Kultur


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#baybuch – Bayerischer Buchpreis Franzobel, Andreas Reckwitz und Tomi Ungerer ausgezeichnet

Nach einer öffentlichen Jury-Debatte stehen die drei Gewinner des Bayerischen Buchpreises fest: der österreichische Schrifsteller Franzobel, der Kultursoziologe Andreas Reckwitz und der Schriftsteller und Illustrator Tomi Ungerer.

Stand: 06.11.2017

Franzobel mit Michael Then, Vorsitzender  des Börsenverein des Deutschen Buchhandels, | Bild: picture-alliance/dpa Sven Hoppe

Zwei Stunden rang die Jury in der Allerheiligen Hofkirche in München, um aus jeweils drei Büchern in den beiden Kategorien Belletristik und Sachbuch je einen Preisträger auszuwählen. Mit der Taktik, nach einer so informierten wie leidenschaftlichen Diskussion schließlich das jeweils favorisierte Buch in die Luft zu halten, gelang dies am Ende auch.

In der Kategorie Belletristik erhält der österreichische Schriftsteller Franzobel den Bayerischen Buchpreis für sein Buch "Das Floß der Medusa". Der Roman handelt von der 1816 vor der Küste des Senegals havarierten Fregatte "Medusa", bei der nur 15 von 150 Seeleuten überlebten. Die Jury pries das Buch über diese Katastrophe als "eine Feier der Überschreitung" (Svenja Flaßpöhler), sein kunstvolles Bauprinzip sei das "Too Much" (Thea Dorn). Und trotz des historischen Stoffes gelinge dem Roman immer wieder die Verknüpfung ins Heute – und zwar nie mit dem Holzhammer: Das sei eine echte Kunst.

"Es war für mich ein ungeheurer Kraftakt, dieses Buch zu schreiben."

Franzobel in seiner kurzen Dankesrede.

Einzigartigkeit gewinnt

Andreas Reckwitz

Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz erhält den Preis in der Kategorie Sachbuch für "Die Gesellschaft der Singularitäten". Ein Buch, in dem es um unsere permanente Produktion von Einzigartigkeit geht. Statt der Orientierung an den anderen, am Allgemeinen zähle heute nur noch das, was sich unterscheidet, das, was einen besonders macht. Jurymitglied Thea Dorn gingen beim Lesen von Andreas Reckwitz' Buch ganze Welten auf und auch Svenja Flaßpöhler bewunderte die unsere Gegenwart erschließende Kraft von Reckwitz' Analyse der Spätmoderne.

Ehrenpreis für Tomi Ungerer

Tomi Ungerer

Den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhält in diesem Jahr Tomi Ungerer, einer der wichtigsten Schriftsteller und Illustratoren unserer Zeit, bekannt sind etwa seine Kinderbücher "Die drei Räuber" oder "Zeraldas Riese". Daneben ist der geborene Elsässer ein unermüdlicher Förderer der deutsch-französischen Freundschaft.

Sechs Bücher waren nominiert

In der Kategorie Belletristik waren die Nominierten diesmal der österreichische Schriftsteller Franzobel, seine bayerische Kollegin Petra Morsbach und der in Berlin lebende Klaus Cäsar Zehrer. Für den Sachbuch-Preis waren der Berliner Philosoph Jürgen Goldstein, der Historiker und Publizist Gerd Koenen und der Kultursoziologe Andreas Reckwitz nominiert.

Franzobel entfaltet ein "Theater der Grausamkeit"

"Das Floß der Medusa", so heißt ein spektakuläres Monumentalgemälde, das der Maler Théodore Géricault 1819 zum Pariser Salon einreichte. Zu sehen ist eine brutale Szenerie: ausgemergelte Gestalten auf dünnen Planken im Meer, verbrannte Haut, aufgesprungene Lippen, übereinander getürmte Leiber, Tote. Das Bild zeigte kein mythologisches Motiv, sondern erinnerte an ein nicht lange zurückliegendes dramatisches Ereignis.

1816 lief die Fregatte "Medusa" vor der Küste des Senegals auf Grund, es gab zu wenig Rettungsboote, der Kapitän ließ ein großes Floß zusammenzimmern, auf dem fast 150 Menschen Platz hatten. Es wurde auf dem Meer ausgesetzt, nur 15 Seeleute konnten zwei Wochen später gerettet werden. Die Zeitungen berichteten von der Geschichte, von Hunger und Durst, von Haien und Kannibalismus. Was wird aus dem Menschen und seiner Menschlichkeit, wenn es ums nackte Überleben geht? Diese Frage interessiert auch den österreichischen Schriftsteller Franzobel. Er kennt die Fakten und schildert die drastischen Szenen detailgenau, doch es geht ihm nicht um die rein historische Geschichte: Für Franzobel ist das Floß der Medusa ein "Labor des Menschlichen". Er versieht seinen Text mit vielen Anspielungen auf die Gegenwart und gewinnt dem Schauspiel der Grausamkeit, das er vor dem Leser ausbreitet, auch Züge einer gewaltigen und gewalttätigen Groteske ab.

Petra Morsbach erzählt von den Akteuren der Jusitz

Petra Morsbach begibt sich mit ihren Romanen gerne in immer andere Nischen der Realität. Ihr "Opernroman" führte in die Welt der Bühne, in "Dichterliebe" beschreibt die Autorin eine Szenerie nachwendezeitlicher Künstlerförderung.

