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St. Matthäus in München Die Kirche, die Hitler im Wege stand

Sankt Matthäus gilt als erste evangelische Kirche in München. Vor 125 Jahren wurde sie geweiht. Heute steht sie nicht mehr dort, wo sie ursprünglich erbaut wurde. Sie musste 1938 den Stadtbauplänen der Nationalsozialisten weichen und wurde einfach abgerissen.

Stand: 07.06.2013 | Archiv

St. Matthäus in München | Bild:  imagebroker / Sueddeutsche Zeitung Photo

"Im Zuge des Neuausbaues der Hauptstadt der Bewegung ergibt sich die Notwendigkeit, die evangelische St. Matthäuskirche in der Sonnenstraße abzubrechen", verkündete der "Völkische Beobachter" am 14. Juni 1938. Vergeblich hatte der evangelische Landesbischof Hans Meiser gegen diesen Beschluss gekämpft. Der Abbruch war besiegelt; rund 13.000 Gemeindemitglieder waren erst einmal "heimatlos".

Zumindest konnte der Landesbischof das gesamte Inventar vor der Abrissbirne retten. Es gelang ihm auch, die Glocken und die neue, wertvolle Orgel in Sicherheit zu bringen. Der Kirchenbau dagegen, dieses architektonische Schmuckstück des Viertels, wurde dem Erdboden gleichgemacht. 

Errichtet unter Ludwig I.

Die Matthäus-Kirche am Karlsplatz

Zu ihrer Entstehungszeit war die Matthäuskirche als repräsentativer Sakralbau am Maximiliansplatz vorgesehen.
Ursprünglich sollte Leo von Klenze den Bau übernehmen. Doch Ludwig I. änderte seine Pläne: er wählte den Karlsplatz und entschied sich für die Entwürfe des Baurates Johann Nepomuk Pertsch. So wurde die Evangelische Kathedralkirche als neoklassizistische Rotunde errichtet.
1827 schließlich wurde der Grundstein gelegt. Mit der Errichtung des Justizpalastes und dem von Gabriel von Seidl erbauten Stachusrondell bildete Sankt Matthäus den glanzvollen Abschluss des Karlsplatzes in Richtung Sonnenstraße.

U-Bahn statt Gotteshaus

Die Berliner Prachtstraße "Unter den Linden" vor dem Zweiten Weltkrieg

Eben diese Lage war es, die mehr als einhundert Jahre später, 1938, den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge war. Schließlich galt München zu dieser Zeit als Führerstadt und wurde als Hauptstadt der Bewegung zu einem Zentrum nationalsozialistischer Selbstinszenierung.
Im Zuge der Straßenplanung sollte die Sonnenstraße zu einer sogenannten Prachtstraße nach Berliner Vorbild verbreitert werden. Außerdem plante Adolf Hitler den Bau einer U-Bahn für München. Die Kirche stand ihm schlichtweg im Weg und sollte Parkplätzen Platz machen. 1938 ließ Gauleiter Adolf Wagner auf Anweisung Hitlers die Kirche abreißen.

Schlag gegen die evangelische Kirche

Die Zerstörung der Matthäuskirche deuten Historiker auch als Drohung und Warnung an den damaligen Bischof. Hans Meiser, seit 1933 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, kämpfte tapfer gegen eine Gleichschaltung mit der Reichskirche.

Bereits während der Verhandlungen zum Abbruch der alten Kirche, konnte die evangelische  Kirche die Errichtung eines Neubaus am Sendlinger-Tor-Platz aushandeln. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beendete allerdings die Pläne.

Erst 1947 wurde dann an der vorgesehenen Stelle eine Barackennotkirche errichtet. Und 1953 genehmigte der Bayerische Staat nach jahrelangen Verhandlungen einen Neubau von St. Matthäus an der Parkanlage am Sendlinger-Tor-Platz.

Christkindls Badewanne

Der wohl berühmteste Schwung Münchens.

Architekt Gustav Gsaenger (1900 bis 1989) schuf mit der Kirche Sankt Matthäus eine für die damalige Zeit spektakuläre Sakralarchitektur mit einem asymmetrisch, kurvigen Grundriss. Gsaenger verwirklichte einen Zentralbau mit integriertem Pfarramt, Gemeinderäumen und einem freistehenden Glockenturm.

In Anspielung auf die geschwungene Nierenform ist Sankt Matthäus auch als "Christkindls Badewanne" oder "Gottes Achterbahn" weit über die Grenzen Münchens bekannt.


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