Telekolleg - Deutsch


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Folge 7 Rezension und Kritik

"Die Kritik ist leicht, die Kunst ist schwer." Dieses Zitat des französischen Dramatikers Philippe Nericault Destouches ist bezeichnend für das Verhältnis von Poeten und Kritikern. Trifft das tatsächlich zu? Wie könnte die Kunst der Kritik dann aussehen?

Stand: 07.09.2016

verschiedene Bestseller Taschenbücher liegen auf einen Tisch | Bild: picture-alliance/dpa

1. Literaturkritik

Die Literaturkritik hat drei Hauptaufgaben, wie Thomas Anz, der langjährige FAZ-Kritiker und Literaturwissenschaftler erklärt:

• über Neuerscheinungen zu informieren, d.h. Substanzielles zum Inhalt des Werkes sagen
• sie zu interpretieren und einzuordnen, z.B. in das Leben und Schaffen des Autors oder im Verhältnis zu vergleichbarer Literatur
• sie zu bewerten, damit die potenziellen Leser sich für oder gegen das Buch entscheiden können. Auch wenn sich viele mit der Bewertung schwer tun: "Jede Rezension sollte einen Moment der Bewertung, der positiven oder auch negativen Kritik haben", so Dr. Thomas Anz.

Aus der BR-Sendereihe "Lesezeichen" blendete das Telekolleg eine Rezension der Kurzgeschichten von Maike Wetzel ein, unter dem Titel Hochzeiten erschienen.
Hochzeiten fokussiert intensive, aber schnell vergängliche Hochs (hohe Zeiten) im Leben gebrochener Menschen; Momente, in denen Menschen für kurze Zeit aneinander geraten, aber nicht zueinander finden. Die 1974 geborene Schriftstellerin studierte an der Filmhochschule in München. Für ihre Erzählungen hat sie bereits zwei Literaturpreise erhalten.

Am Beispiel dieser Fernseh-Literaturkritik erläutert Thomas Anz die Aufgaben der Kritik näher. Der Rezensent von Hochzeiten verzichtet auf direkte Wertungen und persönliche Urteile. Das tut der Rezension indes keinen Abbruch, es handelt sich trotzdem um Kritik und Wertung. Die kommt durch die Wortwahl des Rezensenten hinein, insbesondere durch die zahlreichen Adjektive, mit denen Stil, Ton und Personal der Geschichten beschrieben wird. "Streng begrenzte Ausschnitte aus dem konfusen Durcheinander des Alltags", die Autorin entwerfe "ein beunruhigend-melancholisch-bitteres Bild von Menschen, die Nähe suchen, aber Distanz erfahren" etc. Adjektive transportieren Wertungen, aber bei einer derartigen Häufung von Adjektiven droht die Gefahr, dass sich Kritiker in "bombastischen Worthülsen" (Volker Matthies) verlieren, ja dass sie in Klischees verfallen.

Wie man mit vielen Worten nichts sagen kann, zeigt Thomas Anz an einem abschreckenden Beispiel, das in diesem Fall erdichtet ist, aber ähnlich wohl in zahlreichen Feuilletons zu finden ist: "Die poetische Brillanz und die subversive Kraft machen dieses faszinierende Meisterwerk zum herausragenden Ereignis dieses Bücherherbstes."

So wie man derartige leere Schaumschlägereien vermeiden sollte, sollte man auch den knöchernen wissenschaftlichen Stil vermeiden. Denn Literaturkritik und Literaturwissenschaft sind nicht dasselbe. "Es hat zwar gewisse Vorteile, wenn man ein literaturwissenschaftliches Wissen mitbringt. Aber als Literaturkritiker darf man sich das literaturwissenschaftliche Wissen nicht so anmerken lassen", rät der Kritiker und Professor für Literaturwissenschaft Thomas Anz.

Was der Rezension von Hochzeiten am meisten fehlte, das waren Zitate aus dem Werk selbst, kritisiert Thomas Anz. Dieses Manko aber resultiere nicht zuletzt daher, dass die literarische Kritik im Medium Fernsehen grundsätzlich auf Grenzen stoße. Denn im Fernsehen dominiere nun einmal das Bild, und Bilder lenkten leicht vom Wort ab.

