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Fakten Rhetorik - die Kunst der Rede

Vater der klassischen Rhetorik war Aristoteles. Seine Erkenntnisse sind heute noch für einen erfolgreichen mündlichen Vortrag nützlich.

Stand: 31.10.2016 | Archiv

studentischer Debattierclub | Bild: picture-alliance/dpa

Die Rhetorik verhilft in dem Bereich der menschlichen Angelegenheiten, wo es von Haus aus keine fixen, ewigen Gewiss- und Wahrheiten gibt, dazu, das jeweils Überzeugendste und Vielversprechendste zu finden. Damit trägt sie dazu bei, ein möglichst gutes Leben für alle zu realisieren:

"Die Rhetorik stelle also das Vermögen dar, bei jedem Gegenstand das möglicherweise Plausible zu erkennen. Denn dies leistet keine andere Kunstfertigkeit. Jede andere hat zwar zu ihrem speziellen Gegenstand die belehrende und prüfende Kompetenz, .. .aber die Rhetorik scheint sozusagen zu jeder Frage, die sich stellt, das Plausible zu betrachten. Deshalb sagen wir auch, dass sie keine technische Zuständigkeit für ein bestimmtes abgegrenztes Sachgebiet besitzt."

(Aristoteles. Rhetorik. Buch 1, Kap 2. 1355b 26-35)

Überzeugend, "plausibel" ist eine Rede nach Aristoteles nur, wenn

1. ihr Inhalt durch eine eingängige Gedankenführung, durch gekonnten sprachlichen Ausdruck und einen geordneten Aufbau der Argumentation glaubhaft gemacht wird.
2. wenn der Redner aufgrund eigener Tugendhaftigkeit glaubwürdig erscheint, und
3. wenn sie auf die Situation und die Rolle der Hörer zugeschnitten ist und ihren spezifischen Affekthaushalt anspricht.

Drei Gattungen der Rede

Bis dato hatten sich in Griechenland drei Gattungen der Rede etabliert – (erst im Mittelalter kommt als vierte Gattung die Predigt hinzu). Aristoteles leitet ihre Verschiedenheit nicht etwa aus der subjektiven Absicht des Redners her, sondern aus dender Situation und Haltung der Hörer: Der Zuhörer ist nun notwendig einer, der die Rede genießt, oder einer, der zu urteilen hat, und zwar zu urteilen über das, was geschehen ist, oder geschehen soll. ... . Hieraus ergeben sich notwendig drei Gattungen der Rede: die beratende (genos symbouleutikon; genus deliberativum), die gerichtliche (genos dikanikon, genus iudicale) und die Prunkrede (genos epideiktikon, genus demonstrativum). (Aristoteles Rhetorik Buch 1, Kap.3.1)

In der anklagenden oder verteidigenden Gerichtsrede geht es um die Be- (und Ver-)Urteilung des Rechts oder Unrechts von vergangenen Taten. Sie zielt darauf ab, die gegnerische Meinung zu ändern und trägt im ganzen Prozess zur argumentativen Unterfütterung der Urteilsfindung bei. Die beratende oder auch ermahnende Rede will eine bestimmte Tat herbeiführen, indem sie Nutzen und Schaden beim Tun oder Unterlassen künftiger Taten abwägt. So bringt sie eine auf Plausibilität gestützte politische Entscheidungsfindung voran.

Die so genannte Prunk- oder Festrede (genos epideiktikon), wirbt nach Aristoteles für eine bestimmte sittliche Gesinnung. Indem sie einen Charakter oder eine Handlungsweise (etwa von Feldherrn oder Gefallenen) lobt oder tadelt und aufzeigt, warum etwas schön, gut, tugendhaft und ehrenvoll oder hässlich, schlecht, verdorben und unehrenhaft zu nennen ist, will sie, dass möglichst viele Hörer dieser sittlichen Wertschätzung zustimmen.

Rhetorik ist für Aristoteles unentbehrlich für eine funktionierende demokratische Öffentlichkeit. Durch sie können sich – stets auf der Basis der Zustimmung der zu überzeugenden Anderen – Recht, politisches Handeln und eine tragfähige Sittlichkeit etablieren.

Die fünf Produktionsstadien der Rede nach Aristoteles, Cicero und Quintilian

1. Inventio: Findung des Themas und das Sammeln und Sichten des dazugehörigen Stoffs (Argumente, Beweisführungen). Die klassische Rhetorik stellt in der Topik Fundorte dieser Materialien zur Verfügung.

