Telekolleg - Geschichte


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Telekolleg Geschichte (12) Welthandel heute – Protest gegen internationale Institutionen

Während im Kongresszentrum in Hongkong das Plenum der WTO tagte, um über die internationale Zusammenarbeit und den weiteren Abbau von Zöllen zu diskutieren, gab es weltweit Proteste. Sie bezweifelten, dass in der WTO jeder Mitgliedsstaat das gleiche Gewicht besitzt.

Stand: 22.03.2014 | Archiv

Mitglieder der Organisation attac demonstrieren in Berlin gegen die anstehende Konferenz der WTO in Honkong | Bild: picture-alliance/dpa

Schon Mitte der 1970er-Jahre wurden internationale Hilfen oft nur gewährt, wenn das Empfängerland seine Handelsschranken beseitigte. Dabei zeigte sich, dass für die einheimischen Bauern und Handwerker der Abbau der Schutzzölle den wirtschaftlichen Ruin bedeutete. Denn ihr Heimatland wurde nun mit billigeren Lebensmitteln und Industrieprodukten aus dem Ausland überschwemmt.

Protest von Fischern

Die Verlierer der Globalisierung standen und stehen den Gewinnern gegenüber – in jedem Land, auch weltweit. Tatsächlich wuchs seit Mitte der 1970er-Jahre der globale Reichtum – doch die ärmsten Länder sind in dieser Zeit noch ärmer geworden.

Nigeria – Rohstoffreichtum und Verschuldung

In den 1970er-Jahren profitierte auch Nigeria von den hohen Ölpreisen. Zudem war das schwefelarme nigerianische Erdöl schon immer besonders gefragt. Nach Nigeria floss deshalb viel ausländisches Geld – das wertete den Naira, die nigerianische Währung, auf. Die neue Hauptstadt Abuja im Zentrum Nigerias sollte modern werden, die Bauindustrie florierte. Der Ölboom und die Aufwertung des Naira ließen die Preise für importierte Waren damit drastisch sinken. Doch die einheimischen Kleinbauern konnten mit den Preisen der importierten Lebensmittel nicht mithalten – viele mussten aufgeben.

Erdölverladestation an der nigerianischen Küste

Als dann in den 1980er-Jahren der Ölpreis fiel, wurden die Importwaren wieder teuer – viele Kleinbauern hatten da schon aufgegeben. Nigeria musste viele Lebensmittel weiter importieren, unerschwingliche Lebensmittelpreise und Arbeitslosigkeit waren die Folge. Die Regierung nahm Kredite auf, um die Lebensmittelpreise zu stützen. Die Demokratie wurde durch viele wechselnde Militärdiktaturen zerstört, die Spannungen zwischen dem islamischen und dem christlichen Bevölkerungsteil hielten an. Auch die Industrialisierung Nigerias kam nicht voran, nach wie vor wird das Erdöl kaum im Land verarbeitet, sondern als Rohprodukt verschifft – industrielle Arbeitsplätze entstehen so nicht. Das Land tauscht also immer noch Rohstoffe gegen Industrieprodukte. Drei Viertel aller Nigerianer müssen weiterhin von weniger als einem US-Dollar am Tag leben. Mit den Erlösen aus dem Ölexport wurden die Staatsschulden getilgt, statt den Ärmsten der Armen zu helfen.

Indien – Erfolg und Elend

Kinderarbeit in Indien

Wer in den USA die Servicenummer eines Unternehmens anruft, wird häufig mit dem Mitarbeiter eines Callcenters in Indien verbunden. Die Dienstleistungen in Indien boomen, seit in den 1990er-Jahren die Gesetze liberalisiert wurden. So wandern Arbeitsplätze aus aller Welt in die indischen Metropolen, qualifizierte Mitarbeiter finden dort neue Arbeitsplätze. In speziellen Kursen werden die Angestellten mit dem amerikanischen Englisch vertraut gemacht, damit der Gesprächspartner in den USA nicht bemerkt, wohin sein Gespräch umgeleitet wurde – er wäre vielleicht verärgert, weil ein Inder einen amerikanischen Arbeitsplatz eingenommen hat.

Dank der modernen Kommunikationsmittel bietet Indien auch in der IT-Industrie Dienstleitungen weltweit an – ein Drittel aller Softwarespezialisten weltweit arbeitet in Indien. Auf der anderen Seite verhindern das Kastenwesen und andere soziale Barrieren den Aufstieg begabter Inder aus der Unterschicht. Auch Kinderarbeit ist weit verbreitet, weil die Kinder zum geringen Familieneinkommen beitragen müssen. Dadurch aber erhalten diese keine Ausbildung, die ihnen einen qualifizierten Arbeitsplatz ermöglicht – ein Teufelskreis. Die Hälfte des 1,2-Milliarden-Volks kann weder lesen noch schreiben, ein Viertel aller Inder muss mit weniger als einem US-Dollar auskommen. Einerseits ist durch den Boom der IT-Wirtschaft in Indien die Kluft zwischen Arm und Reich gewachsen, andererseits werden durch die Konkurrenz der billigeren indischen IT-Spezialisten Arbeitsplätze auch in Deutschland bedroht.

Protest gegen die Schließung der AEG Waschmaschinenfabrik in Nürnberg

Deutschland wird seine starke Stellung in der Exportindustrie nur behaupten, wenn auch weiterhin sehr gut ausgebildete, aber auch gut bezahlte Mitarbeiter zum Erfolg der Unternehmen beitragen. Für die Produktion von Massenwaren allerdings ist der Standort Deutschland zu teuer geworden.


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