Kultur


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"Die Gesellschaft der Singularitäten" Seid einzigartig!

Konsum, Arbeitsmarkt, Netzwelt: Spätmoderne Gesellschaften feiern das Singuläre. Der Soziologe Andreas Reckwitz untersucht die "Logik des Besonderen", die zwar einen Freiheitsgewinn bedeutet - aber auch Verlierer produziert.

Von: Mirko Schwanitz

Stand: 02.11.2017

Drei Hipster in "individuellem" Outfit | Bild: picture-alliance/dpa

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Individualität als hohes Gut gilt. Nicht wer "normal" ist, ist "in", sondern wer die "Norm" bricht. Gesucht wird das "Außergewöhnliche", das "nicht Standardisierte". Unsere Gesellschaft ist längst einer Dynamik unterworfen, in der vor allem diejenigen Aufmerksamkeit erhalten, die sich als etwas "Besonderes" inszenieren. Nicht an Althergebrachtes heften sich die Hoffnungen, das Interesse und die Anstrengungen von Institutionen, sondern an das Einzigartige, das Singuläre. "In der Spätmoderne findet ein gesellschaftlicher Strukturwandel statt", konstatiert der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten". Und dieser Wandel bestehe darin "dass die soziale Logik des Allgemeinen, ihre Vorherrschaft verliert, an die soziale Logik des Besonderen".

Die massenhafte Verfertigung des Besonderen

In seinem 500 Seiten umfassenden Werk stellt Reckwitz eine Theorie der Spätmoderne auf. Die sei, so Reckwitz, durch die Herausbildung einer neuen Mittelschicht  geprägt. Diese Gruppe, immer auf der Jagd nach dem Einzigartigen, dem "Authentischen", habe die Märkte seit den 70er-Jahren zu etwas Paradoxem gezwungen: der massenhaften Verfertigung des Besonderen. Beschrieb Ulrich Beck in den 80er-Jahren in seinem Buch "Die Risikogesellschaft" diese Individualisierung noch als eine Freisetzung aus alten sozialen Bindungen, aus Klassen, Schichten, Berufsverbänden und Milieus, erweitert Reckwitz diesen Begriff: Man könne fast sagen, Singularisierung sei eine Radikalisierung von Individualisierung.

Andreas Reckwitz: "Die Singularisierung hat zur Voraussetzung die Individualisierung, aber es geht bei der Singularisierung, könnte man sagen, um die Fabrikation des Einzigartigen, die soziale Fabrikation des Besonderen. Und das bezieht sich auf alle möglichen Bereiche: die Singularisierung der Dingwelt, natürlich auch der Menschen, der Subjekte, die nach Einzigartigkeit streben. Aber auch, indem sich Orte beispielsweise als besondere, als einzigartige versuchen zu formen. Sogar Kollektive orientieren sich am Besonderen. Wenn wir jetzt ganz aktuell die katalonische oder schottische Unabhängigkeitsbewegung sehen: Das ist natürlich ein Kollektiv, um das es geht. Aber das inszeniert sich ja als ein besonderes, mit besonderer Geschichte, mit besonderen räumlichen Verankerungen."

Mehr als Individualismus

Singularisierung ist also ein sehr breitflächiges Phänomen, so Reckwitz, das über die Individualisierung von Menschen hinausgeht und eigentlich den gesamten Bereich des Sozialen umfasst: Menschen, Dinge, Orte, auch Zeiten. Reckwitz schildert sehr detailliert, wie der Druck des "Besonderen" alle Winkel unserer Gesellschaft erobern und zum Maßstab eines neuen Kulturkapitalismus werden konnte. Doch die eigentliche Leistung seines Buches besteht in der Beschreibung, wie sich dieser Kulturkapitalismus ins Soziale und Politische transformiert, etwa in Form der Polarisierung der Arbeitsverhältnisse. Reckwitz schreibt: "Grundlegend  ist nun ein Dualismus zwischen den hochqualifizierten Tätigkeiten in der Wissens- und Kulturökonomie einerseits und den einfachen Dienstleistungen sowie sonstigen standardisierten Tätigkeiten andererseits. Die qualifizierten Wissensberufe, die kulturelle Singularitätsgüter verfertigen, können in der Spätmoderne Legitimität, Status und Ressourcen beanspruchen, während die funktionalen, 'profanen' Arbeiten an Legitimität, Status und Ressourcen verlieren."

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Andreas Reckwitz lässt keinen Zweifel daran, dass diese soziale Deklassierung nicht nur die bereits jetzt prekär Beschäftigten betrifft, sondern die Mehrheit jener Menschen, die in der alten Industriegesellschaft die Mittelklasse gebildet haben. "Die spätmoderne Gesellschaft ist damit eine Drei-Drittel-Gesellschaft. Die alte Mittelklasse gerät seit den 1980er-Jahren in die Defensive, und zwar materiell, vor allem aber kulturell. Sie ist nicht mehr die tonangebende, scheinbar alternativlose Mitte der Gesellschaft wie in den 1950er- bis 1970er-Jahren, sondern sieht sich zwischen neuer Akademikerklasse und neuer Unterklasse eingezwängt, an die sie zugleich Mitglieder verliert. Der vorgeblich normale Lebensstil des Mittelstands ist nun nicht mehr allgemeingültig, er ist nicht mehr Mitte und Maß, sondern lediglich Mittelmaß, wenn auf der einen Seite der singularistische Lebensstil der Akademikerklasse floriert und auf der anderen Seite die neue Unterklasse der gesellschaftlich 'Abgehängten' droht."

Die Kehrseite der Entwicklung

Reckwitz sieht den Begriff der Singularisierung nicht zwingend negativ. Er weist in seinem Buch ganz klar nach, welche  Freiheits- und Autonomiegewinne dieser Prozess für die Individuen mit sich brachte, die ihn tragen. Doch geht es dem Soziologen darum, auch auf die Kehrseiten dieser Entwicklungen hinzuweisen. Andreas Reckwitz: "Das ist für mich ein ganz entscheidender Punkt, dass dieser Prozess der Singularisierung in verschiedenen Bereichen zu Prozessen sozialer Polarisierung geführt hat. Im Bereich der Ökonomie, der Arbeit, der Berufe selbst, denn die Gesellschaft der Singularitäten ist eben nicht mehr die klassische Industriegesellschaft, die einen gewissen Lebensstandard und Lebensstil für die breite Masse sicherte. Und auch die neue Mittelklasse, also die Hochqualifizierten sind nicht homogen. Da haben wir auch eine Polarisierung zwischen den Erfolgreichen und international Erfolgreichen und solchen, die teilweise prekär beschäftigt sind."

In seinem Buch beschreibt und analysiert Andreas Reckwitz also auch die kulturellen Hintergründe des Erstarkens der derzeitigen populistischen Bewegungen in den USA, Frankreich oder Deutschland.  Antworten, wie die Gesellschaft auf diese Tendenzen reagieren soll, gibt Reckwitz nicht. Sein Buch, "Die Gesellschaft der Singularitäten" ist ein engagiertes Plädoyer für eine Debatte über neue allgemein verbindliche Normen und Werte und ein wichtiger Schlüssel zu einem umfassenden Verständnis unserer spätmodernen Zeit.

Das Buch

Andreas Reckwitz
"Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne"

480 Seiten
Suhrkamp


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