Kultur

"Das Ende" von Attila Bartis Ein großer Roman über die kommunistische Diktatur

Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts, eine zerrissene Familie, ein Künstlerleben, schmerzhafte Lieben: "Das Ende" von Attila Bartis ist ein vielschichtiger Roman. Ein Buch, in dem viel Welt steckt - und einige Sehnsucht, aus der Welt zu verschwinden.

Von: Niels Beintker

Stand: 20.12.2017

Attila Bartis | Bild: Ekko von Schwichow

Attila Bartis, geboren 1968, gehört längst zu den großen ungarischen Erzählern seiner Generation. Fünfzehn Jahre lang hat er an dem Roman geschrieben, der nun als sein Hauptwerk gilt: "Das Ende" heißt das Buch. Es führt zurück in die 1960er-Jahre, in die Zeit nach der Niederschlagung des Volksaufstandes von 1956. Und es erzählt von Andras Szabad, von einem jungen Mann, der Fotograf wird – das verbindet ihn mit Attila Bartis, der ebenfalls auch fotografiert. Ein Leben voller Verheerungen und Verletzungen wird auf 750 Seiten geschildert, eindringlich und literarisch großartig. "Das Ende" ist einer der großen Romane aus Ost- und Mitteleuropa. Niels Beintker hat Attila Bartis zum Gespräch getroffen.

Niels Beintker: Attila Bartis, zunächst die Frage: Was hat sie bewogen, die 60er-Jahre schreibend zu ergründen?

Attila Bartis: Wenn ich ehrlich sein darf, dann muss ich sagen, der Eindruck, ich wollte über die 60er-Jahre schreiben, führt ein wenig in eine falsche Richtung. Das war nicht der Ausgangspunkt für mich und meinen Roman. Ich wollte diese Zeit nicht aufdecken, ich habe vielmehr nach einer Geschichte gesucht, über die ich wirklich glaubhaft berichten konnte – und für die ich selber Belege habe. Was mich vor allem interessiert hat, ist die Verbindung zwischen dem Individuum, der Familie, der Gesellschaft und schließlich der Politik. Darüber wollte ich schreiben. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass ich dieses Thema in einer anderen Geschichte bearbeiten kann – und in einer anderen historischen Zeit, dann hätte ich eine andere Wahl getroffen.

Es ist auch immer die Frage, wie findet ein Stoff jemanden, der über diesen Stoff schreibt und erzählt. Die Farbe Grau spielt eine große Rolle im Roman. Ist das auch die treffende Farbe mit Blick auf die Zeit, von der Sie erzählen?

Ich würde sogar die These aufstellen, dass diese Zeit eine der grauesten Perioden in der Geschichte des Menschen gewesen ist. Alle Epochen, in denen mit Druck und Gewalt von außen regiert wird, sind sehr graue Perioden.

Die Geschichte von Andras Szabad – seine fiktive Biografie – steht im Zeichen des 20. Jahrhunderts, ist geprägt durch die politische Gewalt. Das wird deutlich an der Lebensgeschichte des Vaters, der am Volksaufstand von 1956 teilnahm. Der Roman schildert auf bewegende Weise, wie schwer es ist, mit den Folgen von Willkürjustiz und Haft zu leben. Ebenso, wie schwer es ist, über das Erlebte zu sprechen. Inwiefern prägt die Sprachlosigkeit die besondere Beziehung zwischen Vater und Sohn und ihr nicht einfaches Zusammenleben?

Im Grunde bestimmt die Sprachlosigkeit das Verhältnis zwischen Vater und Sohn voll und ganz. Und nicht nur das: Es sind auch die Folgen, die aus dieser Sprachlosigkeit erwachsen. So vieles gehört dazu, angefangen bei der Politik, angefangen bei der Gesellschaft. Diese Beziehung ist ein komplexes System. Das Leben des Vaters gehört selbstverständlich dazu – es wurde durch die Politik ruiniert. Ebenso das Leben der Mutter und ihr früher Tod. In dem System, von dem der Roman erzählt, gibt es zwei Individuen. Sie müssen – in der Praxis – zusammenleben. Und zugleich finden sie keinen Weg zueinander, und das, obwohl sie sich lieben.

Die Frage des Vertrauens und des Verrates ist zentral. War das Ihnen klar beim Schreiben, von Anfang an?

Das war von Anfang an klar. Und das hat auch den Grundton des Buches bestimmt. Man sollte diesen Roman nicht als autobiografisch beschreiben – das geht nicht. Dennoch ist das ein sehr persönliches Buch. Das Autobiografische und Persönliche ist durch mindestens sechs Millionen Siebe durchgesickert. Und es wurde destilliert. Aber trotzdem ist es in die Geschichte eingeflossen, die ich erzähle.

Die Erfahrung politischer Gewalt lastet überhaupt auf der Familie von Andras Szabad. Der Onkel wurde im Zweiten Weltkrieg von Pfeilkreuzlern erschossen, er lebte mit einer Jüdin zusammen, bekam zusammen mit ihr ein Kind. Diese Geschichte gehört zu denen, die immer wieder angesprochen werden im Roman, auch sie gehört zu den wunden Punkten in der Erinnerung von Andras Szabad, in der Biografie seiner Familie. Sie thematisieren damit anschaulich die Erfahrungen totalitärer Gewalt, in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, ebenso in der kommunistischen Diktatur. Was hat Sie an diesem Thema interessiert? Welche Fragen waren Ihnen wichtig im langen Prozess des Schreibens?

