Telekolleg - Psychologie


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Lernen und Gedächtnis Arten des Erinnerns

Erinnern - das tun wir nicht nur an Vergangenes. Die Psychologie unterscheidet von diesem retrospektiven Gedächtnis auch eine "Erinnerung an die Zukunft". Was haben Sie morgen vor?

Stand: 28.10.2016 | Archiv

knittrige Notizzettel an eine Wand gepinnt | Bild: colourbox.com

In der Gedächtnispsychologie lassen sich verschiedene Arten des Erinnerns voneinander unterscheiden. Generell können wir ein Gedächtnis für die Vergangenheit - das retrospektive Gedächtnis - von einem Gedächtnis für die Zukunft - dem prospektiven Gedächtnis - trennen.

Prospektives Gedächtnis

Ein "Gedächtnis für die Zukunft": Das klingt ein wenig ungewöhnlich. Eingängiger wird der Begriff des prospektiven Gedächtnisses jedoch, wenn man sich vor Augen führt, dass all unsere Absichten, Handlungspläne und Ziele, die zu einem bestimmten zukünftigen Termin ausgeführt oder erreicht werden sollen, irgendwo gespeichert werden müssen. Nur so wird verständlich, wie es uns gelingt, unsere Termine einzuhalten oder langfristige Ziele ausdauernd zu verfolgen.

Das prospektive Gedächtnis erfährt in der psychologischen Forschung immer mehr Beachtung. Bekannt ist inzwischen, dass seine Leistungsfähigkeit bei Stress und im Alter nachlässt. In Anbetracht unserer dauerhaft gestressten und auch immer älter werdenden Gesellschaft ist es deshalb von großer Bedeutung, herauszufinden, wie das prospektive Gedächtnis funktioniert und wie es sich möglichst bis ins hohe Alter aufrechterhalten lässt.

Retrospektives Gedächtnis

Mit dem retrospektiven Gedächtnis hat sich die psychologische Forschung weit früher auseinandergesetzt. Bereits Hermann Ebbinghaus – ein Pionier der Gedächtnisforschung – untersuchte in umfangreichen Selbstversuchen um 1880 die Lern- und Vergessenkurve für sinnfreie Silben. Er fand heraus, dass Lernen und Vergessen keine linearen Prozesse sind. Es ist vielmehr so, dass der Lernfortschritt bei neuem Material anfangs mit großen Schritten vorangeht, die später immer kleiner werden. Es dauert also sehr lange, bis wir etwas absolut fehlerfrei wiedergeben können.

Beim Vergessen fand Ebbinghaus einen ähnlichen, aber in der Richtung umgekehrten Verlauf. Ohne weitere Wiederholungen vergessen wir innerhalb kürzester Zeit bis zu siebzig Prozent des einmal Gelernten. Als Trost bleibt uns nur ein kleiner Rest unseres Wissens, der allerdings über längere Zeit abrufbar bleibt. Jeder Schüler hat die Ebbinghaus’schen Lern- und Vergessenkurven wohl schon am eigenen Leibe oder, besser gesagt, am eigenen Kopf erfahren: Nur kurz den Stoff für eine Klausur zu lernen ist langfristig - durch das schnelle Vergessen - ein frustrierendes Unterfangen.

Der weite Weg ins Langzeitgedächtnis

Betrachten wir ein Modell des retrospektiven Gedächtnisses, so finden sich darin verschiedene Gedächtnismodule. Zuerst werden die von den Sinnesrezeptoren eingehenden Informationen für sehr kurze Zeit im sensorischen Speicher aufbewahrt und gleich darauf in das Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis weitergeleitet. Nur über dieses Arbeitsgedächtnis haben wir einen aktiven Zugriff auf die verschiedenen Inhalte des retrospektiven Gedächtnisses.

Vom Arbeitsgedächtnis gelangen die zu behaltenden Wissensinhalte in unser Langzeitgedächtnis und können dort für einige Wochen, Jahre oder sogar ein ganzes Leben gespeichert werden.

Langzeitgedächtnis

Auch im Langzeitgedächtnis unterscheidet die Psychologie verschiedene Bereiche:

Deklaratives Gedächtnis
Hier wird unser Faktenwissen, wie z.B. dass Rom die Hauptstadt von Italien ist, abgespeichert.

Episodische Gedächtnis
Das episodische Gedächtnis ist für unsere vielen Erinnerungen an Lebensereignisse zuständig, wie z.B. die Erinnerung an unsere erste Fahrstunde.

Prozedurales Gedächtnis
Das prozedurales Gedächtnis ist für die Speicherung unserer Fähigkeiten des Fahrradfahrens, Schwimmens oder anderer motorischer Programme zuständig.

Wissensinhalte lassen sich durch immer wieder eintretende Erfahrungen, d.h. Wiederholungen, ins Langzeitgedächtnis übertragen. Dieser Prozess lässt sich beschleunigen, indem wir den zu behaltenden Inhalten mit Offenheit, Interesse und Neugier entgegentreten und ihnen gegenüber eine positive emotionale Stimmung erzeugen. Noch schneller kann etwas mit Hilfe von Gedächtnisstrategien behalten werden, die auch viele Gedächtniskünstler einsetzen.


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