Telekolleg - Deutsch


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Verfälschung, Manipulation, Klischees Übung

Stand: 25.10.2011

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Frage

Hier haben wir den Text eines prominenten Vertreters der Lüge als Kunst.

Haben Sie eine Ahnung, von wem er stammt?

"Unserm Auge fällt es bequemer, auf einen gegebenen Anlaß hin ein schon öfter erzeugtes Bild wieder zu erzeugen, als das Abweichende und Neue eines Eindrucks bei sich festzuhalten: letzteres braucht mehr Kraft, mehr 'Moralität'. Etwas Neues hören ist dem Ohre peinlich und schwierig; fremde Musik hören wir schlecht. Unwillkürlich versuchen wir, beim Hören einer andren Sprache, die gehörten Laute in Worte einzuformen, welche uns vertrauter und heimischer klingen: so machte sich zum Beispiel der Deutsche ehemals aus dem gehörten arcubalista das Wort Armbrust zurecht.

Das Neue findet auch unsre Sinne feindlich und widerwillig; und überhaupt herrschen schon bei den 'einfachsten' Vorgängen der Sinnlichkeit die Affekte, wie Furcht, Liebe, Hass, eingeschlossen die passiven Affekte der Faulheit. So wenig ein Leser heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämtlich abliest er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach Zufall heraus und 'errät' den zu diesen fünf Worten mutmaßlich zugehörigen Sinn , ebensowenig sehen wir einen Baum genau und vollständig, in Hinsicht auf Blätter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fällt uns so sehr viel leichter, ein Ungefähr von Baum hinzuphantasieren. Selbst inmitten der seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso: wir erdichten uns den größten Teil des Erlebnisses und sind kaum dazu zu zwingen, nicht als 'Erfinder' irgend einem Vorgange zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters her – ans Lügen gewöhnt. Oder um es tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr Künstler, als man weiß."

Antwort

Von wem sonst sollte der Text stammen, als von Friedrich Nietzsche, diesem schillernden Philosophen des 19. Jahrhunderts, dessen kraftvolles und ketzerisches Werk mehr als nur Spuren im 20. Jahrhundert hinterlassen hat. Sein Leben (15.10.1844 – 25.8.1900) lang versuchte Nietzsche, die auf Platon zurückgehende Metaphysik auf den Kopf zu stellen.
Umgekehrter Platonismus war sein Programm. Die Wahrheit musste bei seiner großangelegten Umwertung der Werte im Dienste des Lebens und des Willens zur Macht genauso Federn lassen wie die platonisch-christliche Moral ("Sklavenmoral") mitsamt ihrer Unterscheidung von Gut und Böse.

Der hier zitierte Text entstammt seinem 1886 erschienenen Werk Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Fünftes Hauptstück Nr. 192 (in: Friedrich Nietzsche, Werke, Bd. 2, hg. v. Karl Schlechta, München 1969. S. 650).

Nietzsche versucht hier seine These von der fiktionalen Natur aller Erkenntnis bereits im Bereich der Sinneswahrnehmung zu verankern.


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