Kultur

Bayerische Theatertage Diese Stücke dürfen Sie nicht verpassen

35 Theater, 52 Inszenierungen: Bei den 36. Bayerischen Theatertagen in Fürth gibt es viel zu sehen. Was Sie da nicht verpassen dürfen? Persönliche Empfehlungen aus unserer Redaktion.

Von: Martina Boette-Sonner und Christoph Leibold

Stand: 04.06.2018

v | Bild: Bayerische Theatertage Fürth

Vom 6. bis zum 23. Juni wird Fürth zur Bühne - und zwar nicht nur an den fünf Spielorten der Bayerischen Theatertage, die diesmal unter dem Titel „über Mut“ stehen: Manche Theatermacherinnen und –macher verlassen auch den geschützten Raum der Bühne und bespielen die Straßen der Stadt. Insgesamt 35 Theater werden vom 6.-23. Juni 2018 in Fürth zu Gast sein, mit 52 Inszenierungen. Was Sie da nicht verpassen dürfen? Christoph Leibold und Martina Boette-Sonner empfehlen Ihnen folgende Inszenierungen.  

Kafka, klug und komisch

„Das Schloss“ nach Franz Kafka
Regie: Nicolas Charaux, Münchner Volkstheater
empfohlen von Christoph Leibold

K. heißt er. Wie so oft bei Kafka bleibt die Hauptfigur namenlos, ein Buchstabe genügt. K. also kommt als Fremder in ein Dorf. Und wird fremd bleiben. Der örtliche Schlossherr hat ihn als Landvermesser bestellt, der Zutritt ins Schloss aber bleibt K. ebenso verwehrt wie die Aufnahme in die Dorfgemeinschaft. In Nicolas Charaux Inszenierung bilden diese geschlossene Gesellschaft acht Schauspieler*innen in zottligen Pelzmänteln, die sich wie Tiere dem Herdentrieb folgend zusammenrotten. Wer dazu gehört und wer draußen bleiben muss, entscheidet sich willkürlich. Jede oder jeder wird Mal als K. aus der Gruppe ausgesondert.

"Das Schloss"

Nicolas Charaux hat nicht versucht, Kafkas „Schloss“ komplett aufzuschlüsseln. Das ist gut so. Denn so wie das Schloss im Roman für K. versperrt bleibt, sperren sich auch Kafkas Texte gegen eindeutige Lesarten. Wer sich festlegt, verengt den Blick und hat schon verloren. Charaux inszeniert „Das Schloss“ klug als universelle Daseins-Metapher für das menschliche Leben und Streben in seiner ganzen Vergeblichkeit. Und vor allem: Kafka ist bei Charaux nicht nur unheimlich, sondern auch: unheimlich komisch. Eine Qualität, die Kafka-Adaptionen im Theater allzu oft vermissen lassen.

Am 8. Juni bei den Bayerischen Theatertagen: Nach der Vorstellung: ein Nachspiel-Theatergespräch mit Bayern 2 Moderator Christoph Leibold und Schauspieler*innen

Philipp Lahm beim Fußnägelschneiden

Michel Decar: „Philipp Lahm“
Regie: Robert Gerloff, Münchner Residenztheater
empfohlen von Christoph Leibold

Keine Affären, keine Skandale, nicht mal ein Tattoo oder knallbunte Fußballschuhe. Was bitteschön gäbe es gegen so einen grundsoliden Musterprofi wie Philipp Lahm einzuwenden? Außer natürlich, dass er als Dramenheld ein Totalausfall ist. Kein Konfliktpotenzial nirgends. Aber genau das hat Dramatiker Michel Decar natürlich interessiert: die schmerzhaft banale Normalität Lahms zu zelebrieren. Decar zeigt den Kicker beim Fußnägel-Schneiden, Fernseh-Schauen oder Schokolade-Essen.

"Philipp Lahm"

In der Uraufführungsinszenierung von Robert Gerloff hockt Gunther Eckes als Philipp Lahm in einer sterilen Wohnzimmerbühne: aufklappbares Sofa, Flachbildfernseher, Couchtisch – alles wie frisch aus dem Möbelhaus. Daneben gibt es eine große Videoleinwand, auf die absurde Bilder projiziert werden: Eckes auf dem Küchentisch hockend mit dem Kopf im Lampenschirm zum Beispiel. Gerloff lässt Eckes außerdem singen, einen Duschtanz aufführen und mit sich selbst banale Interviews führen. Sehr vergnüglich. Und zugleich – bewusst ! –enervierend belanglos. Decar und Gerloff wollen das Publikum auf die Probe stellen: Ist so ein fader Held auszuhalten? Und tatsächlich: So in sich ruhend, wie Gunther Eckes als Philipp Lahm die meiste Zeit lächelt, kann man als Zuschauer auf Dauern gar nicht anders, als sein Minenspiel als Maske zu interpretieren, hinter der ein Abgrund lauert.

