Telekolleg - Sozialkunde


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Das soziale Netz Sozialversicherung

Krankenversicherung und Rentenversicherung sind wichtige und brisante Themen. Sollen wir uns gesetzlich oder privat versichern? Wer hat überhaupt die Wahl zwischen den beiden Systemen? Und wie kann uns der Staat in persönlichen Notlagen helfen?

Stand: 21.02.2019

Beine | Bild: BR

Die menschliche Gemeinschaft gleicht einer riesigen Baustelle: Sie muss jeden Tag weitergebaut und abgesichert werden. Soll da jeder für sich selbst sorgen oder soll der Staat für alle entscheiden? Sollen wir uns freiwillig privat oder zwangsweise staatlich versichern? Wie sollen wir das organisieren? Dahinter stecken zwei gegensätzliche Menschenbilder, die ursprünglich aus den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften stammen:

Beispiel: Krankenversicherung

Krankenversicherung: privat oder gesetzlich?

Beide Sichtweisen vermischen sich in der Praxis - zum Beispiel bei der Krankenversicherung: In der gesetzlichen Krankenkasse ist die Mitgliedschaft Pflicht, die Beiträge richten sich nach dem Verdienst. Es gilt: "Wir sind eine Gemeinschaft" - aber nur für Arbeitnehmer. "Jeder ist seines Glückes Schmied" heißt es dagegen für Selbstständige, Beamte oder Bezieher von Kapitaleinkünften sowie für Arbeitnehmer, die viel verdienen. Sie haben die Wahl zwischen freiwilliger und privater Krankenversicherung.

Die Folge: Normal verdienende Arbeitnehmer tragen schwächere mit, alle Privatversicherten sind beim sozialen Ausgleich der Kassen außen vor. Das wird zunehmend kritisiert.

Beispiel: Rentenversicherung

Auch in der Diskussion um die gesetzliche Rentenversicherung steht das "Wir sind eine Gemeinschaft" gegen das "Jeder ist seines Glückes Schmied". Hier heißt es "Umlageverfahren" kontra "Kapitalanlageverfahren". Was verbirgt sich dahinter?

Umlageverfahren: "Wir sind eine Gemeinschaft"

Umlageverfahren: Arbeitnehmer zahlen ein

Heute zahlen Arbeitnehmer zwangsweise Beiträge ein. Diese Gelder werden gleich wieder ausgezahlt - an die Rentner. Das ist das Umlageverfahren, der Sinn dahinter ist: "Wir sind eine Gemeinschaft". Vom wachsenden Wohlstand profitierten so auch die Alten. Doch jetzt wächst die Empfängergeneration und schrumpft die Einzahlergeneration. Das Umlageverfahren gerät unter Druck.

Die Alternative

Die Alternative: Angespartes

Die Alternative: Der Einzelne zahlt in eine Kapitalanlage ein und hofft auf möglichst hohe Zinsen. Das so Angesparte wird später die Rente. Ob der Sparer viel oder wenig herausbekommt, hängt davon ab, was er selbst einbezahlt hat. Alterssicherung nach dem Motto "Jeder ist seines Glückes Schmied".

Jeder ist Teil der Gemeinschaft!

Doch auch Kapitalanleger sind gegen demografische Veränderungen nicht immun. Angenommen, die jetzt Berufstätigen kaufen für ihre Rente Aktien. Wenn sie in Ruhestand gehen, müssen sie die Papiere verkaufen. Das tun auch viele andere dieser Generation. Die Folge: Die Kurse für Aktien werden fallen. Auch ein Kapitalanleger wird also spüren, wenn künftig weniger Berufstätige, aber mehr Alte da sind. Er bleibt Teil der Gemeinschaft!

In der Not: Hilfe vom Staat

Verschuldet - der Staat kann helfen.

Wer sich hoch verschuldet hat, hatte früher kaum eine Chance, finanziell je wieder Boden unter den Füßen zu haben. Mit dem neuen Insolvenzrecht bekommt er nun eine letzte Chance: Das "vereinfachte Insolvenzverfahren" ermöglicht eine Restschuldbefreiung nach einer Wohlverhaltensperiode. Das bedeutet: Das Gericht legt fest, durch welche Ratenzahlungen die Gläubiger zufriedengestellt werden können. Gleichzeitig prüft das Gericht, welchen Pfändungsbetrag der Schuldner tatsächlich monatlich aufbringen kann. Wenn sich der Schuldner innerhalb einer festgesetzten Frist nichts zuschulden kommen lässt, bekommt er Restschuldbefreiung, das bedeutet: Er ist sämtliche Schulden los und hat die Chance auf einen finanziellen und sozialen Neuanfang. So wird eine Rückkehr in ein Leben jenseits der sozialen Bedürftigkeit möglich.

Auswirkungen des sozialen Netzes

Sicherungssysteme können das Verhalten ihrer Schützlinge verändern:

Vorsicht - Teufelskreis!

Das soziale Netz: ein kompliziertes System

Das soziale Netz verändert also unser Verhalten. Das verursacht immer ein gewisses Maß an zusätzlichem Aufwand über die angestrebte Absicherung hinaus. Erst wenn zu viele Menschen sich so verhalten wie oben beschrieben, erwächst daraus ein echtes Problem für die Gesellschaft. Dann wird das soziale Netz spürbar teurer. Die Sozialversicherungsbeiträge steigen. Das erhöht die Lohnkosten. Die Arbeitgeber legen das auf ihre Preise um. Aufträge gehen verloren. Arbeitsplätze werden abgebaut. Die entlassenen Menschen belasten das soziale Netz noch zusätzlich. Ein Teufelskreis ist in Gang gesetzt.


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