Kultur


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Erzählen gegen Angst und Gewalt "Istanbul Istanbul" von Burhan Sönmez

Die Türkei nach dem Putsch von 1980, vier Männer in einem Gefängnis, die sich Geschichten erzählen - gegen die Angst: Burhan Sönmez hat mit "Istanbul, Istanbul" ein Prosa-Kammerspiel geschrieben, das auch die heutige Lage des Landes trifft.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 06.02.2018

"1980 gab es in der Türkei einen Militärputsch," erzählt Burhan Sönmez. "Eine Million Menschen wurden in unterirdische Gefängnisse gesteckt und tage-, wochen-, monatelang gefoltert." Er weiß das aus eigener Erfahrung: "Der Ort, an den man mich brachte, lag drei Etagen unter der Erde, eine Zelle von 1 x 2 Metern, genannt 'das Dunkel'. Es gab eine Eisentür. An manchen Tagen war man allein, an anderen waren zehn und mehr Menschen darin. Niemand konnte sich hinlegen, jeder saß oder stand – tagelang."

Erzählen im Warten auf Verhör und Folter

Nun, über dreißig Jahre später, beschreibt der 1965 in Haymana, 70 km südlich von Ankara geborene Schriftsteller in "Istanbul, Istanbul" die Haft, die er als 19-Jähriger nach Studenten-Protesten erlebte. Der Roman ist ein Kammerspiel unter der Erde.

Burhan Sönmez

Vier Häftlinge, ein Student, ein Arzt, ein Barbier und ein alter Mann erzählen sich Geschichten, im angstvollen Warten auf  Verhöre und Folter. Wie in "1001 Nacht", wie im "Dekameron", erzählen sie märchenhafte, dramatische, traurige, komische Geschichten gegen die Angst, die Gewalt, den Tod. Erzählen ist ein Fluchtweg, Humor und Hoffnung sind Opium und Überlebensmittel, die Stimmenvielfalt spiegelt die Metropole Istanbul, den Versuch, sie neu zu schaffen. "Es gibt", sagt Sönmez, "unzählige Istanbuls. Die Stadt ist wie eine biologische Zelle. Wenn Tausende solcher Zellen zusammenkommen, schaffen sie einen neuen Körper, wie einen menschlichen Körper. Istanbul hat so viele gegensätzliche Gesichter: Verletzungen, Schönheit, Melancholie und Freude. Istanbul lässt sich nicht mit nur einem Wort beschreiben."

Eine Regierung, die die Vielfalt bekämpft

Dass die türkische Regierung diese Vielfalt bekämpft, erlebte Burhan Sönmez schon als Kind. Aufgewachsen in einem Dorf Anatoliens, in einer kurdischen Familie, mit einer Muttersprache, die verboten war und nur heimlich gesprochen wurde. Aber für Sönmez ist die Kraft des Worts ungebrochen. Sein Roman feiert die menschliche Imagination, die eine andere als die reale Welt erschafft: "Wir Menschen haben zweierlei Universen. Mit unseren Augen sehen wir draußen eine Stadt, den Himmel, die Welt, die Sterne und ein endloses Universum. Aber mit unserem inneren Auge schauen wir in unsere Seele, unsere Identität, in ein anderes Universum."

"Istanbul Istanbul" von Burhan Sönmez

Der Mensch sei in der Evolution noch ungenügend entwickelt, noch unreif, sagt Sönmez angesichts dessen, was Menschen anderen Menschen an Grausamkeit antun. Und die Türkei sei in schwieriger geopolitischer Lage: Im Mittleren Osten, in der Nähe von Öl-Ressourcen, zwischen westlichen Interessen und türkischen Sultanaten – bis heute. Erst recht seit dem Putsch im Juli 2016: "Wer nur das Wort 'Frieden' erwähnt, gilt als Feind und Terrorist," so Sönmez. "Letztes Jahr sagte eine Lehrerin im Fernsehen, man solle den Krieg in Kurdistan beenden, Kinder sollten nicht getötet werden. Und was geschah? Die Lehrerin wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine große Ärztevereinigung erklärte gerade, der Krieg sei eine Angelegenheit der öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Die Ärzte forderten eine friedliche Lösung im syrischen Krieg und kritisierten die türkische Militärintervention. Da wurde der gesamte Vorstand verhaftet. Die Regierung treibt die Menschen ans Ende des Landes, an eine Klippe. Aber noch immer versuchen wir, in der Türkei zu bleiben."

In der Türkei bleiben

Burhan Sönmez könnte fortgehen. Nachdem er als Menschenrechtsanwalt 1996 schwer verletzt einen Mordversuch überlebt hatte, wohnte er zehn Jahre in Cambridge. Seine Romanfiguren überleben nur im Traum, aber er bleibt. Menschen wie er würden in der Türkei gebraucht, sagt Sönmez, und kämpft im PEN-Vorstand für bedrängte, verhaftete Autoren und Journalisten wie Deniz Yücel und Hunderte andere, weniger bekannte. Und er wirbt für einen menschlichen Umgang mit den drei Millionen Flüchtlingen aus Syrien in der Türkei: "Wer sein Land verlässt, verliert seine Wurzeln, man kappt die Vergangenheit, aber ohne Vergangenheit kann man nicht in der Gegenwart leben. Es gibt keinen Grund, Flüchtlinge zu dämonisieren, in Deutschland oder anderswo. Flüchtlinge sind Teil dieser Welt, Menschen mit ihrem eigenen Reichtum im Geist und in ihrem Herzen. Wir können gewinnen mit diesem Reichtum und sie teilhaben lassen an unseren Werten. Die Zukunft der Menschheit ist, wie ihre Vergangenheit, eine Mischung der Kulturen und Völker."

Burhan Sönmez' Roman "Istanbul Istanbul" ist im btb Verlag erschienen.


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