Kultur


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Åsne Seierstad: "Zwei Schwestern" Warum zwei Mädchen in den Dschihad zogen

Die norwegische Reporterin Åsne Seierstad hat sich mit einem Porträt von Anders Breivik einen Namen gemacht, ihr neues Buch erzählt von zwei Flüchtlingsmädchen, die sich entscheiden, für den Islamischen Staat zu kämpfen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 06.12.2017

Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für Åsne Seierstad

Wie gerade bekanntgegeben wurde, erhält Åsne Seierstad den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2018 für "Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders". Das Buch über Anders Breivik war letztes Jahr auf Deutsch erschienen.

Die Schwestern Ayan und Leila Juma sind als Kinder zusammen mit ihren Eltern dem somalischen Bürgerkrieg nach Norwegen entflohen. Im Alter von 16 und 19 Jahren entscheiden sie sich, für den Islamischen Staat in den Krieg zu ziehen und gehen nach Syrien. Sie verlassen ihr Elternhaus und tauschen ihr sicheres Leben ein gegen ein Leben im Kampf. Vom "Bann des Dschihad" erzählt Åsne Seierstad in "Zwei Schwestern", Knut Cordsen hat mit der Autorin gesprochen.

Knut Cordsen: Die ältere der beiden Schwestern, so schreiben Sie, hat als Schülerin mal ein Märchen verfasst, eine "Reise ins Unbekannte" – über zwei Mädchen, die gemeinsam aufbrechen, "um sich selbst zu entdecken". Ist die für ihre Familie völlig unerwartete Entscheidung der zwei Schwestern, nach Syrien aufzubrechen, um dort für den Dschihad zu kämpfen, Ihrer Meinung nach auch eine Art Selbstfindung?

Åsne Seierstad: Ich bin überzeugt davon, dass ihr Weggang existentielle Gründe hatte. Ist das nicht eine – sicherlich extreme – Form der Sinn- und Identitätssuche, wie sie für Teenager typisch ist? Natürlich zieht der durchschnittliche Teenager dafür nicht in den Krieg oder beschließt für Allah zu sterben. Aber als Migrant aus Somalia gehört man in Norwegen einer Minderheit an, und stellt mehr als andere Gleichaltrige in Frage. In den Debatten über Integration und Religion muss man seine Glaubensrichtung, den Islam, verteidigen. Gerade als Teenager ist man auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft, und im Fall der zwei Schwestern war es ein langer Weg bis zur Entscheidung, sich dem Islamischen Staat anzuschließen.

Ayan und Leila Juma sind maßgeblich durch die salafistische Jugendorganisation "Islam Net" radikalisiert und letztlich auch als Kämpferinnen des IS rekrutiert worden. Wird in Norwegen über ein Verbot der Organisation diskutiert?

Die Debatte gibt es zwar, aber nur in geringem Ausmaß. Denn wir können nicht alles verbieten, was uns nicht gefällt. Die Sache mit "Islam Net" ist kompliziert: Es ist eine salafistische Organisation, aber sie ist gewaltfrei. Nahezu alle Norweger, die sich dem IS anschlossen, waren zu einem gewissen Zeitpunkt Mitglieder dieser Organisation, sprangen irgendwann aber ab und radikalisierten sich auf anderen Wegen weiter. "Islam Net" würde also immer von sich behaupten, solche Wege in die Illegalität zu stoppen, wohingegen andere sagen, gerade "Islam Net" sei das Sprungbrett für alle Gewaltbereiten. So lange sie nicht offen für Gewalt oder Terror werben, können wir sie nicht verbieten.

Ihr Buch kreist um eine zentrale Frage: "Was bewegt zwei ehrgeizige Mädchen mit guten Schulleistungen, die als Kinder aus dem Krieg geflohen sind, in ihrer Jugend erneut ein Kriegsgebiet aufzusuchen und sich dem rigiden System des Islamischen Staates zu unterwerfen?" Wie lautet Ihre Antwort darauf?

Darauf gibt es natürlich eine Vielzahl von Antworten, die ich auf diesen 500 Seiten zu versammeln versuche. Ich finde es schon interessant, dass sie nicht die beiden einzigen sind, die als Kriegsflüchtlinge wieder in den Krieg ziehen. Der Mann, den Ayan heiratet in Syrien, kam als 13-Jähriger aus Eritrea nach Norwegen und entschied sich zehn Jahre später, wieder in den Krieg zu gehen. Alle diese jungen Menschen vereint eine große Instabilität, ein mangelndes Sicherheitsgefühl in ihrer Kindheit. Viele von ihnen sind in Pflegefamilien groß geworden. Es ist eben nicht der typische Teenager, der zum Islamischen Staat geht. Die Statistik für Norwegen wie für Deutschland ist da eindeutig: 60 Prozent derjenigen, die nach Syrien gehen, sind polizeibekannt, junge Kriminelle, die durch Diebstahl, Drogenverkauf oder Gewalt auffällig geworden sind.