2. Dispositio: Gliederung des Stoffes, die sich nach der jeweiligen Sache richtet und dem jeweiligen Publikum angemessen sein soll. Als Hilfestellung empfehlen die klassischen Rhetoriker folgende Anordnung des Stoffs:

  • Einleitung (exordium), die in das Thema einführt und zugleich die Hörer zu gewinnen sucht. o Darlegung des Sachverhalts (narratio), des "Ist-Zustands", aus der parteilichen Perspektive des Redners.
  • Argumentation und Beweisführung (argumentatio). Hier gilt es, andere Perspektiven heranzuziehen, um die eigene Ansicht schließlich als die stärkste zu erweisen.
  • Redeschluss (conclusio, peroratio), der noch einmal die wichtigsten Gesichtspunkte zusammenfasst und in einer Handlungs- oder Entscheidungsanweisung kulminiert.

3. Elocutio: die sprachlich-stilistische Ausarbeitung der Rede. Hier wird der Stil der Rede festgelegt, wobei es 1. auf Sprachrichtigkeit, Verständlichkeit , Angemessenheit im Hinblick auf Inhalt und Zweck der Rede und Vermeidung alles Überflüssigen ankommt, und 2. auf den "ornatus", den Redeschmuck, den gezielten Gebrauch von rhetorischen Figuren. Man unterscheidet drei Stilebenen: a) den pathetischen, erhabenen Stil, der die Hörer stark (zu etwas) bewegen (movere), sie mitreißen will, b) den temperierten, gemischten Stil, der sie gewinnen und belehren (docere) will, und c) den schlichten, schmucklosen Stil, der besonders für die narratio, die Darstellung der Fakten gebraucht wird.

4. Memoria: "das Einprägen der Rede ins Gedächtnis mittels mnemotechnischer Regeln und bildlicher Vorstellungshilfen" (Ueding Moderne S.11).

5. Actio: "Verwirklichung der Rede durch Vortrag (pronuntiatio), Mimik, Gestik und sogar Handlungen (actio)" (ebd. S.11). Die von der klassischen Rhetorik entwickelten Sprech- und Kommunikationstechniken bilden die Grundlage der modernen Rhetorik der Präsentation und medialen Darbietung. (Diese fünf Produktionsstadien sind ausführlich erläutert in Ueding Klassische S. 55-75.)

Rhetorische Figuren

Rhetorische Figuren sind "sprachliche Schemata, die sich als '(vor)geprägte', 'standardisierte' Abweichungen von der 'normalen', 'natürlichen' Sprache unterscheiden und als Stilfiguren der (Aufmerksamkeit erzeugenden) Veranschaulichung oder Ausschmückung einer sprachlichen Aussage dienen." (Otto F. Best S.456) Man unterscheidet: Redefiguren, Tropen und Gedankenfiguren; viele von ihnen sind aus der Dichtung und inzwischen auch aus der Werbung geläufig.

Redefiguren spielen mit der effektvollen Veränderung der Äußerung auf Satzebene. Dazu gehören:

  • Figuren der Wiederholung von Konsonanten, Worten oder Wortfolgen wie die Alliteration: gleicher Anlaut der Stammsilben. "Komm Kühle, komm küsse den Kummer." (Brentano, zitiert nach Best S.25) Anapher: Wiederholung von Worten am Anfang aufeinanderfolgender Sätze. "Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll." (Goethe, zitiert nach Best S.33)
  • Figuren der Worthäufung wie Pleonasmus (gr. Überfluss): Wiederholung eines Begriffs durch sinngleiche andere Worte: weißer Schimmel, grundlegendes Prinzip.
  • Figuren der Wortstellung und Satzkonstruktion wie Inversion: Umkehrung der üblichen Wortfolge. Unendlich ist die jugendliche Trauer.

Tropen (gr. Wendung, Vertauschung) spielen mit der Veränderung der Äußerung auf der Wortebene. Dazu gehören

