Kultur

Berlinale 2018 Tagebuch Der erste Tag: Gegen Stereotype auf der Leinwand

Auf Wes Anderson Eröffnungsfilm "Isle of Dogs" folgt mit dem Western "Damsel" der Zellner-Brothers ein filmisches Statement für starke weibliche Charaktere. Außerhalb des Wettbewerbs warten jede Menge Verrücktheiten auf Kinofans.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 17.02.2018

Szene aus dem Berlinale-Film "Damsel" | Bild: Strophic Productions Limited

Das englische Wort "Damsel" bedeutet so viel wie Fräulein oder Jungfer und wird meistens in dem festen Ausdruck damsel in distress verwendet, was Jungfrau in Nöten meint. Der Titel "Damsel" des Spielfilms der amerikanischen Nachwuchsregisseure David und Nathan Zellner, der am ersten Tag des Berlinale-Wettbewerbs gezeigt wurde, führt die Zuschauer aber in die Irre. Denn es geht um alles andere als um eine schwache Frau, die von einem starken, männlichen Helden gerettet werden muss. Mia Wasikowska spielt eine junge Western-Lady, die den Männern sagt, wo es langgeht - und ist die einzige Figur in dieser lakonischen Cowboy&Cowwoman-Komödie, die in ihrem Verhalten konsequent bleibt.

"Ich glaube, das hat mit dem neuen Bewusstsein dafür zu tun, dass Frauen anders gesehen werden müssen, als in der Vergangenheit - ob das im Film ist oder in der Kultur insgesamt. Die Art und Weise, wie sich Frauen präsentieren ändert sich. Es gibt jetzt mehr weibliche Figuren, die eine starke Stimme haben, die sich ausdrücken können, die ihren eigenen Erwartungen gerecht werden. Die Werte von Frauen, die tief in der Kultur verwurzelt sind, ändern sich – und damit auch die Werte von uns allen."

Mia Wasikowska Berlinale Pressekonferenz zu Damsel

Mit einem eindrücklichen Statement für tolle weibliche Hauptrollen hat der Wettbewerb der Berlinale begonnen. Nach dem Animationsfilm "Isle of Dogs", der das Festival eröffnete, lief als nächstes das Regiedebüt "Las Herederas" des Regisseurs Marcelo Martinessi, eine in Paraguay spielende Geschichte eines älteren lesbischen Paares, und danach folgte eben "Damsel" der Zellner-Brothers, die für ihren ungewöhnlichen Genrefilm schon in Sundance auf dem Festival in den Rocky Mountains gefeiert wurden. Die beiden Regisseure des Film sind seit ihrer Kindheit große Western-Fans. Einen eigenen Western zu drehen wurde jedoch schnell zu einer Herausforderung, erzählt Nathan Zellner: "Wir mussten herausfinden, was für eine Geschichte wir drehen wollen und was für Klischees da vorkommen. Selbst in den großen Westernfilmen, sind die Frauenrollen häufig sehr langweilig. Frauen sind einfach nur das Objekt der Begierde oder ein Preis, den der Held dann gewinnt. Diese Westerm waren nicht interessant für uns. Wir wollten aus der Hauptfigur eine komplexe menschliche Figur machen. Und diese Stereotype, die man aus Westernfilmen kennt, wollten wir aufgreifen und dann daraus etwas machen, wozu man auch menschlich ein bisschen mehr Zugang hat."

Der Western "Damsel" und dazu mit "Las Herederas" ein berührendes, atmosphärisch stimmiges Debüt aus Paraguay – ein guter Auftakt also für einen Wettbewerb, der schon vorab kräftig kritisiert wurde.

Ein sicheres Händchen bei der Filmauswahl

Dabei hat die Berlinale erst begonnen und in den letzten Jahren immer mit Erfolg auf Entdeckungen sowie eher unbekannte Filmemacherinnen und Filmemacher gesetzt, wie etwa die Nominierungen für den Oscar 2018 beweisen: Unter den fünf nominierten Werken in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film befinden sich drei Produktionen, die letztes Jahr im Wettbewerb der Berlinale liefen. Als nächstes folgt der erste deutsche Film in der Konkurrenz um den Goldenen Bären – Christian Petzoldts Flüchtlingsdrama "Transit" mit den deutschen Nachwuchsschauspielern der Stunde: Paula Beer und Franz Rogowski.

Berlin: Werbeplakat für die Filmfestspiele «Berlinale» (15.02.-25.02.2018) | Bild: dpa-Bildfunk/Paul Zinken zum Artikel 68. Internationale Filmfestspiele Berlin Der Bayerische Rundfunk bei der Berlinale

Der BR präsentiert dieses Jahr drei aktuelle Koproduktionen bei der Berlinale. Im Wettbewerb läuft die BR-Koproduktion "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot". Außer Konkurrenz ist der Dokumentarfilm "Eldorado" zu sehen. In der Reihe Perspektive Deutsches Kino wird "Die defekte Katze" gezeigt. [mehr]

Das Schöne an der Berlinale: Außerhalb des Wettbewerbs sind in den Nebenreihen alle möglichen Verrücktheiten und Experimente zu entdecken. So hat der Kanadier Guy Maddin aus Material, das aus anderen Werken herausgeschnitten bzw. dort nicht verwendet wurde, einen neuen Film collagiert. "The Green Fog" besteht aus sogenanntem Found Footage aus dem Thriller "Basic Instinct", der Krimiserie "Die Straßen von San Francisco" und dem Science-Fiction-Klassiker "Invasion of the Body Snatchers". Dass sich daraus, kongenial unterlegt mit Musik des Kronos Quartetts, tatsächlich ein eigenwilliges, irritierendes und sehr vergnügliches Kunstwerk ergibt, überrascht und treibt die Vorliebe vieler Regisseure, andere Filme zu zitieren, absurd auf die Spitze.
"The Green Fog" von Guy Maddin läuft in der Berlinale-Reihe Forum des jungen Films.