Kultur


15

"Tyll" von Daniel Kehlmann Eulenspiegel - als Narr und Zeuge im Dreißigjährigen Krieg

Schon in seinem Bestseller "Die Vermessung der Welt" hat sich Daniel Kehlmann historische Figuren vorgenommen. Nun macht er Eulenspiegel zum Helden seines neuen Romans - und Shakespeare bekommt einen Cameo-Auftritt.

Von: Knut Cordsen

Stand: 06.10.2017

Was ist das nun? Ein historischer Schelmenroman über einen Scharlatan, einen Schalk, einen Picaro, wie er im Buche steht? Vielleicht steht er ja wirklich nur dort im Buche, denn niemand weiß, ob dieser Narr in geschecktem Wams und mit der Schellenkappe auf dem Kopf wirklich jemals gelebt hat. Daniel Kehlmann zeichnet Till Eulenspiegel, oder Tyll Ulenspiegel in der alten Schreibweise, als ein undurchsichtiges, von zarter Dämonie umflirrtes Wesen in seinem neuen Roman.

"Tyll Ulenspiegel ist ja eigentlich kein Entertainer und er ist auch kein Scharlatan, jedenfalls nicht, wie ich ihn sehe oder wie ihn auch das alte Volksbuch zeichnet, er ist ja eher ein – in der ursprünglichen Überlieferung – brutaler und ziemlich bösartiger Soziopath. Also jemand, der sich überhaupt nicht in den ja damals gerade erst beginnenden zivilisatorischen Prozess einpasst. Die später in der Kindernacherzählung von Erich Kästner so lustig daherkommenden Streiche sind ja ursprünglich sehr, sehr brutale Gemeinheiten, die er Menschen antut – und da lachen auch nicht die Menschen, da lacht er und verschwindet. Also es gibt etwas sehr Brutales und ich finde eben nicht nur zart Dämonisches, sondern ursprünglich sehr massiv Dämonisches um die alte Figur des Narren."

Daniel Kehlmann

Eher Figurenreigen als Schelmenroman

Der 42-jährige Kehlmann verlagert die Geschichte dieses angeblich 1350 in Mölln gestorbenen Narren ins Chaos des Dreißigjährigen Krieges, 1618 bis 1648. Er wird Augenzeuge der letzten großen Feldschlacht dieses Krieges in Zusmarshausen bei Augsburg, er flieht am Ende dieses Krieges ins Kloster Andechs am Ammersee, betreibt einen Zirkus in Holstein und arbeitet als Mineur in Westfalen. Für Kehlmann ist er ein in Zeit und Raum vagierender Narr, hier eben im 17., nicht 14. Jahrhundert.  

"Bei Ulenspiegel war es ja auch so, dass z.B. der niederländische Autor Charles De Coster im 19. Jahrhundert in einem sehr schwülstigen, aber auch sehr beeindruckenden Roman hat er ihn zu einem Freiheitskämpfer gemacht im niederländisch-spanischen Krieg, d.h. der Narr war immer schon eine Figur, die man durch die Jahrhunderte und die Weltteile herumschicken kann als Autor und der flexibel ist, den man einsetzen kann, wo man ihn haben möchte und braucht, und deswegen hatte ich da überhaupt keine Skrupel eigentlich. Als mir die Idee kam, dachte ich: Ja, da spricht nichts dagegen."

Daniel Kehlmann

In "Tyll" gelingen Kehlmann immer wieder starke einzelne Szenen, und auch die Rahmengeschichte, die eine Rachegeschichte ist, funktioniert. Nicht jedem wird dabei gefallen, dass Kehlmann Tylls Lebensgeschichte bewusst zerfasern lässt. "Tyll ist bei mir eigentlich schon die zentrale Figur, und er ist die bei weitem rätselhafteste Figur auch für mich, aber er ist auch sozusagen der rote Faden, an dem ich dieses ganze Figurenensemble aufhänge. Es gibt Kapitel im Buch, da hat er überhaupt nur kurze Gastauftritte, in anderen Kapiteln ist er die Hauptfigur, aber das Buch ist eher ein Reigen als ein Schelmenroman", so Kehlmann.

Cameo-Auftritt William Shakespeares

In diesem Reigen treten etwa die sogenannten "Winterkönige" auf, Elisabeth Stuart und Friedrich V. von der Pfalz. Ihren Spottnamen verdanken sie dem Umstand, dass sie nur einen Winter lang Könige von Böhmen waren. Immerhin aber sahen sie, da Elisabeth Stuart dem britischen Königshaus entstammte, bei Hofe Uraufführungen der Werke William Shakespeares. So bekommt der größte Dramatiker aller Zeiten dann auch einen gelungenen Cameo-Auftritt bei Kehlmann.

"Für mich war es so wichtig, eine Entdeckung, und ich habe dann auch Shakespeare-Forscher gefragt, ob ich mich da geirrt haben könnte, aber sie haben mir das bestätigt: Es gibt tatsächlich einen deutschen Fürsten, der Shakespeare gekannt hat, der Shakespeare gesehen hat, und das war eben Friedrich V. von der Pfalz, der durch sein politisches Ungeschick, als er die böhmische Krone angenommen hat, den Dreißigjährigen Krieg ausgelöst hat."

Daniel Kehlmann

So wie in Daniel Kehlmanns "Tyll" hat man den "berühmten Spaßmacher", den Possenreißer, Seiltänzer und Jongleur Till Eulenspiegel jedenfalls noch nie gesehen.

Das Buch


Daniel Kehlmann
"Tyll"

Roman
480 Seiten
Rowohlt
22,95 Euro


15