  • Metapher (gr. Übertragung): Ersetzung des eigentlichen Ausdrucks durch einen Ausdruck aus einem anderen Sachbereich, der zum eigentlichen Ausdruck in einem Analogieverhältnis steht. Nach Quintilian ist die Metapher ein "verkürzter Vergleich". Sie dient der Veranschaulichung eines abstrakten oder komplexen Zusammenhangs durch ein intuitiv erfassbares Bild, das unmittelbar einleuchtet. Beispiele: "das Haupt der Familie", "das Licht der Wahrheit"; oder aus Nietzsches Zarathustra (zitiert nach Best S.338): "Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben."
  • Metonymie (gr. Umbenennung): Ersetzung des eigentlichen Wortes durch eines aus demselben Sachbereich, das zum eigentlichen Wort in einer realen Beziehung steht. Z.B. die Nennung des Autors statt des Werkes: "Goethe lesen", des Besitzers statt des Besitzes: "Der Nachbar ist abgebrannt", des Rahmens statt des Inhalts "ein Glas trinken" (vgl. Best S.339).
  • Synekdoche (gr. Mitverstehen): Verwendung eines Wortes, das weniger oder mehr umfasst als das eigentliche. Dach für Haus (= pars pro toto) oder Sterblicher für Mensch (= totum pro parte).
  • Hyperbel (gr. Daüberhinauswerfen): Übertreibender, übersteigernder Ausdruck: Wolkenkratzer statt Hochhaus, oder: "für die Dauer einer kleinen Ewigkeit".
  • Ironie (gr. Verstellung, Vorwand): Verwendung des dem Gemeinten entgegengesetzten Ausdrucks. "Die Ironie kann man definieren als eine Verstellungskunst in Worten und Handlungen" (Theophrast, zitiert nach Best S.254), wobei diese aus dem Kontext erkennbar sein sollte, z.B. Du bist mir aber ein schöner Freund!
  • Euphemismus: (gr. Worte guter Vorbedeutung gebrauchen) Beschönigender Ausdruck, der eine unangenehme, gefährliche oder anstößige Sache umschreibend verhüllt: Statt sterben: ableben, heimgehen, entschlafen, verscheiden. Statt Völkermord: ethnische Säuberung.
  • Litotes (gr. Einfachheit): Steigerung eines Ausdrucks durch Abschwächung oder Verneinung seines Gegenteils, z.B. "es ist mir nicht unbekannt"; nicht schlecht, recht wahrscheinlich.

Gedankenfiguren; dazu gehören:

  • Oxymoron: (gr. scharf + dumm = scharfsinnige Dummheit) Enge Verbindung zweier Begriffe, die sich dem Wortsinn nach widersprechen: beredtes Schweigen, "schwarze Milch" (Celan); "jauchzender Schmerz" (Heine, zitiert nach Best S.378).
  • Paradoxon: (gr. Unerwartetes) scheinbar widersinnige Aussage, die sich bei näherer Analyse als sinnvoll erweisen kann: "Der wahre Bettler ist allein der wahre König" (Lessing, zitiert nach Best S.386).
  • Personifikation (lat. Maske, Gestalt + machen): Ausstattung nichtlebender Wesen mit Eigenschaften oder Handlungsweisen, die sonst nur Lebewesen zukommen. Mutter Natur, die Sonne lacht, der Berg ruft, blinder Zufall.
  • Rhetorische Frage: eine "unechte" Frage, die nicht auf eine Antwort zielt, sondern eine Aussage affektiv stärken oder etwas behaupten oder zu etwas auffordern will. "Sind wir denn wie leibeigene Knechte an den Boden gefesselt, den wir pflügen? Sind wir wie zahmes Geflügel, das aus dem Hofe nicht laufen darf, weil's da gefüttert wird?" (Hölderlin, zitiert nach Best S.457) oder: Wer glaubt denn noch an den Osterhasen? und: Sollten wir nicht endlich damit aufhören?
  • Vergleich, Gleichnis: Verdeutlichung eines Sachverhaltes durch Heranziehung eines analogen Sachverhaltes aus einem anderen Bereich: Wie ein Fels in der Brandung.

Strategisches Ziel der Rede

Strategisches Ziel der Rede ist das Überreden (Gorgias) bzw. Überzeugen (Aristoteles). Dem dienen nach der klassischen wie nach der Populär-Rhetorik folgende Mittel:

  • Probare (docere): Der Redner spricht das rationale Erkenntnisvermögen der Hörer an und sucht die Zustimmung durch Sachargumente zu gewinnen.
  • Conciliare und delectare: Der Redner spricht die Emotionen der Hörer an und versucht die Sympathien zu gewinnen.
  • Movere: Der Redner weckt die Leidenschaften der Hörer, um sie zu etwas zu bewegen.

Literatur:

  • Aristoteles: Rhetorik. Übersetzt von Franz G. Sieveke. München 1980
  • Otto F. Best. Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele. Frankfurt a.M. 2000 (5. Aufl.).
  • Gert Ueding. Moderne Rhetorik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. München 2000.
  • Gert Ueding. Klassische Rhetorik. München 2000 (3. Aufl.)

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