Am 10. Juni bei den Bayerischen Theatertagen

Kleine Paragraphen, in denen sich die Menschen verstricken

Ödön von Horváth: „Glaube Liebe Hoffnung“
Regie: Nik Mayr, Theater Wasserburg
empfohlen von Christoph Leibold

Elisabeth braucht dringend einen Wandergewerbeschein, um arbeiten und vor allem: leben zu können. Der Schein kostet eine Gebühr. Geld, das Elisabeth nicht hat, weil sie dazu ja arbeiten müsste. Was ohne den Schein nicht geht. In „Glaube Liebe Hoffnung“ erzählt Ödön von Horváth von den „kleinen Paragraphen“, in denen sich die Menschen verstricken. Elisabeth lässt er einmal sagen, dass die Menschen „halt keine Menschen“ seien. Nik Mayr hat von Horváths Figuren in Wasserburg denn auch in eine Art Bühnengehege gesperrt. Wie Tiere im Tierpark. Dort drin bleiben sie gefangen in ihren Sehnsüchten. Und in den Wiederholungschleifen eines immer-gleichen Anrennens gegen ein unbarmherziges Schicksal in einer Gesellschaft, die keine Solidarität kennt. So fügen sich die Schleifen zu einer Spirale abwärts. Die Schauspieler*innen aber spielen sich in dieser dichten Inszenierung wunderbar frei.

Am 14. Juni bei den Bayerischen Theatertagen: Nach der Vorstellung: ein Nachspiel-Theatergespräch mit Bayern 2 Moderator Christoph Leibold und dem Regisseur Nik Mayr

Macht, Gewalt, Emanzipation

Turgay Nar: „Das Spiel der Schahrazad“
Regie: Ferdi Değirmencioğlu, Theater Augsburg
empfohlen von Martina Boette-Sonner 

"Das Spiel der Schahrazad"

„Das Spiel der Schahrazad“ ist ein Stück des bekannten türkischen Dramatikers Turgay Nar. Es zeigt den gewalttätigen Hintergrund der Geschichten aus Tausendundeine Nacht, erzählt von Macht und Gewalt – und die Geschichte einer Frau, die sich emanzipiert. Ein Stück fast wie eine antike Tragödie und gleichzeitig hochaktuell. Übersetzt und inszeniert hat es der Regisseur Ferdi Değirmencioğlu. Mit dieser deutschsprachigen Erstaufführung kommt das Theater Augsburg am 21.06. ins Fürther Theater. Karten bestellen!

Am 21. Juni bei den Bayerischen Theatertagen: Nach der Vorstellung: ein Nachspiel-Theatergespräch mit Bayern 2 Moderator Peter Jungblut und Mitwirkenden

Neue Perspektiven – auf die Stadt und auf ein Stück Stoff

„Bodies in urban spaces“, „Kopftuch-Debatten“
Willi Dorner, Monika Dobrowlanska, Anna Poetter, BTT Extra
empfohlen von Martina Boette-Sonner

„BTT Extra“ ist der Titel einer Reihe von Veranstaltungen während der Bayerischen Theatertage, die den Stadtraum erschließen sollen und alle einladen, sich in ungewöhnliche künstlerische Zusammenhänge zu begeben.

"Bodies in urban spaces"

„Bodies in urban spaces“ ist so eine dieser Produktionen, die keinen Eintritt kosten und ein junges Publikum ansprechen sollen. Treffpunkt ist der Fürther Dreiherrenbrunnen, drei Termine sind geplant: 08.06.2018 um 18 Uhr, 09.06.2018 um 12 und um 18 Uhr. Skulpturen einmal ganz anders. Tänzerinnen und Tänzer, bunt gekleidet, bewegen sich auf einem Parcours durch die Stadtlandschaft, verschränken und stapeln sich in Türnischen, auf Treppenabsätzen oder Parkbänken. Als bizarre Körperskulpturen eröffnen sie kuriose Perspektiven auf sonst gar nicht wahrgenommene Orte und geben den Zuschauern ein völlig neues Stadterlebnis. Die temporären Interventionen konfrontieren mit ungewöhnlichen Nutzungsmöglichkeiten des öffentlichen Raums. Der Choreograf Willi Dorner durchbricht die Grenze zwischen Tanz und Skulptur. Hingehen!

Es ist ein Stück Stoff. Nur ein Stück Stoff. Was verbirgt dieses Stück Stoff? Was zeigt es? Wieso diskutiert das ganze Land über das Kopftuch? „Kopftuch-Debatten“ ist der Titel eines Interdisziplinären Theater-Fragments nach dokumentarischem Material in Zusammenarbeit mit dem Verein „multicultural city“ aus Berlin. Die Fürther Künstlerin Anna Poetter und die Berliner Regisseurin Monika Dobrowlanska, diesjährige Prix-Tournesol-Preisträgerin beim Festival d’Avignon in der Kategorie „Jenseits der Grenzen“, sind ein eingespieltes Künstlerduo. Am 12.06. und am 13.06. in der Kirche „Unsere Liebe Frau“ finden die „Kopftuch-Debatten“ statt. Spannend!

„Bodies in urban spaces“: am 08. Juni und am 09. Juni bei den Bayerischen Theatertagen
„Kopftuch-Debatten“: am 12. Juni und am 13. Juni bei den Bayerischen Theatertagen

Die Bayerischen Theatertage

Die 36. Bayerischen Theatertage finden vom 6. - 23. Juni 2018 in Fürth statt – präsentiert von Bayern 2.