Telekolleg - Psychologie


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Entwicklungspsychologie Anlage oder Umwelt?

Stand: 31.10.2016 | Archiv

Zwillinge Alice und Ellen Kessler im Jahr 1956 | Bild: picture-alliance/dpa

Genetisch gleich, aber dennoch verschieden. Das kann man gewiss über viele eineiige Zwillinge sagen. Doch welche unserer Fähigkeiten, Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen sind eher durch unsere Gene bestimmt, und welche werden maßgeblich von der Umwelt beeinflusst? Eine sehr alte, aber trotzdem keine leichte Frage der psychologischen Forschung.

Zwillingsstudien

Die Zwillinge Ashley und Mary-Kate Olsen

Studien an eineiigen Zwillingen waren und sind bis heute die bedeutsamste Möglichkeit, der Frage nach Anlage und Umwelt auf den Grund zu gehen. Bereits vor dem zweiten Weltkrieg hat man mit Längsschnitt-Untersuchungen begonnen, d.h. Zwillingspaare wurden in ihrer Entwicklung ein ganzes Leben lang beobachtet und mit verschiedenen Testverfahren untersucht. Durch den Wahn der NS-Rassenideologie gerieten solche an sich vernünftigen Studien in Misskredit.

Modell der Doppelhelix

Erst in Zusammenhang mit der Entdeckung der molekularen Struktur der Chromosomen, also der DNA-Doppelhelix, durch Crick und Watson 1953 gewann die Zwillingsforschung wieder mehr an Bedeutung. Die psychologische Verhaltensgenetik und die Genforschung arbeiten dabei Hand in Hand. Die Psychologen geben den Molekulargenetikern wichtige Hinweise, wonach sie im Erbmaterial des Menschen suchen sollen, um der Aufklärung der Anlage-Umwelt-Problematik ein Stück näher zukommen.

Ist Intelligenz angeboren?

Professor Ernst Hany und Dr. Ulrich Geppert vom Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung in München betreuen eine der ältesten Längsschnittstudien an Zwillingen. Ihre bisherigen Ergebnisse weisen darauf hin, dass kognitive Fähigkeiten wie die Intelligenz einem hohen erblichen Faktor von etwa 60 bis 70 Prozent unterliegen.

Die Zwillinge Hamit und Halil Altintop

Bedeutend geringer ist der Einfluss unserer Anlagen, wenn es um Persönlichkeitseigenschaften geht, wie etwa Ängstlichkeit oder Offenheit gegenüber anderen. Hierbei werden nur rund 30 bis 40 Prozent den Genen zugeschrieben. Der Rest ist durch Einflüsse der Umwelt entstanden. Unsere Einstellungen, moralischen Werte und auch politischen Überzeugungen sind nur zu einem sehr geringen Teil durch unsere Anlagen geprägt. Die entscheidende Rolle spielt hier unser soziales Umfeld.

Spielball zwischen Anlage und Umwelt

Weitere Forschungsergebnisse zeigen, dass Anlage und Umwelt in verschiedenen Lebensphasen eine unterschiedliche Bedeutung haben. In der Kindheit werden wir eher durch die Umwelt geprägt. Geschlechtsrollenstereotype können hier beispielsweise anhand des beobachtbaren Rollenverhaltens der Eltern erworben werden. Unser späteres Verhalten wird so durch diese Phase der Sozialisation maßgeblich beeinflusst.

Die Zwillinge Alice und Ellen Kessler

Im Erwachsenenalter sind es dann eher die Gene, die sich durchsetzen. Unser Äußeres ähnelt mehr und mehr dem unserer Eltern und so manche allzu bekannte Eigenart, die wir an unseren Eltern oder Großeltern vielleicht geliebt oder gehasst haben, tritt plötzlich auch bei uns auf. Erst im fortgeschrittenen Alter spielen Umwelteinflüsse wieder eine größere Rolle.

Unsere Persönlichkeit ist in gewisser Weise ein Spielball zwischen Anlage und Umwelt. Noch haben wir die Spielregeln nicht gänzlich verstanden. Der Wissensfortschritt jedoch beschleunigt sich von Jahr zu Jahr.


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