ihren Namen in der Zeitung lesen wollten.

Als Yücel dann nach 15 Jahren im Gewerbe Abschied von der taz nimmt, zieht er im März 2015 so etwas wie eine Zwischenbilanz seiner Tätigkeit: "Das ist nämlich das Wunderbare an diesem Beruf: Weil man dabei helfen kann, die Dinge zu ordnen und zu verstehen. Weil man immer wieder in fremde Welten eintauchen und seine Leser dorthin mitführen kann. (…) Nicht, weil man mit einem Artikel die Welt verändern könnte – das passiert nur in höchst seltenen Fällen. Aber dazu beizutragen, dass sich die Leserinnen und Leser hinterher etwas schlauer fühlen, ist schon viel wert. Und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, nicht weniger."

Vorwurf: Volksverhetzung und Terror-Propaganda

Dieser Maxime bleibt Yücel treu, auch nachdem er zur Tageszeitung "Die Welt" wechselt. Er ordnet in seinen Artikeln die verwickelte Situation in der Türkei ein, er bringt Sprachlose zu Gehör, er dokumentiert Widersprüche und Standpunkte, er versucht sich auch an Ironie und Satire. Und allmählich gerät er ins Fadenkreuz des Despoten Erdogan. Denn Yücel lässt in seinen Reportagen auch Kurden zu Wort kommen. Und damit das für Erdogan nicht existente Kurdenproblem zur Sprache. Ein Tabubruch, mit dem er sich zum Feind des Regimes macht.

Die Anschuldigungen lauten: "Volksverhetzung" und "Propaganda für eine Terrororganisation". In einem Artikel, der Yücel zum Vorwurf gemacht wird, zitiert er im November 2016 den bekannten türkischen Journalisten Ahmet Şık: "Die AKP versucht jetzt im Mafiastil, alle Zeugen auszuschalten. Die AKP ist keine Partei, sie ist eine Mafiabande. (…) Und ich sehe nichts, was auf absehbare Zeit diesen türkisch-sunnitischen Faschismus aufhalten könnte."

Die Frühjahrsrevolte um den Gezi-Park von 2013 machte Yücel neugierig. In einem Text über "Die Tragik einer Generation" bekennt er, dass die Revolte sein persönliches Interesse an der Türkei wiederbelebt habe. "Ich kam damals nach Istanbul, um darüber zu schreiben – erst für meine damalige Zeitung, die taz, dann für ein Reportagenbuch über die dissidente Hälfte der türkischen Gesellschaft. Zwei Jahre nach Gezi trat ich meine neue Stelle als Türkei-Korrespondent der 'Welt' an. Die Parlamentswahl vom Juni 2015 bzw. ihre Wiederholung im November sollten eine Phase abschließen, die mit Gezi angefangen hatte. Es kam bekanntlich anders."

Das Gegenteil eines Scharfmachers

Mit "Wir sind ja nicht zum Spaß hier“ kann man sich ein eigenes Bild von der Arbeit des 44-jährigen Journalisten machen. In Kolumnen und Glossen betrachtet er das deutsch-türkische Verhältnis im deutschen Alltag; Fußball-Großereignisse begleitet er immer wieder auf ironische Weise; die deutsche Politik nimmt er aufs Korn. Ein Scharfmacher ist er nicht, im Gegenteil: Immer ist er bemüht, abzuwägen und verschiedene Seiten zu Wort kommen zu lassen. Offenbar zu viel der Ausgewogenheit für das fanatische, nationalistisch-religiöse Regime unter Erdogan.

"Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte" von Deniz Yücel ist, herausgegeben von Doris Akrap, bei der Edition Nautilus erschienen.

Sendung: Diwan – Schicksalsträume

Mit: Satiren und Reportagen – Deniz Yücel als Journalist / Ein Gespräch mit der Literaturkritikerin Ursula März / Eine Biografie von Emannuelle Loyer über den Erfinder des "Wilden Denkens" Claude Lévi-Strauss. Moderation: Martina Boette-Sonner. Auch als Podcast verfügbar.

Aktualisiert am 16.02.2018.