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Kontrovers Objektiv - Kontrovers

Medienkritiker bemängeln die Auswahl der Nachrichten. Was ist tatsächlich wert, darüber zu berichten? Wie viel Zusatzinformationen sind zum Verstehen eines Ereignisses wirklich notwendig?

Stand: 12.02.2012

Tagesjournalismus | Bild: picture-alliance/dpa

"Die Stärke der Nachrichten, dass sie an aktuelle Ereignisse anknüpfen, ist auch ihre Schwäche. Sie informieren nämlich in der Regel nur über das, was sich aufdrängt." Dieses Zitat aus Fischer-Lexikon Publizistik S. 101) betont, dass weder der meist unscheinbare, aber entscheidende Anfang, also die Gründe und Ursachen eines Ereignisses, noch seine Folgen und längerfristigen Auswirkungen gewöhnlich in den Nachrichten vorkommen, sie geraten aus dem Blickfeld.

Nur Ereignisse, wie zum Beispiel die Nuklearkatastrophe in Fukushima, werden in den jeweiligen Nachrichten durch (Hintergrund-)Berichte, Reportagen, Features, Kommentare, Interviews etc., also durch weitere journalistische Darstellungsformen ergänzt.(ebd. S.101ff.).

Medienkritiker sehen in dieser Schwäche der meist fehlenden Hintergrundberichterstattung ein gravierendes Problem unserer Welt: Für sie verschulden die Medien das "industrialisierte Vergessen", und das effektivste "Arbeitsinstrument" dieses Vergessens ist der Bildschirm (Virilio S.35). Dem Vergessen anheim fallen zum Skandal hochgeputschte Phänomene, wie das scheinbar plötzlich so bedrohlich groß gewordene Ozonloch, genauso wie die so genannten Events der Kulturindustrie. Das Vergessen holt die Dinge hiernach in dem Maße ein, wie sie medial fokussiert und erinnert werden: "Je üppiger die Erinnerungsrituale blühen, sich haltlos um jedes runde Datum winden, umso folgenloser werden die geistigen Ereignisse. All dies hat zu tun mit der Medienwelt, die aus dem Ereignis ein Event macht. Das wirkliche Ereignis ist auch dann eins, wenn keiner danach kräht. Der Event hingegen ist das zur Sensation hochinszenierte Nichtereignis, und die größte Kunst im Medienspiel ist das lauteste Krähen." (Ulrich Greiner "Frisch gekräht" in: Die Zeit vom 9.November 2000).

Es geht hier nicht nur darum, dass durch die Medien die Halbwertszeit des von Haus aus flüchtigen Aktuellen weiter geschmälert wird und alles nur noch schneller im Pool des Gleichgültigen landet. Das Entscheidende an dieser Kritik der Medienkritiker ist, dass die Medien es schaffen, aus geschichtlichen Ereignissen, also den einzigartigen bedeutsamen Geschehnissen, um die herum und von denen aus sich unser Zeit- und Geschichtsverstehen formiert, Events zu machen. Die Macht der Medien, insbesondere des Fernsehens, geht hiernach nämlich massiv unserem Selbst- und Weltverständnis an den Kragen: Auf dem Spiel steht die "Zeitachse, die noch vor kurzem der Geschichte Sinn verlieh." So Paul Virilio, der sich vor allem während der katastrophalen Berichterstattung aus dem Golfkrieg als scharfer Kritiker hervorgetan hat.

Literatur

  • Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. Hg.: Elisabeth Noelle Neumann, Winfried Schulz, Jürgen Wilke. Frankfurt a.M. 2009
  • Paul Virilio. Ereignislandschaft. München 1998

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