Ich kann Ihnen nur zustimmen. Dieses System – der Totalitarismus – ist sehr dunkel. Es ist so dunkel, dass es das ganze Leben durchdringt und in die Biografie eines Individuums sickert. Es bestimmt die Liebe, es bestimmt die Kindheit, sogar der Geschmack des Mittagessens am Sonntag ist davon durchdrungen. Das ist der Teil des ganzen Systems, den man nicht verzeihen kann. Das Leben eines Menschen, eines Individuums wird als ein Nichts betrachtet – als etwas, das wertlos ist.

Sein Freund, der Dichter Kornel, sagt einmal zu Andras Szabad, er ziehe die Verwirrten an wie das rohe Fleisch die Fliegen. Die Geschichte seiner Beziehungen soll das zeigen. Wir Leser werden Zeugen der unerfüllbaren Sehnsucht, einander zu lieben, von Hoffnungen, die im Grunde von Anfang an zerstört sind. Erst mit der Liebe zur Pianistin Eva Zarai soll sich das alles ändern. Sie schreiben schonungslos über den Weg von Andras Szabad dorthin – zu einem Wendepunkt in vieler Hinsicht, der aber letztlich nicht ein anderes Leben und Lieben mit sich bringt. Nichts ist romantisch, nichts ist verklärt, überall ist Schmerz – in der grauen Zeit, in die der Roman führt, sind das normale Lieben und Leben unmöglich. Inwiefern prägt diese Erfahrung den Weg von Andras Szabad?

Im Grunde bestimmt diese Erfahrung das ganze Leben – und zwar absolut. Das ist die wichtigste Erfahrung. Das gilt auch für uns. Auch unser Leben wird durch solche Erfahrungen bestimmt. Auch wenn wir das nur sehr schwer akzeptieren können: Es sind nicht die guten und schönen Erfahrungen, sondern es sind die Wunden, die Schmerzen, die Traumata, die unser Leben in einem weitaus höheren Maße bestimmen. Diese stehen im Mittelpunkt unserer Beziehungen. Das trifft nicht nur aus Andras Szabad zu. Das gilt für seine Familie, ebenso für die ganze Gesellschaft – das ganze Konglomerat, das hier, im Roman "Das Ende", geschildert wird. Wenn ich nicht über Andras, sondern zum Beispiel über einen seiner Nachbarn erzählen würde, so wäre der Befund der gleiche.

Die Raumfahrt, überhaupt die Naturwissenschaft spielt eine wichtige Rolle im Roman: Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltraum, die Möglichkeiten seiner Biografie, werden zu Leitmotiven, verknüpfen die Geschichte von Andras Szabad mit der Zeitgeschichte im Kalten Krieg. Was bedeutet Ihnen der Blick in die Eroberung des Welt-Raumes, der Schwerelosigkeit?

Das hängt im Grunde mit meiner eigenen Geschichte zusammen. Eigentlich gehen alle meine Texte auf dieses Motiv ein und betrachten dieses Thema – denken Sie etwa an die Romane "Der Spaziergang" und "Die Ruhe" oder auch an die Kurzgeschichten und Novellen. Es geht um die Sehnsucht, aus dieser Welt zu verschwinden, um eine Flucht. Hier, im Roman "Das Ende", durch eine Landung auf dem Mond. Das ist ein Motiv, das immer wieder kehrt. Und zugleich ist es eines der grundlegendsten Motive überhaupt. Es ist eigentlich archetypisch.

Ihr Roman "Das Ende" ist vielschichtig: der Roman einer Familie aus dem 20. Jahrhundert, dem Zeitalter der Extreme – und ebenso ein Roman, der vom Zerfall einer Familie in eben diesem Zeitalter erzählt. Er ist ein Entwicklungsroman und der Roman eines Künstlers. Sie sind selbst auch Fotograf, wie Andras Szabad. Und der Roman thematisiert immer wieder zentrale Fragen dieser Kunst: dass die Fotografie, das Bild, der Punkt ist, an dem sich Zukunft und Vergangenheit berühren. Inwiefern ist der Roman "Das Ende" für Sie ein Gefäß, um über große Fragen dieser Ihrer Kunst, der Fotografie, nachdenken zu können?

Das ist ein sehr wichtiger Teil des Romans. Er bestimmt die Geschichte und prägt den gesamten Text. Und das ist gleichzeitig der Teil, bei dem man eine Parallele zum Roman "Die Ruhe" aufstellen kann. Dort wird der Prozess des Schriftsteller-Werdens geschildert, das Nachdenken über das Schreiben spielt eine große Rolle. Hier geht es nun um die Fotografie und um den Prozess, wie man zum Fotografen wird. Das ist die persönliche Komponente. Und eigentlich geht es nicht darum, was die Fotografie für Andras Szabad bedeutet, sondern darum, was die Fotografie für mich persönlich bedeutet – und wie ich sie verstehe und deute.

"Das Ende" von Attila Bartis ist in der Übersetzung von Terézia Mora bei Suhrkamp erschienen.