Telekolleg - Deutsch


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Übung Journalistische Darstellungsformen

Stand: 20.02.2012

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Frage

Die Glosse ist die literarisch anspruchvollste Spielart des Kommentars, oft ist sie kaum zu unterscheiden von der Satire. Ein deutscher Klassiker hat eine berühmte Definition der Satire gegeben; sie lautet:

"Satirisch ist ein Dichter, wenn er die Entfernung von der Natur und den Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideale (in der Wirkung auf das Gemüt kommt beides auf eins hinaus) zu seinem Gegenstande macht. Dies kann er aber sowohl ernsthaft und mit Affekt als scherzhaft und mit Heiterkeit ausführen; je nachdem er entweder im Gebiete des Willens oder im Gebiete des Verstandes verweilt. Jenes geschieht durch die strafende oder pathetische, dieses durch die scherzhafte Satire."

Wissen Sie, von wem diese Definition stammt?

Ein Tipp: Wie schon in der Diktion ersichtlich (Gebiet des Verstandes versus Gebiet des Willens), resultiert diese Bestimmung der Satire aus einer intensiven Auseinandersetzung mit dem großen Philosophen Immanuel Kant.

Antwort

Das Zitat stammt aus Friedrich Schillers philosophisch-ästhetischer Schrift: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Friedrich Schiller. Werke in drei Bänden München 1996 Bd. II, S.561.

In dieser berühmten Schrift gibt Schiller eine Ortsbestimmung der modernen Dichtung in ihrem Unterschied zur antiken, vornehmlich griechischen Dichtung. Der "naive Dichter" zeichnet sich für ihn dadurch aus, dass er "der einfachen Natur und Empfindung folgt" und seine Dichtung die Wirklichkeit nachahmt. Im Unterschied dazu sei das Verhältnis des modernen Dichters zur Wirklichkeit ein "sentimentalisches": Es beruht auf einem Bruch zwischen Wirklichkeit und Ideal, zwischen Sein und Sein-Sollen.

Dieser Bruch eröffnet dem modernen Dichter nach Schiller zwei Möglichkeiten: er macht entweder das – von der Wirklichkeit nicht erreichbare - Ideale zum Zentrum seiner Dichtung, dann ist er "elegisch". Ist es dem Dichter aber vor allem um die Wirklichkeit zu tun, die im Widerspruch mit dem Idealen steht, dann ist er satirisch: strafend-pathetisch oder scherzhaft.


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