Kultur


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"Blau" von Jürgen Goldstein Eine Wunderkammer voller Bedeutungen

Farbe ist zu Materie gewordene Sensibilität - Blau signalisiert Freiheit, aber auch Traurigkeit und Leid. Der Berliner Philosoph Jürgen Goldstein nähert sich in 20 Gedankenspaziergängen der Farbe Blau und ihren verschiedenen Bedeutungen.

Von: Julie Metzdorf

Stand: 06.11.2017

Kein Zweifel: Farben sind schön. Und nützlich. Sie helfen bei der Orientierung, ob nun im Straßenverkehr oder beim Kochen. Unverzichtbar sind sie für den Menschen aber nicht. Oder, wie der Berliner Philosoph Jürgen Goldstein es ausdrückt: "Farbenblind zu sein ist lästig, nicht aber lebensgefährlich". Farben sind Luxus, sie machen das Leben reich. Welchen Reichtum allein die Farbe Blau bietet, führt Goldstein in seinem gleichnamigen Buch exemplarisch vor Augen.

Zwischen den Bedeutungen der Farbe Blau flanieren

In einer Reihe von "Gedankenspaziergängen" nähert er sich den unterschiedlichen Bedeutungen dieser Farbe in der Moderne: Da ist Yves Klein und sein patentiertes "International Klein Blue", für das der Künstler lang herumexperimentierte, bis er ein Bindemittel fand, das die Strahlkraft der Pigmente nicht minderte. Für Klein war das Blau Ausdruck für Geistigkeit und Freiheit, doch der Weg dorthin führt für ihn über das Sinnliche. "Farbe ist zur Materie gewordene Sensibilität", schreibt Goldstein dazu.

"Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen" von Jürgen Goldstein

Ein anderes seiner "Blaufundstücke" ist Caspar David Friedrichs Gemälde "Mönch am Meer". Goldstein führt vor, dass es eben kein religiöses Andachtsbild ist, keine Spur von Gott zu sehen ist. Vielmehr zeige dieses "radikal leere Bild" vor allem das Nichts und stehe mit dieser Negation von Sinn überraschend abseits der sonstigen romantischen Kunstauffassung. 20 solcher "Fundstücke und Streifzüge" liefert Goldstein, kurze Vignetten, mitunter klassische Bild- und Gedichtanalysen, die klare Aussagen zur Bedeutung einzelner Bilder und den verschiedenen Wahrnehmungen der Farben Blau treffen. Denn eines ist klar: Die eine Bedeutung gibt es nicht.

Von Adriano Celentanos "Azurro" bis zu den "blue notes" des Jazz

Das Weltall kommt vor und Adriano Celentanos Gassenhauer "Azurro", die Kindheit Albert Camus' und die Zusammensetzung von Jacques Guerlains Parfum "L'Heure Bleu" (die blaue Stunde). Wir erfahren, dass zu Ehren des 80. Geburtstags von Ol' Blue Eyes Frank Sinatra die Spitze des Empire State Buildings in blauem Licht erstrahlte, dass der Rhythmus von Gershwins "Rhapsody in Blue" auf dem Hämmern der Bahnschwellen unter einem Zug basiert und dass Rilke seine Briefe zeitlebens auf hellblauem Papier schrieb. Und doch ist all das mehr als Häppchen für den Party-Small-Talk. Goldstein ordnet ein, dringt tief in die einzelnen Werke und Weltbilder der Künstler vor, ob es nun um Existentialismus oder die "blue notes" des Jazz geht.

Prinzip Barocke Wunderkammer

Und doch liefert Goldstein keine klassische Kulturgeschichte der Farbe Blau. Die hat vor wenigen Jahren Michel Pastoureau in seiner Studie "Blau" geliefert. Wegweisend hat er sich darin den in der Kunstgeschichte lange etwas vernachlässigten Farben gewidmet, streng wissenschaftlich, was die Lesbarkeit leider etwas erschwert. Der Philosoph Jürgen Goldstein hingegen nennt seine Arbeit "Gedankenspaziergänge eines Umherschweifenden und planlos Genießenden".

Eine barocke Wunderkammer

Man hat mitunter das Gefühl, als gehe es gar nicht um die Farbe Blau. Vielmehr führt Goldstein exemplarisch das Prinzip barocker Wunderkammern vor – jene meist fürstlichen Sammlungen, die auf kleinstem Raum ein kostbares Allerlei vom geschnitzten Straußenei bis zum komplexen Uhrwerk vereinten, mit dem Ziel der "Gemüths- und Augenergötzung" und einem "Ordnungssystem", das auf Spektakel und nicht auf Logik und Wissensvermittlung aus war."Wichtig ist mir dabei," so Goldstein, "dass wir es schaffen, die verschiedensten Kulturen und Bedeutungen und Interpretationen zu verbinden, zum Beispiel Jimi Hendrix mit Mozart – dann entsteht eine Wunderkammer im Kopf, die die systematische Regulierung der Moderne überwinden kann."

Das vermeintlich zufällige Nach- und Nebeneinander der Themen und Kapitel des Buchs ist dabei fein komponiert: Goldstein beginnt mit dem "Erdaufgang" und den ersten Menschen – Juri Gagarin und William Anders – die den "blauen Planeten" hinter dem Mond aufgehen sahen, und er endet mit "Blue moon", wie man unseren Begleiter nennt, wenn er sich uns zum zweiten Mal innerhalb eines Kalendermonats als Vollmond präsentiert. Und es ist auch kein Zufall, dass das Album "Kind of Blue" von Miles Davis im Zentrum des Buchs steht. Denn soviel ist klar: Jürgen Goldstein ist der Jazzer unter den Philosophen.

Das Buch

Jürgen Goldstein "Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen"
Matthes& Seitz Berlin
233 Seiten


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