2. Verriss einer Oper

"Bernarda Albas Haus" heißt die Oper nach Garcia Lorca, zu der Aribert Reimann die Musik geschrieben hat. Das BR-Kulturmagazin "Capriccio" sendete einen ziemlichen Verriss dieses modernen Musiktheaters. Der Autor hielt sich mit seinen subjektiven Urteilen gar nicht zurück: Zum Bühnenbild hieß es: "ein Raum wie ein Folterinstrument"; über Reimers Komposition: "Musik, bei der man sich nicht wohl fühlen kann", und insgesamt: "kein glücklicher Opernabend".

"Jede Kritik ist natürlich subjektiv, aber man muss sie nachvollziehen können", kritisierte der ehemalige SZ-Kritiker Dr. Bernd Sucher den Verriss. Dr. Bernd Sucher schreibt seit 2005 für Die Zeit und leitet seit 1998 den Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritik der Hochschule für Film und Fernsehen an der Bayerischen Theaterakademie August Everding Was er von der Oper in der Kritik gesehen habe, rechtfertige das vernichtende Urteil nicht Der Musikkritiker hat z.B. gleich zwei Mal beklagt, dass man sich bei dieser Musik nicht wohl fühlen könne, was nach Sucher einfach nicht angebracht ist. Denn Kunstwerke seien nun einmal nicht allein zum Wohlfühlen da.

Ein Kritiker muss stets so viel Fachwissen haben, wie es das zu rezensierende Werk verlangt. Das hieße im Fall von Bernarda Albas Haus: Der Kritiker müsste die Partitur studiert haben, Musik studiert haben und sich in der neueren Musik seit Henze auskennen; wie Bernd Sucher erläutert. Und all das vermute er in diesem Fall nicht; denn sonst hätte der Autor Reimanns Musik nicht "eindimensional und monoton" genannt.

Thomas Anz geht mit diesem Verriss nicht so streng ins Gericht, womit unsere beiden Gäste und Kritiker zeigen, dass auch die Kritik der Kritik subjektiv, abhängig von den eigenen Maßstäben und dem eigenen Geschmack sein kann. Einige seiner Behauptungen habe der Kritiker mit Zitaten aus der Musik direkt belegt. Damit habe er zugleich die Möglichkeiten des Fernsehens gut eingesetzt, die dem nur schreibenden Kritiker nicht zur Verfügung stehen. Auch die subjektive Schlusspointe, in der er sein gesamtes Missfallen noch einmal zusammenfasst, sei nicht unangebracht. Allerdings sollten sich Musikkritiker niemals den Anschein geben, dass sie sich selbst eigentlich für die besseren Komponisten halten.

3. Filmkritik

"Der Patriot" von Roland Emmerich mit Mel Gibson in der Hauptrolle war Gegenstand der Filmkritik, die in der Sendung Kino Kino ausgestrahlt wurde. Der Autor verzichtet darin fast ganz auf das eigene Urteil, er lässt die Bilder und er lässt andere sprechen: Er berichtet von der enttäuschenden Aufnahme des Films in Amerika, von der amerikanischen Kritik, die Emmerich vorwirft, die Revolution darin zu blutig und gewalttätig dargestellt zu haben. Er zeigt Ausschnitte aus dem Film, fasst ihn kurz zusammen und lässt den Regisseur Roland Emmerich selbst zu Wort kommen. Ein kritisches Urteil verbirgt sich höchstens in der Inszenierung der Kritik selbst: Sie beginnt mit der als "monumental" bezeichneten Kulisse des Potsdamer Platzes, wo in Anwesenheit des Hauptdarstellers der Film in Deutschland anläuft: Dem aufwändigen Historienschinken korrespondiert hierzulande seine monumentale Inszenierung.

Wie der Kritiker hier die Sache selbst zum Sprechen bringt, das begrüßen unser beiden Kritiker Thomas Anz und Bernd Sucher. Grundsätzlich sollten Kritiker ihren "angeborenen Narzissmus" zugunsten der Sache, über die sie berichten, zurücknehmen, denn es sei fatal, wenn sie sich zum Schaden der Sache in den Vordergrund stellten, meint Thomas Anz.

Dennoch muss eine Filmkritik mehr sein als eine Inhaltsangabe: Sie sollte – wie jede Theaterkritik – etwas über die Darstellung der Schauspieler sagen, außerdem über die Kameraführung, Beleuchtung etc. Diese formale Analyse vermisst Bernd Sucher in zahlreichen, bloß auf den Inhalt fixierten Kritiken.

Fest steht: "Geboren wird niemand als Kritiker", so Bernd Sucher. Wer gute Kritiken schreiben will, muss Fachwissen mit journalistischem Gespür verbinden und zudem gut schreiben können. Und das kann keiner von selbst, das muss gelernt werden.


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