Telekolleg - Deutsch


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Übung Objektivität, Subjektivität und Wahrheitgehalt

Stand: 20.02.2012

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Frage

Viele Schriftsteller und Denker stehen seit je auf Kriegsfuß mit den Massenmedien, sie binden ihre Kritik in ihre Essays, Analysen oder Romane ein.

Da die Medien immer stärker unser Leben bestimmen, scheint sich heute sogar ein neues Genre des Romans abzuzeichnen: Erzählungen von eingefleischten Journalisten und Kritikern, die ihr Insiderwissen über zweifelhafte Praktiken der Medienwelt romanhaft ausbreiten. Ein Beispiel ist Hellmuth Karaseks Das Magazin (Reinbek b. Hamburg 2000).

Welcher ostdeutsche Journalist hat im Herbst 2000 einen viel beachteten Roman über die Tagesschau und den Spiegel veröffentlicht?

Ein Tipp: Besagter Schriftsteller ist zweifacher Kisch-Preisträger und schreibt für den Spiegel und für das Magazin der Berliner Zeitung.

Antwort

Gemeint ist Alexander Osang mit seinem Roman "die nachrichten", der später auch unter der Regie von Matti Geschonneck verfilmt wurde

Im Zentrum dieses Romans steht der ehemalige DDR-Bürger Jan, der es im Westen zum Tagesschausprecher gebracht hat. Alles, was er sich nach der Wende aufgebaut hat, kommt ins Wanken, als das Gerücht umgeht, dass sich in der Gauck-Behörde eine IM-Akte über Landers befindet.

Prompt wird der Nachrichtensprecher wegen des Verdachts, bei der Stasi mitgearbeitet zu haben, beurlaubt und kann am eigenen Leibe erleben, was es heißt, "vergauckt" zu werden, wie manche Ostler es nennen. Landers, als Tagesschausprecher "Träger eines der bekanntesten Gesichter des Landes" (S. 22) fokussiert keine "wichtigen" Ereignisse mehr, er wird selbst zum Fokus der Medienwelt. So ohnmächtig wie er verstrickt wird in den Stasiverdacht, so eifrig sind seine Kollegen (nicht zuletzt vom Spiegel) darauf bedacht, seine Unzulänglichkeiten und düstere Vergangenheit ans Licht zu bringen. Der Witz ist am Ende nur: Da ist gar nicht viel Düsteres aus seiner Vergangenheit zu enthüllen. Landers hat nie jemanden verraten. Düsterer als seine völlig unbedeutende Stasiverwicklung erscheinen in diesem Roman die fragwürdigen Machenschaften, Eitelkeiten und der Zynismus der westlichen Medienwelt.

Die analysiert Osang kühl, akribisch und aus wechselnden Perspektiven. Vom Ressentiment geschärft, entgeht dem Blick des Reporters keine Geste, keine Fiesheit und kein verstohlener Blick. Und davon wimmelt es nur so in Osangs Mediengesellschaft: Seine notorisch besinnungslosen Figuren sind einzig damit beschäftigt, an ihrem perfekten Auftritt zu feilen und überheblich argwöhnisch ihre Mitmenschen zu beäugen, zu belauern und zu verraten. So plastisch wie das Ambiente der Hamburger Restaurants, in denen sich die überzeichneten (Anti-)Helden der Medienwelt treffen, schildert Osang auch die Flurschelte, die alltägliche Kritik-Konferenz nach der Tagesschau.

Wie Landers, hasste auch Chefredakteur Karlheinz Grundmann die Teamatmosphäre. Jeden Abend erwarteten sie von ihm, so behandelt zu werden, als hätten sie gerade den amerikanischen Präsidenten gestürzt. Diese Nachrichtenbeamten. ...
"Der Verteidigungsminister hat nur gequirlte Scheiße geredet", brummte Grundmann. ... "Das tut er doch immer" sagte Andreas Katschlik, stellvertretender Chef vom Dienst. ... "Ich will diesen Mist nicht", sagte Grundmann. "Wenn er nichts zu sagen hat, fliegt er raus. Wir wollen Nachrichten. Klar?". (S. 27)

Um zu der großen grotesken West-Satire zu werden, zu der der Roman in seinen besten Teilen ausholt, hätte Osang mehr Mut zur Lücke und zur stringenten Komposition aufbringen müssen. Trotz der Längen ist aber, wie Mark Siemons in der FAZ vom 17.10.2000 schreibt,

"diesem Buch die Umkehrung der Blickrichtung gelungen, wie man sie sich seit der Wende wünschte: daß so, wie bisher bloß das östliche Leben von ethnologisch interessierten Westdeutschen in seine Einzelheiten zerlegt wurde, auch einmal die West-Gesellschaft von einem Fremden (um nicht zu sagen Wilden) ostdeutscher Herkunft, der sich in ihr eingeschlichen hat, ihrer vermeintlichen Selbstverständlichkeit entkleidet und von innen her, aber kalt, analysiert und beobachtet wird, wie eine seltsame Population in exotischen Gefilden."


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