In dieser Hinsicht sind Ayan und Leila, die beiden Schwestern, über die ich schreibe, anders. Sie gehören dieser Gruppe nicht an. Ihnen scheint es um etwas Existenzielles gegangen zu sein. Sie waren der Überzeugung: Das Leben, welches wir leben, ist nicht das wirkliche Leben. Das wirkliche Leben beginnt erst nach dem Tod – im Paradies oder in der Hölle. Jeder kommt dahin, wo er verdient hat hinzukommen. Wenn wir uns in diesem Leben gottesfürchtig und gut verhalten, werden wir ins Paradies kommen, und wenn wir für Allahs Sache in den Tod gehen, werden wir den besten Platz überhaupt einnehmen können: den am Fuße von Allahs Thron. Es war diese Romantisierung des Todes, die Ayan und Leila von ihrem Koranlehrer eingeimpft wurde, von"Islam Net" und von verschiedenen Internet-Seiten.

Der Bruder Ismael entschied sich für einen ganz anderen Weg. Er kehrte sich ab vom Islam. Auch das beschreiben Sie.

Ismael war in gewisser Weise ein Geschenk für mich als Autorin. Gäbe es ihn nicht, würde man sich angesichts seiner beiden Schwestern vermutlich sagen: Da stimmt doch etwas mit der Familie nicht. Dann ist da aber dieser Junge, altersmäßig genau zwischen Leila und Ayan, und er ist am Ende des Buches so säkular wie man nur sein kann in Norwegen. Er ist ein Atheist. Und er chattet mit seinen Schwestern in Syrien – diese Konversationen bilden das Rückgrat des Buches.

Er schreibt ihnen: "Ich hatte nichts gegen Religion, bis ich sah, was sie aus euch gemacht hat. Ich habe mich mit der Religion befasst und sehe darin nur ein Hilfsmittel, um das Unerklärliche zu erklären. Ich glaube so wenig an Allah wie an das Fliegende Spaghettimonster." Danach brach der Kontakt ab. Für einen religiös erzogenen Somalier ist es ein großer Schritt, sich vom Glauben abzuwenden. Für die Mutter Sara war das eine Tragödie. Sie findet die Tatsache, dass ihr Sohn ein Atheist geworden ist, genauso schlimm wie die Tatsache, dass ihre Töchter nach Syrien gegangen sind. Sie erzählte mir, dass sie den Rest ihrer Kinder, die beiden kleineren Jungen, vor norwegischen Einflüssen bewahren müsse. Denn sie ist der Überzeugung: Wenn man in Norwegen aufwächst, wird man entweder ein Extremist oder ein Atheist. Also gab sie ihre beiden jüngsten Kinder in eine Koranschule nach Somalia, damit sie dort in "moderatem Islam" unterrichtet würden. Es gibt also eine wahre Vielfalt in dieser Familie, ihre Mitglieder sind sehr unterschiedlich. Ich freue mich darüber, dass es Ismael gut geht, dass er sich zum Ingenieur ausbilden lässt und dass er aus eigenen Stücken Norweger ist. Er lebt ein ganz normales Studentenleben wie seine Freunde.

Sie fällen keinerlei moralisches Urteil über das Verhalten von Ayan und Leila. Warum diese Zurückhaltung?

Das ist wohl mein Stil. Schon in meinem vorherigen Buch, "Einer von uns", über Anders Behring Breivik und sein Massaker auf Utøya und in Oslo, bei dem 77 Menschen starben, habe ich es vorgezogen, zu recherchieren und mich eines Urteils enthalten. Worin läge der Vorteil, wenn man sich so einer Geschichte moralisierend näherte? Ich will herausfinden, was und warum etwas geschehen ist. Und ich wollte es sogar aus seiner, aus Breiviks Sicht zu verstehen versuchen, auch wenn das sehr schwerfällt.

Im Handeln der zwei Schwestern Ayan und Leila habe ich genauso versucht, eine inhärente Logik darin zu erkennen. Eine Logik lässt sich am besten ermitteln über eine Chronologie der Ereignisse. Langsam setzen sich die Puzzle-Teile zusammen. Das alles geschieht im Dialog mit dem Leser. Ein Buch existiert nur im Gespräch mit dem Leser. Und je nachdem, wer Sie sind – ein junges somalisches Mädchen, ein Polizist, ein Psychiater, eine Krankenschwester, ein deutscher Radio-Reporter, Vater oder Mutter – wird die Lektüre und das Urteil über Ayan und Leila anders ausfallen. Meine Aufgabe ist es, die Fakten zu recherchieren und die Tatsachen zu erzählen. Der Leser kann sich dann selbst sein Urteil bilden.

Das Massaker von Anders Behring Breivik findet in Ihrem neuen Buch auch kurz Erwähnung. Sehen Sie eine Verbindung zwischen seinem militanten, tödlichen Hass und der Hinwendung von Ayan und Leila Juma zum Islamismus?