Morsbachs neuer Roman "Justizpalast" macht nun das Rechtswesen zum Thema. Er erzählt die Geschichte der Richterin Thirza Zorniger, die aus einer zerbrochenen Schauspielerehe stammt und in der Männerdomäne der Justiz Karriere macht. In diese Geschichte eingestreut sind unterschiedlichste Gerichtsfälle: Straf- und Zivilprozesse, Wirtschaftskriminalität oder Gnadengesuche. So ergibt sich eine Art zeitgenössisches Panoptikum von Schicksalen, tragisch, komisch und nah an den Figuren, aber auch ein Einblick in die Arbeit der Jusitz. Neun Jahre lang hat Morsbach für ihr Buch recherchiert, mit Beteiligten auf verschiedenen Seiten gesprochen und Verfahren im Münchner Justizpalast verfolgt. Entstanden ist so ein gegenwartssatter Roman, der viel über unsere Gesellschaft erzählt und viel davon, was passieren kann, wenn Individuum und Institution aufeinandertreffen.

Klaus Cäsar Zehrer und die wahre Geschichte eines Genies

William James Sidis, geboren 1898 in New York als Sohn ukrainisch-jüdischer Einwanderer, war ein Wunderkind: Mit 18 Monaten konnte er lesen, schon als Kind schrieb er Bücher und beherrschte mehrere Fremdsprachen, mit 11 Jahren hielt er in Harvard vor Gelehrten und Journalisten einen Vortrag über vierdimensionale Körper.

Ein glücklicher Mensch wurde William aber nicht. Als junger Mann brach er mit seinen Eltern, die früh begonnen hatten, ihn zu drillen und ihn gerne öffentlich präsentierten. Sidis zog sich ganz zurück und lebte ein einsames Leben. Der Konflikt zwischen einem besonderen Menschen und einer Umwelt, die ihn für sich nutzen will, ist das Hauptmotiv dieser Biografie. Klaus Cäsar Zehrer, der bisher im Umfeld der "Neuen Frankfurter Schule" veröffentlichte und zum Beispiel zusammen mit Robert Gernhardt "555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten" herausgegeben hat, legt mit "Das Genie" sein Romandebüt vor. Es erzählt von einem Menschen, der in Angst vor der Gesellschaft lebte, mit 14 einen Katalog von 154 Lebensregeln aufstellte und einen Eid darauf ablegte, sie einzuhalten und der ein 400-seitiges Buch über das Sammeln von Straßenbahn-Fahrkarten schrieb. Sidis hatte einen Sinn für vieles, aber nicht für Normalität, und darin liegt auch eine deutliche Kritik an einer Gesellschaft, die auf Normalisierung drängt. Das macht diese ungewöhnliche historische Figur bis heute interessant.

Die Sachbuch-Nominierungen: Blau, Rot und Theorie

Auch in der Kategorie Sachbuch sind drei Bücher nominiert. Der Berliner Philosoph Jürgen Goldstein hat mit "Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen" eine assoziative und materialreiche Geschichte der Farbe Blau geschrieben, die ebenso für Freiheit wie für Trauer steht. Darin kommt der Blick Juri Gagarins auf den blauen Planeten Erde ebenso vor wie das legendäre Yves-Klein-Blau oder die Musik von Miles Davis. Die Auswahl ist entschieden subjektiv und nach Schauwert zusammengestellt – wie in den "Wunderkammern" des Barock.

"Die Farbe Rot" nennt der Historiker und Publizist Gerd Koenen seine mehr als 1000-seitige Abhandlung über Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. Sie setzt nicht erst mit Marx ein, sondern taucht ein in die lange Ideengeschichte des Traums von sozialier Gerechtigkeit und brüderlichem Leben – eine Geschichte, die bis in die Antike zurück- und in die Gegenwart Chinas hineinreicht. Im Zentrum von Koenens Aufmerksamkeit steht dabei das heikle Verhältnis zwischen Utopie und Verwirklichung.

Der dritte in der Kategorie Sachbuch nominierte Titel wendet sich der Gegenwart zu: Dem 21. Jahrhundert, das immer häufiger das Originelle und Unverwechselbare feiert, statt das Durchschnittliche. In "Die Gesellschaft der Singularitäten" untersucht der Kultursoziologe Andreas Reckwitz die Vorgeschichte dieser Entwicklung – durchaus mit dem Anspruch, eine Theorie der Spätmoderne zu schreiben.

Die nominierten Bücher


Belletristik:

  • Franzobel, "Das Floß der Medusa", 592 S., Zsolnay
  • Klaus Cäsar Zehrer, "Das Genie", 565 S,. Diogenes
  • Petra Morsbach, "Justizpalast", 480 S., Knaus


Sachbuch:

  • Jürgen Goldstein, "Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen", 233 S., Matthes & Seitz Berlin
  • Gerd Koenen, "Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus", 1133 S., C.H.Beck
  • Andreas Reckwitz, "Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne", 480 S., Suhrkamp

Der Bayerische Buchpreis wurde am 7. November in der Allerheiligen Hofkirche in der Münchner Residenz vergeben. Vorsitzender der Jury war in diesem Jahr Knut Cordsen vom Bayerischen Rundfunk, der zusammen mit der Schriftstellerin Thea Dorn und der Philosophin Svenja Flaßpöhler Nominierte und Preisträger ermittelte.


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