Kultur

Holocaust-Comic "Maus" Art Spiegelman zum 70. Geburtstag

Er hat die einflussreichste Graphic Novel der Comicgeschichte geschrieben: "Maus". Auch mit 70 Jahren bleibt Art Spiegelman, Sohn von Holocaust-Überlebenden, ein prägender Intellektueller – und Kommentator der Gegenwart.

Von: Thomas von Steinaecker

Stand: 11.02.2018

Art Spiegelman  | Bild: picture-alliance/dpa

Eine Szene, wie sie zum Standardinventar der Erinnerungskultur gehört: Der erwachsene Sohn fragt seinen alten Vater über dessen Vergangenheit aus. Und nach ein wenig Grummeln kommt der ins Erzählen. So beginnt der erste Band von Art Spiegelmans "Maus". Während der Vater dann auf seinem Fitnessfahrrad wie in einer Zeitmaschine auf der Stelle tritt, zerfällt er zu den Einzelbildern eines Mosaiks, das es zusammenzusetzen gilt. In den Speichen scheinen derweil die Bilder der Vergangenheit auf.

Der gesamte fast 300-seitige Comic-Roman ist von einer Vielzahl solch brillanter formaler Einfälle durchzogen. Und doch ist es in erster Linie etwas ganz Simples, Grundsätzliches, das "Maus" mittlerweile zum Klassiker, bei Erscheinen jedoch zum weltweit diskutierten Skandal werden ließ.

Auschwitz zu Mauschwitz gemacht

Der Untertitel des ersten Teils sagt es bereits, es geht um die "Geschichte eines Überlebenden", es geht um Vladek Spiegelman, Art Spiegelmans Vater, der zusammen mit seiner Frau Anja Auschwitz überlebte. Das allein, die Darstellung des an sich Undarstellbaren, ist für jeden Künstler bereits eine kaum zu bewältigende Herausforderung, zumal für einen Zeichner, der sich nicht hinter Worten verstecken kann, sondern das unsagbare Grauen tatsächlich "zeigen" muss. Die Entscheidung, den Holocaust als Comic zu erzählen, in einem Medium also, das den Begriff der "Komik" schon im Namen trägt, erschwert die Sache noch – und wird vollends kontrovers durch Spiegelmans Kunstgriff, Geschichte zur Fabel, die Juden zu anthropomorphen Mäusen, die Deutschen zu Katzen und die Polen zu Schweinen zu machen.

Aus Auschwitz wird Mauschwitz. Das klingt, wenn man es heute hört, immer noch so genial wie provokant – was diese Idee aber 1986 bedeutete, als der erste Band von "Maus" in den USA und drei Jahre später in Deutschland erschien, das kann man sich aus der zeitlichen Distanz von über 30 Jahren nur mehr schwer vorstellen. Die Frankfurter Rundschau sprach vom "Zerfall des Comic-Romans", Der Spiegel abwertend vom "Holocaust-Cartoon", Tempo fragte zynisch "Warum nicht künftig die Juden als Hündchen abbilden und den Comic 'Wauwauschwitz' nennen?"

Als "Maus" erschien, fing das Problem schon bei der Gattung an: Eine gezeichnete Erzählung von der Länge eines Romans in einem Medium, das im normalen Buchhandel irgendwo in der Kinderabteilung untergebracht war? Der Ausdruck Graphic Novel, der heute für anspruchsvolle Comics von epischer Länge in aller Munde ist, damals war er noch Zukunftsmusik. Es gab schlicht nichts Vergleichbares. Schon gar nicht über den Holocaust.

Ein unsympathischer Held

Das Ausgangsmaterial für "Maus": Tonbandaufnahmen von Gesprächen, die Art Spiegelman Anfang der 1970er-Jahre mit seinem Vater in New York führte. Denn auch wenn "Maus" eine Comic-Fabel ist, handelt es sich doch um ein autobiografisches Werk. Als die "New York Times" "Maus" in ihrer Fiction-Bestseller-Liste führte, bat Spiegelman nachdrücklich, unter Non-Fiction eingeordnet zu werden. Schließlich handele es sich beim Holocaust ja nicht um eine Fiktion.

Die Gesprächssituation mit dem Vater durchzieht das gesamte Buch. Oft irrt sich Vladek. Gab es nun ein Orchester in Auschwitz oder nicht? Vladek leugnet das hartnäckig, Art jedoch findet Beweise dafür. Zudem ist Vladek kein sonderlich sympathischer Zeitgenosse: Mit seinem Geiz macht er Art das Leben schwer und ätzt regelmäßig gegen Schwule und Schwarze – auch das ein Bruch mit der Tradition der bisherigen Opfer-Darstellung, schließlich war der, der überlebte, ein moralisch unangreifbarer Held.

Art Spiegelman selbst wiederum hadert genau aus diesem Grund im Buch mit sich, reflektiert die eigene Darstellung, ruft permanent in Erinnerung, dass Geschichtsschreibung immer Re-Konstruktion ist, bei der notgedrungen nie zu füllende Leerstellen bleiben. Und paradoxerweise macht gerade diese ehrliche, oft quälende Erinnerungsarbeit Spiegelmans Katz- und Maus-Comic über Auschwitz so authentisch, in einem Maß, das spätere künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Thema wie Steven Spielbergs "Schindlers Liste" oder Roberto Benignis "Das Leben ist schön" nie erreichten. Letzteres für Spiegelman ohnehin einfach nur: "Holokitsch".

