Kultur


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"Das Floß der Medusa" Franzobels Roman eines historischen Schiffbruchs

Vor kurzem erst ist dieses Buch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 gelandet: der Roman "Das Floß der Medusa" vom österreichischen Autor Franzobel. Knut Cordsen stellt diesen außergewöhnlichen historischen Roman vor.

Stand: 30.08.2017

Buchcover: Franzobel - Das Floß der Medusa | Bild: Paul Zsolnay Verlag, Montage BR

Eine Katastrophe kann man in Kunst verwandeln: in Malerei ebenso wie in Literatur. "Das Floß der Medusa" ist ein berühmtes Gemälde des Franzosen Théodore Géricault, das den Überlebenskampf einiger Passagiere der 1816 vor der Küste Senegals havarierten und in Seenot geratenen Fregatte zeigt.

Eine Art inverse Fluchtgeschichte

Der Schriftsteller Julian Barnes hat in seiner "Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln" beschrieben, wie das reale Schiffsunglück seinerzeit auf die Leinwand fand. Nun hat es in einen Roman gefunden, verfasst hat ihn der 50-jährige Autor Franzobel. Ihn interessierte am historischen Stoff, dass es eine Art inverse Fluchtgeschichte erzählt: Damals strandeten Franzosen an Afrikas Küste so wie heute Afrikaner an Europas Gestaden.

"Es ist ein Thema, das uns heutige Menschen sehr berührt und für mich war es auch ein Geschenk des Schicksals, diesen Stoff zu bekommen, weil er historisch sehr genau dokumentiert ist, weil man sehr, sehr viele Details nachlesen kann, es so viele Berichte gibt und das Ganze doch als Roman noch nie verarbeitet worden ist. Und ich habe das immer als Geschenk empfunden, diesen Stoff zu bekommen, weil da auch so wahnsinnig viel drinnen steckt. Ich habe mich da total verliebt in diese Expedition in die Abgründe des Menschlichen, wie man’s auch nennen kann."

Franzobel

"Hier war ein Labor des Menschlichen", schreibt Franzobel in seinem Roman und schildert, wie die Schiffbrüchigen auf dem Floß der Medusa mal hüft-, mal knöcheltief im Wasser auf rasch zusammengezimmerten Planken standen. Zu viele von ihnen hatten darauf Zuflucht gesucht, von den ursprünglich fast 150 Menschen befanden sich am Ende dieses langen maritimen Martyriums nur noch 15 an Bord. Viele verhungerten und verdursteten, etliche sprangen aus Verzweiflung ins Meer, Haie taten ihr Übriges.

"Theater der Grausamkeit"

Diejenigen, die bis zuletzt ausharrten, bis zur ihrer zufälligen Rettung auf der von ihnen so genannten "Maschine", schafften es nur, weil sie die Mechanik der Humanität außer Kraft setzten und Kannibalen wurden. Ein "Theater der Grausamkeit" also, und weil Franzobel die Geschichte selbst so abgrundtief düster vorgekommen sein mag, macht er zweierlei: Er wendet sie ins Komische, in dem er die Männer auf dem Floß der Medusa sich unter der sengenden Sonne "im wahrsten Sinne des Wortes ausgebrannt" fühlen lässt, und er verheutigt die Geschichte mit unzähligen Wie-Vergleichen: Da sieht einer aus wie Arnold Schwarzenegger oder "wie das Monster in einer Stephen-King-Verfilmung", und ein hungers Sterbender kommt sich vor "wie ein Fastender in einem Restaurant, ein Veganer bei einer Grillparty".

Vorläufer von Donald Trump?

Seltsamerweise verzeiht man Franzobel diese vielen falschen Analogien, ja man sieht es ihm sogar nach, dass er im völlig unfähigen Kapitän der Medusa eine Art Vorläufer von Donald Trump zu erkennen glaubt.

"Also wenn man den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten sich ansieht, dann kann man ihn schon mal mit diesem dilettantischen, eitlen, schamlosen Kapitän vergleichen, da gibt’s gewisse Ähnlichkeiten. Ich kann’s ja nur aus der Gegenwart heraus beschreiben, ich kenne ja nur die Leute, meine Zeitgenossen, mit denen ich lebe. Von denen sehe ich einige Schwächen, einige Stärken, was die Charaktereigenschaften anlangt, und das übertrage ich auf meine Figuren. Das ist irgendwie ganz klar."

Franzobel

Franzobels in manchen Punkten durchaus streitbarer, insgesamt aber packender lesenswerter Roman "Das Floß der Medusa" ist für 25 Euro bei Zsolnay erschienen.  


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