Kultur


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Die "Lebenslüge" der Kirche Schluss mit dem Pflichtzölibat?

Ein Leben ohne Partner, dafür mit Gott - der Zölibat ist in der katholischen Kirche immer wieder umstritten. In seinem neuen Buch "Bei aller Liebe" plädiert der ehemalige Benediktiner Anselm Bilgri dafür, den Zölibat zu einer freiwilligen Angelegenheit zu machen.

Von: Friederike Weede

Stand: 07.09.2018

Anselm Bilgri und Gerd Henghuber bei Vorstellung ihres Buches "Bei aller Liebe" | Bild: BR/Friederike Weede

Verheiratete müssen geweiht werden können und Geweihte müssen heiraten dürfen, sagt der ehemalige Benediktiner Anselm Bilgri, denn die Situation der Kirche sei untragbar.

"Es kann ja nicht so weitergehen. Es treten immer weniger junge Männer in die Priesterseminare und Klöster ein. Wenn es so weitergeht, verschwindet das Priesteramt, man muss was tun. Die Säkularisierung ist natürlich das Hauptproblem, dass der Glaube verdunstet. Aber ich bin überzeugt, dass der Zölibat ein Teil des Priestermangels ist. Und meiner Meinung nach kann man da am leichtesten was tun, weil das ist überhaupt nicht festgeschrieben: Ist kein Dogma, kein Lehrsatz, steht nicht im Evangelium"

Ex-Benediktiner Anselm Bilgri

Zugleich sei die Gelegenheit für eine neue Debatte über Sinn und Unsinn der kirchlich verordneten Keuschheit günstig: Papst Franziskus unterstützt Synodalität in der Kirche und eigenständige Entscheidungen.

"Es gibt ja diese Story, dass der Papst Franziskus zu einem der Bischöfe gesagt hat: Dieses Problem werden wir lösen. Also, er macht schon immer Hoffnungen. Und er macht auch Hoffnungen, dass wenn Bischöfe einmütig zu ihm kommen – das ist ihm glaube ich wichtig, dass die mit einer Stimme sprechen - mit einem Vorschlag, dass er das dann zumindest, so hoffe ich, ihn in Rom diskutieren lässt. Das ist ja schon ein Fortschritt, dass man so etwas offen diskutieren kann und zugeben: Hier ist ein Problem. Und wenn es nicht sofort ist, dann bleibt es auf dem Tisch, das Thema. Und irgendwann wird man sich darum kümmern müssen"

Anselm Bilgri

Der Zölibat ist kirchengeschichtlich eine eher junge Erfindung, erst 1139 beim Zweiten Laterankonzil im Kirchengesetz festgeschrieben.

Funktioniert habe die Verpflichtung nie, so Bilgri, das belegten zahlreiche historische Quellen über denunzierte Priester, ihre Konkubinen und Kinder. Der Ex-Benediktiner bezeichnet die priesterliche Pflicht zur Ehelosigkeit  daher auch als Lebenslüge der katholischen Kirche schlechthin. Theologisch spricht im Grunde nichts gegen eine Abschaffung, bestätigt der Professor für katholische Dogmatik an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Münster, Michael Seewald.

"Dogmatisch ist das überhaupt kein Problem. In den Ostkirchen beispielsweise gibt es ja ein aus Sicht der katholischen Kirche gültiges Priestertum und gleichzeitig Männer, die verheiratet sind. Man muss natürlich sagen, dass die westkirchliche Form des Priesteramtes, so wie sie verbindlich gelebt wird, dass diese zölibatäre Lebensform das Priesteramt natürlich stark geprägt hat in kultureller Hinsicht. Das heißt, das würde sich sehr verändern, wenn der Zölibat fiele"

Dogmatiker Michael Seewald

Es sind nicht wenige, für die ihr zölibatäres Leben nicht funktioniert, manchmal landen sie bei Sexualtherapeut Joachim Reich auf der Couch. Die Kirche schweigt das Thema tot, entsprechende Problemfälle werden nach außen nicht selten als "Burnout" kommuniziert.

Der Wunsch nach Nähe - offiziell ein "Burnout"

Reich berät unter anderem Nonnen, Priester oder Ordensleute. Oft haben die einen langen Leidensweg hinter sich, erzählt Reich. Sie leben ihre Sexualität heimlich aus, zum Beispiel mit anonymen Sexdates oder onanieren stundenlang zu Internetpornos oder sie führen langfristig heimliche Beziehungen, die dann zum Beispiel unter einem unerfüllbaren Kinderwunsch leiden. Viele kämpfen mit Selbstzweifeln und schlechtem Gewissen und haben niemanden, dem sie sich anvertrauen können, sagt der Sexualtherapeut.

"Man macht Abitur, interessiert sich dafür und tritt dann ins Kloster ein, diesen Zugangsweg, der ist nicht mehr so häufig, aber das war lange Zeit der Klassische.  Diese Kohorte hat jetzt die größten Probleme. Die sind aus einer relativ großen Unerfahrenheit und mit großem Idealismus in diese Ausbildung gestartet und Priester geworden und merken dann, dass das Gefühl von Einsamkeit, der Wunsch nach Nähe, dass der sich nicht dauerhaft kontrollieren lässt. Die versuchen dann oft alles Mögliche, manche werden zum Beispiel dann ganz fromm, aber es klappt dann nicht"

Sexualtherapeut Joachim Reich

Die Zukunft der katholischen Kirche muss anders aussehen, glaubt Anselm Bilgri, der den Zölibat freistellen will. Papst Franziskus ist bislang dagegen: Das sei keine Lösung.

"Bewährte Männer" - verheiratete Teilzeit-Priester?

Eine mehrheitstaugliche Lösung könnten allerdings die so genannten "viri probati" sein, also in Ehe, Familie und Beruf "bewährte Männer", die zu richtigen Priestern, nicht nur zu Diakonen, geweiht werden. Eine Möglichkeit, der gegenüber sich selbst der Papst offen gezeigt hat. Bisher können Verheiratete höchstens zu Diakonen geweiht werden. Anselm Bilgri.

"Die Idee liegt ja seit 70 Jahren auf dem Tisch. Interessanterweise hat der Kardinal Ratzinger damals gesagt, sie sollen im Beruf bewährt sein. Also nebenberufliche Priester. Ich glaube schon, dass das ein guter Schritt ist. Das gibt es in anderen Kirchen. Die katholische Kirche hat sich dazu noch nicht durchringen können, weil man natürlich auch so ein Bild von Heiligkeit eines Priesters haben will. Dass es eigentlich ein Dienstamt ist für die Gemeinde, das müsste man ja eigentlich seit dem letzten Konzil wissen, aber das hat sich irgendwie noch nicht in den Köpfen durchgesetzt"

Anselm Bilgri


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