Kultur

"Olga" von Bernhard Schlink Literatur mit Moral

Einfacher Stil, große Gefühle, historische Themen: Das ist das Erfolgsrezept von Bestseller-Autor Bernhard Schlink. Sein neues Buch begleitet ein junges Mädchen aus Pommern durch die deutsche Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Von: Marie Schoeß

Stand: 11.01.2018

Bernhard Schlink | Bild: picture alliance / Horst Galuschka/dpa

Es beginnt als klassische Außenseitergeschichte: Nirgendwo ist Olga wirklich willkommen – ohne Eltern wächst sie bei der Großmutter auf, einer kühlen Frau, die ihre Enkelin nie ins Herz schließt. Zu fremd klingt ihr, einer Liebhaberin traditioneller deutscher Namen wie Edeltraut, der Name Olga, und überhaupt ist ihr das Mädchen zu eigensinnig. Die Einsamkeit zieht sich durch Olgas Kindheit, sie fällt nicht auf, eckt nicht an: "Aber sie gehörte nicht wirklich dazu. Sie sehnte sich nach anderen, die ebenfalls nicht dazugehörten. Bis sie einen fand. Auch er war anders. Von Anfang an", so heißt es im Roman.

Der vertraute Schlink-Stil

Er ist Herbert – und vom Außenseiterdasein abgesehen teilt er nur wenig mit Olga. Sie, ein Kind aus prekären Verhältnissen, er, der Erbe eines vermögenden Gutsherren. Sie, das zuverlässige Mädchen, strebsam, bodenständig. Er, der Junge mit Fernweh, immer auf dem Sprung zum nächsten Abenteuer. Doch so unterschiedlich die beiden sein mögen: Sie verbringen ihre Jugend gemeinsam, sie verlieben sich und werden schließlich erwachsen: "Sie hatten drei Jahre umeinander geworben und aufeinander gewartet – jetzt war miteinander zu schlafen eine Erfüllung, die Menschen, die sich Wünsche sofort erfüllen, nicht mehr kennen. Auch die Angst, schwanger zu werden, können sich Menschen, die zu verhüten wissen, nicht mehr vorstellen. [...] Olga erlebte die Wochen wie einen Tanz, in dem sie umeinander wirbelten und dann wieder still ineinanderruhten."

Und da ist er: der Stil, der aus früheren Romanen Bernhard Schlinks so vertraut ist. Eine schnörkellose Sprachführung. Der Ton: pathetisch aufgeladen, und der Erzähler: ein Plauderer in Sachen Moral. Dieses Rezept hat Schlink zum Beststeller-Autor gemacht, zum Autor des "Vorlesers", eines Welterfolges, dessen Beliebtheit in der ganzen Bevölkerung Schlink erfreute: "Es ist eben, was mich freut, ein Buch nicht nur für Intellektuelle." Das erklärte Schlink und die Intellektuellen entgegneten regelmäßig, dass Schlink vielleicht für ein großes Publikum schreibe, aber eher nicht für sie.

Literatur mit Moral

Gerade das offen Moralisierende macht Schlink suspekt, der diese Eigenschaft selbst als Qualität versteht. Von seiner Mutter habe er gelernt, sagt Bernhard Schlink, "dass das Urteilen dazugehört. Dass man sich nicht nur anguckt: Ach, so machen die das. Na ja, wenn die das so machen, dann machen die das so. Sondern sich auch fragt, ist das eigentlich richtig oder eigentlich falsch? Das ist sicher durch diese Mutter und durch diese Erziehung und diese Gespräche gekommen."

Dass das Urteilen dazugehört, spürt man auf jeder Seite des jüngsten Romans. Schlink hat seine Geschichte so angelegt, dass Olga schnell vom jungen Mädchen zur älteren Frau wird. Als solche schließt sie Freundschaft mit einem Jungen und gibt ihm ihre Lebenserfahrungen mit auf den Weg. Das sind einige, denn Schlink lässt Olga den Ersten und den Zweiten Weltkrieg überleben, den Kolonialismus bezeugen, den Nationalsozialismus beobachten und die späteren Studentenproteste. Alles, was Gymnasiasten bis zu ihrem Abitur also über die deutsche Geschichte lernen, erlebt und bewertet Olga.

Keine herausfordernde Figur

Aber Schlink, dem Großkonstrukteur der deutschen Literatur, ist es mit dem Kommentar ihrer Gegenwart nicht genug. Er schafft stattdessen eine Figur, die auch unsere Gegenwart interpretiert – ganz so natürlich, wie Olga sie sehen würde: "Heute würde sie über die Medien spotten, die das Recherchieren verlernt und durch moralisierendes Skandalisieren ersetzt haben. Sie würde das Bundeskanzleramt und die Bundestagsgebäude und das Holocaustdenkmal zu groß finden. Sie würde sich über die Wiedervereinigung freuen, aber das seitdem gewachsene Europa zu groß finden und auch die globalisierte Welt."

Nicht nur dieser Kommentar macht aus Olga einen prophetischen Charakter: Konnten in antiken Mythen die wissenden Figuren nicht sehen, verliert Olga, je älter sie wird, ihr Gehör. Die moderne Abwandlung des alten Motivs also, und wie fein abgestimmt auf die Zeitgeschichte, in die Schlink Olga hineinkonstruiert: Denn dank der Gehörlosigkeit zieht das Getöse des Nationalsozialismus an Olga vorbei, inmitten des Krieges ist sie – Zitat – "in völlige Stille gehüllt". Die antiken Dramatiker schafften es, die Seher-Figuren so zu beschreiben, dass sie zwar die anderen Figuren gegen sich aufbrachten, nicht aber ihre Leser, Zuschauer. Kassandra, Teresias – das sind aufregende, auch dunkle, rätselhafte Figuren. Olga ist all das nicht. Sie ist immer vernünftig, liegt immer richtig und unsicher wird sie nie. Die Komplexität der Moderne, die diffizile Gemengelage historischer Ereignisse – für Olga kein Problem. Das mag Schlink – mal wieder – einen Bestseller bescheren, eine komplexe, herausfordernde Figur beschert er einem Leser aber nicht.

"Olga" von Bernhard Schlink ist im Diogenes-Verlag erschienen.