Kultur

Ausstellung: Wohnungsbau in Bayern Was wir aus 100 Jahren Wohnungsbau lernen können

Früher war mehr Sozialwohnung: 16.000 wurden 1929 in Bayern gebaut - zuletzt nur noch 3.000. Die Ausstellung "Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen!" macht klar: Man kann den Wohnungsmarkt verändern – wenn man den politischen Willen hat.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 14.03.2018

Man betritt diese Ausstellung wie eine Wohnung. Da ist die Garderobe, das Bad, das Wohnzimmer, die Küche. Man kann Schubladen aufziehen, Schränke öffnen, man hört Stimmen, und im Fernseher laufen Filme über 100 Jahre Wohnungsbau in Bayern, etwa wie in den fünfziger Jahren die Gastarbeiter kamen und Unterkünfte brauchten. Das alles ist aufgeteilt in sieben Zeitabschnitte und somit sieben einzelne Zimmer. Es beginnt mit der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg und endet 2018 mit dem Kapitel "Energiewende und bezahlbarer Wohnraum für alle".

Fakten statt Forderungen

Ein bisschen verwundert ist man, dass die Ausstellung Teil des Jubiläumsprogramms "Wir feiern Bayern" der Bayerischen Staatsregierung ist, der man ja durchaus vorwerfen kann, die Wohnungsbaupolitik seit der Wiedervereinigung vernachlässigt und vor allem dem Markt überlassen zu haben. Mussten die Ausstellungsmacher also einen kritischen Ansatz unterdrücken? Nein, sagt Kuratorin Hilde Strobl, denn: "Es steht mir als Historikerin nicht zu, zu sagen, die Politik könnte dies und jenes tun. Sondern ich bin diejenige, die sagt, was in der Vergangenheit unternommen wurde, um daraus zu lernen, um Ideen, die es schon einmal gab, wieder aufzugreifen."

Damschkesiedlung Regensburg, Fink + Jocher (1996)

Wie auch Museumsleiter Andres Lepik erklärt sie, sie hätten die Ausstellung ohne Einflussnahme, Zensur oder konkrete Vorgaben gestalten können. Ihnen sei es ganz selbstbestimmt um die objektive Darstellung von Fakten gegangen, darum, Entwicklungen aufzuzeigen und den Besucher mit größeren Zusammenhängen vertraut zu machen: "Natürlich sind die verschiedenen geschichtlichen Perioden deutlich zu sehen," so Lepik, "wann z.B. mehr oder weniger starkes Engagement vom Freistaat Bayern kam. Aber wir überlassen es unseren Besuchern, die kritischen Fragen zu stellen."

Früher war mehr Sozialwohnung

Eine Ausstellung als Dokumentation der letzten 100 Jahre: Es werden keine einzelnen Projekte hervorgehoben, es gibt keine Modelle oder Pläne. Wer sich auf die knappen, informativen Texte samt den historischen Fotos einlässt und dann noch die auf den Zimmerrückwänden angebrachten Statistiken und Diagramme studiert, sozusagen die Hinterzimmer aufsucht, erfährt eine Menge. Etwa, dass 1929 in Bayern knapp 16.000 neue Sozialwohnungen gebaut wurden. Aktuell sind es weniger als 3.000 pro Jahr.

Es wird klar, wie schnell und effektiv der Freistaat Bayern nach den beiden Weltkriegen auf die Wohnungsnot reagiert hat. Wenn man das auf den heutigen, zwar geringeren, aber trotzdem deutlichen Bedarf an Wohnungen überträgt, gibt es für Andres Lepik keinen Zweifel: "Man sieht, dass - wenn der politische Wille da ist und wenn die Not da ist – der Staat sehr wohl und sehr viele Wohnungen schaffen kann. Natürlich gibt es heute nicht mehr so viele leere Flächen wie unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg."

Steuerungsinstrumente für den sozialen Wohnungsbau

Wohnring Neuperlach (Egon Hartmann, Bernt Lauter und Manfred Zimmer, 1967-1978)

Die Politik aber scheut sich aktuell vor der schwierigen und komplexen Aufgabe, in den teuer gewordenen Städten mehr Wohnraum für die ärmeren Schichten zu schaffen. Denn ohne Reglementierungen geht das nicht. So hat man das Feld den privaten Investoren überlassen. Dabei gäbe es hilfreiche Steuerungsinstrumente für eine sozialere Wohnraumpolitik, meint Hilde Strobl: "Da wäre ein Thema zum Beispiel das sogenannte Gemeinnützigkeitsgesetz, das von den 30er Jahren bis 1988 galt und das gemeinnützige Wohnungsunternehmen von der Steuer befreite. Ziemlich zeitgleich mit dem Niedergang der 'Neuen Heimat', einem Gewerkschaftsunternehmen, verlor die Gemeinnützigkeit ihre Lobby und man hat sie abgeschafft – ohne je tatsächlich zu diskutieren, ob sie wieder eingeführt werden sollte."

Es geht um die Frage, welche Rahmenbedingungen es für eine verantwortungsbewusste Stadtplanung braucht. Was die Ausstellung in der Münchner Pinakothek auf alle Fälle verdeutlicht: Vieles unterliegt zyklischen Schwankungen - abhängig von wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklungen. "Zur Zeit der Weimarer Republik waren Selbstversorgung und riesen Gärten angesagt," betont Strobl, "während man in den 60er, 70er Jahren gar nicht gärtnern wollte, und es heute wieder Urban Gardening, also Stadtgärten gibt."

Solche dynamischen Veränderungen werden in der Ausstellung in Bezug gesetzt zu veränderten Familienstrukturen, demographischen Entwicklungen, Mobilität, Energie und Technik. Am Ende ist klar, dass wir eine andere Politik brauchen, wie Andres Lepik betont: "Indem die Politik die Planung nicht der privaten Hand oder den Investoren überlässt, sondern zunehmend wieder in die Verantwortung eintritt."

Die Ausstellung:

Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen! Wohnungsbau in Bayern 1918 | 2018

Architekturmuseum der TU München, Pinakothek der Moderne
15. März bis 21. Mai 2018