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Medienwirkungen Fakten

Das Internet wird immer beliebter. Der freie Zugang zu allen Medieninhalten birgt aber auch Gefahren für Kinder und Jugendliche.

Stand: 11.11.2011

Jugendmesse You  | Bild: picture-alliance/dpa

"Oberflächlichkeit" und "Gedankenlosigkeit", "Überreizung der Phantasie", "Störung des Nervensystems und des Wirklichkeitssinns" sowie nicht zuletzt "Nachahmung von Verbrechen" (zitiert nach Jütte S.322): Diese negativen Folgen der Massenmedien beklagten Lehrer bereits im Jahr 1913 bei einer Düsseldorfer Umfrage über die Wirkung des Kinos auf die Schüler.

Die "Sehkrankheit" grauste selbst den Chefredakteur eines Berliner Fachorgans für Kinematographie nach seiner Reise durch die deutsche Kinolandschaft im Jahre 1911:
"Alles riecht nach Film. Wir leben im Zeitalter der Maschinentechnik. ... .Es wird noch viel schlimmer werden mit der Zunahme des Kinos. Die Sehkrankheit wird uns noch alle erfassen. Wir werden schließlich das Lesen verlernen, und die optische Berichterstattung wird uns die Zeitung ersetzen. Im Zuchthaus wird die schlimmste Strafverschärfung sein: Die Entziehung des täglichen Kinos, und als Rabenmutter wird die Frau bestraft, die ihrem Kind den Kinogroschen vorenthält. – Ich fühl’s, ich muß weg vom Riesenkino Köln, sonst packt mich noch die Angst vor der Zukunft." (Zitiert nach Jütte S.321).

Was würde dieser Kino-Experte wohl heute sagen angesichts unseres Heimkinos und der Dauerberieselung durch die Medien? Gut drei Stunden pro Tag sieht der durchschnittliche Bundesbürger fern, knapp 3 Stunden pro Tag hört er Radio, etwa 23 Minuten pro Tag liest er Zeitung, 22 Minuten nur Bücher. 73,3 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung ab 14 Jahren sind online. Im Jahr 2001 waren es noch 38,8 Prozent. Damit sind nach der ARD/ZDF-Online-Studie von 2011 die Onlinemedien auf dem Vormarsch zum Massenmedium. 51,7 Millionen Erwachsenen in Deutschland nutzen das Internet – und die Zahl der Online Nutzer hat sich in den letzten zehn Jahren sogar verdoppelt. Gerade bei den Jugendlichen ist das Internet fast schon zum Leitmedium geworden. Unser Kinoexperte von 1911 hat sich in einem entscheidenden Punkt geirrt: Wiewohl es theoretisch möglich wäre, dass heute jemand, ohne lesen zu können, auf dem neuesten Stand der Dinge ist, haben weder (Heim-)Kino, noch Radio und erst recht nicht die neuen Medien lauter Analphabeten erzeugt. Bei den PC-Nutzern hat die Lesetätigkeit sogar – nicht zuletzt dank des Internets – (seit 1990) zugenommen, wie eine Erhebung der Stiftung Lesen ergab.

Probleme der Mediennutzung

Die Warnungen der Pädagogen, Kulturkritiker und Pessimisten vor den Medien sind so alt wie die Medien selbst und stellen sich im Nachhinein manchmal als ziemlich unberechtigt und weltfremd heraus. Zum Beispiel beim Massenmedium Buch. Als Goethes Werther erschien, erwirkte die Leipziger Theologische Fakultät zwischenzeitig ein Verkaufsverbot dieses Romans, weil er den Selbstmord nicht nur salonfähig zu machen schien, sondern gar zur Nachahmung verführte. So unvernünftig es daher wäre, blind in den pessimistischen Chor der Warner einzustimmen, so unvernünftig wäre es auch, gar nicht in den Blick zu nehmen, was die Medien für eine Wirkung haben – zumal auf Kinder und Jugendliche.

Kinder sind besonders der Reizüberflutung und möglichen Beeinflussung ausgesetzt. Pädagogen, Wissenschaftler, Politiker und Eltern sinnen daher nach Methoden, die Jugend vor unangemessenen Sendungen und Inhalten zu schützen. Ein wirksamer Schutz ist aber weder im weltweiten Netz noch bei den Fernsehanstalten durchzusetzen. Da es (zum Glück allerdings) keine zentrale Steuerung der Medien gibt, hängt – außer bei den gesetzlich verpflichteten Öffentlich-Rechtlichen – viel ab davon, wie die freiwillige Selbstkontrolle funktioniert. Weniger rosig sieht es mit dem Engagement für Selbstkontrolle bei den privaten Fernsehanstalten aus: Die Landesmedienanstalten, die Kopforganisationen unserer kommerziellen Rundfunkanstalten, haben zwar bekundet, eine freiwillige Selbstkontrolle durchzuführen. Aber ein einziger Blick in die Daily Talks, Soaps und Camps etc reicht, um sich von der Unwirksamkeit dieses guten Vorsatzes zu überzeugen. So simpel und erfolgreich das Rezept des Privatfernsehens ist, so schwierig ist der Jugendschutz. Die einzige Lösung, die Jugend hier zu bewahren, scheint, dass die Eltern die Kontrolle über deren Fernsehgewohnheiten übernehmen. Danach sieht es indes auch nicht aus. Immer mehr Kinder verfügen über eigene Fernsehgeräte und damit über die Möglichkeit, nach eigenem Gutdünken in die Röhre zu schauen oder sich Fernsehinhalte über das Internet zu holen.

Literatur:

Robert Jütte. Geschichte der Sinne. Von der Antike bis zum Cyberspace. München 2000.


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