Ich erkenne durchaus eine Verbindung in Hinblick auf die Ideologie: Der eine, Anders Behring Breivik, ist ein Rechtsextremer, ein Faschist, und die beiden anderen, Ayan und Leila Juma, sind offenkundig Islamfaschisten. Der Islamische Staat, dem sie angehören, maßt sich das Recht an, Richter über Tod und Leben zu sein – Menschen umzubringen, die es angeblich nicht wert sind, weiter zu leben, weil sie ungläubig sind oder einem falschen Glauben anhängen. Diese ganze Wahnidee, eine Gesellschaft reinigen, säubern zu können von missliebigen Elementen, dieser Extremismus verbindet Anders Behring Breivik und Ayan und Leila Juma, obwohl sie selbst sich als größte Feinde betrachten würden. Auch Breivik stellte sich, bevor er mit dem Morden begann, die Frage: Zu wem gehöre ich? Beide Bücher kreisen um diese Frage der Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit.

Sadiq Juma, der Vater, hat seine beiden Töchter mehrmals unter Lebensgefahr in Syrien gesucht. Als er dabei in IS-Gefangenschaft gerät und beinahe hingerichtet wird, kommentiert das Ayan kühl mit den Worten: "Tja, wenn er spioniert, muss er eben bestraft werden." Sadiq Juma wollte, dass Sie das Buch schreiben und seine Geschichte bzw. die seiner Familie erzählen, oder?  

Ja, er wollte, dass diese Geschichte erzählt wird. Er fragte mich nicht direkt, er wendete sich an einen Freund, der Freund wandte sich an mein Verlagshaus und die fragten dann mich. Ich war mir zunächst sehr unsicher, ob ich das machen sollte. Ein Journalist und eine Familie haben erst mal ganz unterschiedliche Interessen. Ich will etwas enthüllen, was sie möglicherweise lieber verbergen oder geheim halten will. Ich traf Sadiq das erste Mal neun Monate, nachdem Ayan und Leila verschwunden waren. Er sagte mir: Als die Mädchen weg waren, konnte sich zunächst niemand erklären, warum sie gegangen waren. Die Eltern nicht, die Lehrer nicht, keiner konnte sich einen Reim darauf machen, wieso sie sich derart radikalisiert hatten.

Aber mit einem gewissen Abstand zu den Ereignissen, im Rückblick, in der Erinnerung an bestimmte Verhaltensweisen, wurde auf einmal klar: Das war eine Radikalisierung, wie sie im Lehrbuch steht. Sadiq meinte, dass die Geschichte von Ayan und Leila als warnendes Beispiel dienen könnte: So kann es laufen, wenn Eltern, Schule, Freunde nicht aufpassen. Mir hat das eingeleuchtet. Denn Radikalisierung ist ein schleichender Prozess, und es gibt viele Anzeichen, die uns warnen sollten, ob das nun die Kleidung ist oder ob es die Argumente sind, mit denen wir konfrontiert werden. Wir wissen heute viel mehr als noch vor fünf Jahren darüber, wie solche Radikalisierungsprozesse ablaufen und wie wir sie frühzeitig erkennen. Ich glaube, Bücher wie dieses könnten dabei helfen.

Ayan und Leila leben heute nach wie vor in Syrien, sie sind Ehefrauen und Mütter. Was wissen Sie darüber, wie es ihnen heute geht, was sie machen?

Ihr Vater bekam vor zwei Wochen den Anruf eines anderen Vaters, dessen Tochter ebenfalls nach Syrien gegangen ist und die anders als Ayan und Leila den Kontakt zu ihrer Familie in Norwegen hält: Aisha, eine Freundin von Ayan und Leila. Sie berichtete, sie habe die zwei Schwestern gerade getroffen, sie hätten ihre Kinder dabei gehabt, aber von Ayans Mann Hisham fehle seit sechs Monaten jede Spur. Zuletzt sei er in Raqqa gewesen. Ayan und Leila befinden sich jetzt auf dem letzten Streifen Syriens, der unter dem Kommando des Kalifats steht. Dort toben gerade heftige Kämpfe. Ich frage mich natürlich: Bedauern die beiden Frauen heute, nach Syrien gegangen zu sein? Das waren ja zwei intelligente Frauen, die ursprünglich Rechtsanwältin und Diplomatin werden wollten. Ihnen standen viele Wege in Norwegen offen. Sie hätten studieren können. Denken sie immer noch, dass sie alles dafür tun müssen, ins Paradies zu kommen, um am Fuß von Allahs Thron zu sitzen? Diese Fragen würde ich ihnen gerne stellen, wenn sie jemals wieder aus dem syrischen Bürgerkrieg zurückkehren sollten.

"Zwei Schwestern. Im Bann des Dschihad" ist in der Übersetzung von Nora Pröfrock bei Kein & Aber erschienen.


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