Kultur

Thomas Bernhard: Städtebeschimpfungen Literarisches Bayern-Bashing

Nein, Thomas Bernhard ließ kein gutes Haar an Augsburg, Würzburg oder München. Und doch können wir Bayern aufatmen, denn wir befinden uns in guter Gesellschaft: Der österreische Schriftsteller zerkratzte - ganz seinem Ruf als "Skandalautor" gemäß - quasi alle ihm halbwegs bekannten urbanen Antlitze - von Brügge bis Bukarest, von Passau bis Paris. Frischer Bernhardscher Zündstoff gefällig? Peter Simonischek und Michael König lesen "Städtebeschimpfungen".

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 12.02.2018

Thomas Bernhard | Bild: pa/dpa

Misanthrop und Skandalautor, vielfach preisgekrönter Dramatiker und Klassiker der Weltliteratur: Das alles und mehr umfasst das österreichische Phänomen Thomas Bernhard. Noch 29 Jahre nach seinem Tod am 12. Februar 1989 inspiriert der "Nestbeschmutzer" die Hoch- und Popkultur: Schriftstellerkollegen, wie Andreas Maier oder Thomas Mulitzer, Theatermacher wie Oliver Reese, der neue Intendant des Berliner Ensembles, Musiker, wie die Band Tocotronic oder auch die Comicwelt, wie es beispielsweise Nicolas Mahler bewiesen hat.

Bernhard-Kenner Raimund Fellinger präsentiert mit seinem Buch "Städtebeschimpfungen" neue Inspirationsquellen für jeden Interessierten, der die Beziehungen zwischen Bernhard'scher Kunst und ihren unmittelbaren Folgen exemplarisch vorgeführt bekommen mag. Raimund Fellinger hat alle ortsbezogenen Attacken aus Briefen, Theaterstücken, Autobiografischem und Romanen gesammelt und dazu das jeweilige öffentliche Nachspiel aufbereitet: Gegenreaktionen von Medien, aufgebrachten Bürgern oder Bügermeistern, Beschwerdebriefe an den Verlag.

Wie im Falle Augsburg 1974: Als Thomas Bernhard die Brecht-Stadt als "Lechkloake" beleidigte, schaltete sich Bernhards Lektor Siegfried Unseld ein, um die empörten Augsburger zu besänftigen. Wenig später stellte sich der "Skandalautor" der Augsburger Presse und entschärfte sein Urteil im Interview: Er habe den Namen der Stadt eigentlich nur aus rhythmischen Gründen in seinem Theaterstück "Die Macht der Gewohnheit" verwendet, es hätte auch jede andere Stadt treffen können. Herausgeber Raimund Fellinger erscheint diese Erklärung wenig glaubwürdig. Möglicherweise hat der Autor das Bernhard-Bashing gar friedlich beenden wollen.

Das Best-of Bernhard gegen Bayern, alphabetisch:

Augsburg

"Morgen in Augsburg …
Gibt es denn in Augsburg überhaupt einen Arzt einen Rheumaspezialisten in diesem muffigen verabscheuungswürdigen Nest
In dieser Lechkloake..."

Aus dem Theaterstück: Die Macht der Gewohnheit

In einem Interview mit Dr. Thea Lethmairin für die Augsburger Allgemeine Zeitung zieht Thomas Bernhard über die Stadt am Lech her:

"Wie kommen Sie gerade auf Augsburg in Ihrem Stück?
Thomas Bernhard: Ich hätte auch Nürnberg sagen können, aber Augsburg klingt halt besser. Sie wissen doch, wie das beim Schreiben ist. Der Rhythmus, der Tonfall – es muß passen.

Also ist Augsburg für Sie eine rein phonetische Angelegenheit gewesen?
Thomas Bernhard: Ja, so war es.

Und die Lechkloake?
Thomas Bernhard: Der gleiche Fall. Es geht doch nicht um die Dinge direkt. Es sind Bezeichnungen für eine Fiktion."

Augsburger Allgemeine, 7. September 1974

Bodenmais

"ROBERT:
'Oder nach Bodenmais
wo wir mit Mathilde gewesen sind'

KARL:
'Du weißt
ich hasse den Bayrischen Wald
wo die Ziegen gutenacht sagen'"

Aus dem Theaterstück: Am Ziel

Dinkelsbühl

"Zuerst glaubte ich
ich ziehe mich enttäuscht
naturgemäß enttäuscht
nur auf die kürzeste Zeit nach Dinkelsbühl zurück
in dieses kleine verschlafene Nest
in welchem sich die Krautköpfe Gutenacht sagen
aber ich bin ganze dreißig Jahre
in Dinkelsbühl geblieben
Weißt du wie klein Dinkelsbühl ist."

