Kultur

Tiroler Festspiele Erl Wie weißrussische Musiker ausgebeutet werden

Lohn-Dumping bei den Tiroler Festspielen in Erl: Die aus Weißrussland stammenden Orchestermusiker werden mit Gagen abgespeist, die weit unter dem liegen, was ihre Kollegen aus EU-Ländern bekommen.

Von: Christine Hamel

Stand: 06.03.2018

Es klang alles perfekt, vielleicht so wie der gleisnerische Des-Dur-Pomp im „Rheingold“. Sinnbetörend in jeder Hinsicht. Vielleicht lag es ja daran, dass niemand von den Verantwortlichen bei den Tiroler Festspielen in Erl jemals fragte, wie es die belorussischen Musiker des Orchesters eigentlich schaffen, Wagners Ring und noch zwei, drei Opern zeitgleich einzustudieren. „Sieben auf einen Streich“, wie es so flott im Sommerprogramm 2017 heißt. Oder ob die Musiker aus Minsk ein Auskommen haben? Wer will sich von musikalischen Höhen denn schon in die Niederungen von Lebenshaltungskosten, Visafragen oder Gagen hinabschwingen.

Opern eingehämmert, statt einstudiert

Die Musikerin, die nicht will, dass ihr Name im Radio genannt wird – sie hat weitere musikalische Auftritte bei den Festspielen in Erl und fürchtet sich vor Entlassung – berichtet von einem System der Ausbeutung. Opern werden nicht einstudiert, sondern eingehämmert, fünfstündige Proben gehören zum Alltag. Der Verein Art but Fair ist inzwischen in den Fall der Festspiele in Erl eingeschaltet, Johannes Maria Schatz ist der Vorsitzende und beschreibt extreme Arbeitsbedingungen unter Maestro Gustav Kuhn. "Ein Orchestermusiker in Deutschland spielt mit dem Dirigenten anderthalb Stunden und danach hat er eine halbe Stunde Pause und danach spielt er noch einmal anderthalb Stunden und dann sind die Proben für ihn um. Das ist in Erl ganz anders, da entscheidet der Herr Kuhn, wann die Probe beginnt und auch, wann die Probe aufhört. Im Zweifelsfall kann das eben auch sein, dass mal so ein Parzival durchdirigiert wird, das sind dann vier, fünf Stunden am Stück, wo die Musiker dasitzen und proben. Oft ist es auch so, dass die Musiker gar keinen Probenplan haben, vielleicht wissen, wann die Probe beginnt, aber nicht wissen, wann sie aufhört, weil das in der souveränen Willkür des Maestros liegt."

Weißrusslands Not in Noten - das Armutsgefälle macht's möglich

Das Orchester setzt sich vor allem aus belorussischen Musikern zusammen. Sie sind offiziell alle Mitglieder des sogenannten „Belorussischen Orchesters Minsk“, einem Privatorchester, das seit einigen Jahren ausschließlich dem Festival in Erl zuspielt. Die Musiker proben das ganze Jahr über das Festivalprogramm und werden im Sommer zwischen Erl und Minsk hin und her gekarrt. Der Verdienst in Erl: 39 Euro, nicht in der Stunde, sondern am Tag. Die Unterkunft wird gestellt, Frühstück, erzählt die Musikerin aus Minsk, gibt es nur manchmal. Aber in Erl hat nie jemand nachgefragt, wie man mit 39 Euro am Tag über die Runden kommt. Es herrsche eisiges Schweigen, sagt sie im Interview, was vor allem an dem belorussischen Manager liege, der von seinen Musikern auch gerne noch einmal zehn Euro am Tag für Vermittlung abzwacke und sich ansonsten wie ein Sklavenhalter benehme, der alle, wie sie wörtlich sagt, auf Linie bringe. Mund zu und spielen, spielen, spielen.

Dass sich die Künstler darauf einlassen, liegt an dem Armutsgefälle. Das durchschnittliche Monatseinkommen in Belarus liegt zwischen 200 und 300 Euro. Für soziale Sicherheit muss jeder selber sorgen. Die Musiker sind alle bestens ausgebildet, haben studiert und sind bekannt für ihre hohe Disziplin. Was in Erl gegeben wird, könnte denn auch den Titel tragen: Weißrusslands Not in Noten.

Festivalbetrieb von Weltrang betreibt Lohn-Dumping

Das Festspielhaus der Tiroler Festspiele Erl

"Umso schlimmer ist es, dass das möglich ist in einem Festivalbetrieb, der von sich behauptet, dass er Weltrang hat und unterstützt wird mit Geldern des Bundes und des Landes, also in diesem Fall von Österreich und das Land Tirol, also mit Steuergeldern unterstützt wird, spätestens dann habe ich den Anspruch, dass danach auch angemessen und fair gezahlt wird und nicht mit Dumping-Löhnen," sagt Johannes Schatz. "Wenn ich Hochkultur produziere, bin ich mir als Manager eigentlich immer bewusst, dass das Geld kostet und nicht Geld bringt. Was aber nicht bedeutet, dass ich das Geld, das ich nicht habe, im Zweifelsfalle, auf die Künstler abwälze."

Zwischen 70 und 180 Euro kosten die Karten bei den Tiroler Festspielen, die Wagner-Opern in diesem Sommer sind schon jetzt fast ausverkauft. Auch im Orchestergraben haben die Festspiele ein skandalöses Armutsgefälle etabliert, der EU-Musiker neben dem weißrussischen Musiker verdient 89 Euro am Tag, was auch weit unter einer angemessenen Gage liegt. Sie fühle sich in Erl oft wie ein Mensch zweiter Klasse, erzählt die Musikerin in unserem Telefonat. Geld, sagt sie, sei ja grundsätzlich da, man habe schließlich gerade ein 80.000 Euro teures Violoncello gekauft.