Vom kontroversen Comic zum Stoff für Seminare

Art Spiegelman: "Maus"

Auch wenn "Maus" ursprünglich Kontroversen entfachte, so wurde es doch sehr schnell als ein in mehrfacher Hinsicht Epoche machendes Werk erkannt. Es revolutionierte die Comic-Szene, indem es den Beginn des Graphic Novel-Booms einläutete. Ohne "Maus" wären Werke wie Marjane Satrapis "Persepolis" undenkbar. Es revolutionierte die Darstellung des Holocausts, indem es ihn in die Popkultur überführte. Und: Es revolutionierte das Memoiren-Genre, indem es die Mechanismen der Erinnerung offenlegte wie nur wenige andere Werke davor. All das machte "Maus" zum Phänomen. Es wurde zum Stoff an der Universität und vor allem: zum Longseller, in dreißig Sprachen übersetzt und über zweieinhalb Millionen Mal verkauft.

"Maus" machte Art Spiegelman reich und berühmt. Glücklich allerdings nur bedingt. Denn fortan war er der Autor "dieses Holocaust-Comics mit den Mäusen". In Vergessenheit gerät darüber, dass er so viel mehr ist, als "nur" Comic-Autor. Zusammen mit seiner Frau, der Grafikerin Françoise Mouly, gab er in den 1980ern das stilbildende Comic-Magazin "RAW" heraus. Viele spätere Comic-Meister wie Charles Burns und Chris Ware hatten darin ihre ersten Auftritte. Unermüdlich setzte sich Spiegelman für Neuausgaben in Vergessenheit geratener Comic-Klassiker ein wie zum Beispiel Lynd Wards expressionistische Holzschnittromane aus den 1930er-Jahren.

Art Spiegelman: "Im Schatten keiner Türme"

Schließlich zeichnete er in den 1990ern regelmäßig die Cover des "New Yorker". Diese oft bissigen, oft melancholischen und immer innovativen Bilder allein würden ihm seinen Platz in der Geschichte des Cartoons sichern. So zum Beispiel jener Umschlag für den Valentinstag 1991, nachdem es in Brooklyn zu Unruhen zwischen orthodoxen Juden und Schwarzen gekommen war: Ein roter Hintergrund mit Herzchen in jeder Ecke wie auf einer Glückwunschkarte; ein chassidischer Jude umarmt eine Schwarze, sie küssen sich leidenschaftlich. Oder Spiegelmans berühmtestes Werk nach "Maus": Sein Cover für die Ausgabe des "New Yorker" nach dem 11. September 2001: Ein schwarzer Hintergrund, darauf, noch schwärzer, wie Särge, Gespenster oder eine todtraurige Erinnerung: die Türme des World Trade Centers.

Ein kosmopolitischer Intellektueller, der sich einmischt

Art Spiegelman beim Zeichnen

Hin und wieder veröffentlicht Spiegelman auch immer noch Kurzcomics. Augenzwinkernd nennt er sie "One Page Graphic Novel". Wie jene über den 11. September, die unter dem Titel "Im Schatten keiner Türme" veröffentlicht wurden, oder zuletzt über seine schwere Krebserkrankung, die ihn zur Wiederbeschäftigung mit den Stücken Samuel Becketts veranlasste. Extrem komprimierte, ja kryptische autobiografische Lebenszeichen. Die Entschlüsselung dieser komplexen Mini-Erzählungen in Zeichnungen würde schon Stoff genug für eine wissenschaftliche Arbeit abgeben. Und vielleicht ist es auch an der Zeit für die große internationale Fangemeinde, nicht weiter ein zweites Opus Magnum zu erwarten.

Denn Art Spiegelman ist mittlerweile zu etwas geworden, das in unserer Zeit selten ist, obwohl sie es doch mehr als nötig hat: Ein kosmopolitischer Intellektueller, der immer, wenn die Welt ihren moralischen Kompass zu verlieren droht – was zuletzt häufiger zu passieren scheint – seine Stimme erhebt, ob in Interviews, Reden, Aufsätzen, Zeichnungen oder eben Comics. Kürzlich erst zog er Parallelen zwischen den gegenwärtigen USA und dem Deutschland der 1930er-Jahre.

Unweigerlich kommt man da eben doch wieder auf jenes Werk zurück, das stets Spiegelmans größtes bleiben wird. Es sind Arbeiten wie "Maus", die wichtiger denn je sind, nun, da die letzten Holocaust-Überlebenden sterben, da wir uns an die Bilder vom Holocaust gewöhnt zu haben scheinen, das Gedenken an ihn womöglich allzu oft pflichtschuldig abhaken, da allerorts neue faschistische Tendenzen salonfähig werden. Es sind Arbeiten wie "Maus", die uns, die wir schon alles gesehen haben, auch über 30 Jahre nach ihrem Erscheinen ebenso fesseln, bewegen wie irritieren. Größeres kann ein Künstler nicht erreichen. Auch wenn er nur so etwas Kleines und irgendwie Seltsames macht wie Comics.