Aus dem Theaterstück: Minetti

München

"Lieber Herr Doktor Unseld,
am Montag habe ich in den Münchner Kammerspielen die hundsgemeine Hinschlachtung eines meiner Theaterstücke erleben müssen."

Aus: Thomas Bernhard – Siegfried Unseld: Der Briefwechsel

Passau

"... schon als sie in Passau ankamen, hatten sie gesehen, daß es sich bei Passau um eine der häßlichsten Städte überhaupt handle, um eine Salzburg nacheifernde Stadt."

Aus dem Roman: Der Untergeher

Regensburg

"Die Donau wurde immer noch schmäler, die Landschaft wurde immer noch lieblicher, schließlich, wo sie auf einmal wieder öd geworden war und grau und fade, war Regensburg … Die Stadt gefiel mir nicht, sie ist kalt und abstoßend."

Aus dem autobiografischen Prosatext: Meine Preise

Traunstein

"Traunstein unten liegt auf einem Moränenhügel, aber Ettendorf liegt noch viel höher, sozusagen vom Berg der Weisheit blickte man auf die Niederungen des Kleinbürgertums hinunter, in welchem, wie mein Großvater zu sagen nicht müde wurde, der Katholizismus sein stumpfsinniges Szepter schwang. Was unterhalb Ettendorf lag, war nur die Verachtung wert. Der kleine Geschäftsgeist, der Kleingeist überhaupt, die Gemeinheit und die Dummheit. Blöd wie die Schafe scharen sich die Kleinkrämer um die Kirche und blöken sich tagaus, tagein zutode. Nichts sei ekelerregender als die Kleinstadt, und genau die Sorte wie Traunstein sei die abscheulichste. Ein paar Schritte in diese Stadt hinein, und man sei schon beschmutzt, ein paar Wörter mit einem ihrer Einwohner gesprochen, und man müsse erbrechen."

Aus: Ein Kind

Würzburg

"Wie hasse ich diese mittelgroßen Städte mit ihren berühmten Baudenkmälern, von welchen sich ihre Bewohner lebenslänglich verunstalten lassen. Kirchen und enge Gassen, in welchen immer stumpfsinniger werdende Menschen dahinvegetieren. Salzburg, Augsburg, Regensburg, Würzburg, ich hasse sie alle, weil in ihnen jahrhundertelang der Stumpfsinn warmgestellt ist."

Aus: Meine Preise

Gegen Brutstätten der Borniertheit

Bernhards Attacken richten sich gegen alles Kleinbürgerliche, Stumpfsinnige, gegen alles "Provinzielle", das die Fantasie, den "Geistesmenschen", ersticken würde. Der Herausgeber der "Städtebeschimpfungen" Raimund Fellinger hat in seiner Auswahl auf die Unterscheidung zwischen persönlicher Stellungnahme des Autors und einer Figurenrede in seinen dramatischen Werken verzichtet, "da der Autor sich bekanntermaßen genauso äußert wie seine Protagonisten", so der Chef-Lektor des Suhrkamp Verlags im Nachwort seines Buches.

"Städtebeschimpfungen"

Hasste Thomas Bernhard wirklich alle "mittelgroßen" deutschsprachigen Städte? Auch die europäischen Metropolen, die doch eigentlich versprechen, weniger "stumpfsinnig", weniger provinziell zu sein? Die Welt, so Bernhard, sei "schon gänzlich zur Provinz geworden", sprich: vor Dünkel und Dumpfheit schützt auch nicht die Weitläufigkeit einer Hauptstadt. Wenn aber überall Provinz ist, wäre die Zivilisation dann nicht dem Untergang geweiht? Man darf noch hoffen: Trotz aller repetitiven Auslassungen gegen "muffige Nester" quer durch Europa ist der in Holland geborene Schriftsteller viel gereist. Und tatsächlich fand der vermeintliche Europahasser auch das eine oder andere Fleckchen Erde, das er liebte: Hamburg oder Lissabon beispielsweise, die "herrlichste aller Städte".

Dreiteilige Lesung auf Bayern 2

mit Peter Simonischek und Michael König
radioTexte am Dienstag, 21:05 Uhr
13. / 20. / 27. Februar 2018

Redaktion und Moderation: Antonio Pellegrino

Peter Simonischek (hier links in dem vielfach ausgezeichneten Film "Toni Erdmann") spielt im Hörbuch "Städtebeschimpfungen" Thomas Bernhard.

Das von Raimund Fellinger herausgegebene Buch "Städtebeschimfpungen" ist bei Suhrkamp erschienen. Das gleichnamige Hörbuch, koproduziert von Bayern 2, erscheint am 12. März im Hörverlag.