Telekolleg - Deutsch


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Nachgefragt Journalistische Darstellungsformen

Ein Kommentar ist subjektiv und meinungsbildend. Um Leser oder Zuschauer zu überzeugen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, unterschiedliche Argumente zu einem Thema überzeugend aufzubauen.

Stand: 10.02.2012

Rundschaustudio | Bild: picture-alliance/dpa

Damit all die Definitionen der verschiedenen Darstellungsformen nicht so abstrakt bleiben, hier ein exemplarischer Kommentar aus dem Jahr 2000 von Renate Bütow (WDR), (seit August 2005 Leitung der Redaktion "Europamagazin" im ARD-Studio Brüssel ) zum Thema Tierschutz:

"Bei uns zu Hause essen die Kinder schon seit Jahren kein Fleisch mehr, weil sie zu viel wissen über Tiertransporte und Massentierhaltung. Selbst mir ist der Appetit auf Hühnchen vergangen, nach einer Reportage über Legehennenbatterien. Und nach dem eben gezeigten Bericht von Joachim Wagner über Tierversuche könnte man sich gleich alles ganz abgewöhnen, einschließlich der Einnahme von Medikamenten. Nicht, dass Tierschutz als Staatsziel Quälerei oder Grausamkeit verhindern kann, aber eine verfassungsrechtliche Absicherung hätte ihm einen höheren Rang eingeräumt. Tierversuche könnten strenger bewertet und verringert werden, Gerichtsverfahren würden nicht fast automatisch zugunsten der Forschungsfreiheit entschieden, und es wäre leichter im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern, dass jeder Tiere vor unnötigem Leid bewahren muss. Würde, wäre, hätte, könnte ... Die CDU/CSU war als einzige Fraktion dagegen, den Tierschutz im Grundgesetz zu verankern – sie hat sich durchgesetzt. Mit der nicht sehr glaubwürdigen Begründung, dass Forschung und Landwirtschaft sonst bedroht sind. Den Nachweis dafür blieb die Union schuldig. Selbst renommierte Forscher stehen mittlerweile Experimenten an Tieren kritisch gegenüber. Von der Union hätte ich heute zumindest erwartet, dass sie den Fraktionszwang aufhebt – denn eine solche Abstimmung ist eine Gewissensentscheidung. Aber: nicht einmal das! Der neue Fraktionsvorsitzende Merz wollte Geschlossenheit demonstrieren und sich profilieren. Er hat das falsche Thema gewählt."

Eine Analyse von Axel Buchholz (Autor, Journalist und Dozent):

  • Es ist wichtig, dass er als Kommentar angesagt wird – Stichwort: Trennung von Information und Meinung.
  • Er setzt, was bei Kommentaren üblich ist, die Information über den Sachverhalt voraus, nimmt aber, was nötig ist, kurz Bezug darauf. In diesem Fall auf den vorher gezeigten Bericht über Tierversuche.
  • Die Autorin versucht die Zuschauer einzubinden, indem sie sie persönlich anspricht: "Bei uns zu Hause essen die Kinder kein Fleisch ..."
  • Sie setzt gezielt Reizworte ein wie "Tiertransporte" und "Legehennenbatterien", um die Zuschauer auf ihren eigenen kritischen Standpunkt zu bringen und einzustimmen.
  • Prägende Stilmittel dieses Kommentars sind die wiederholte schrittweise Zuspitzung des konkreten persönlichen Einzelfalls zum allgemeinen, öffentlich relevanten Kasus und das Spiel mit dem Konjunktiv, der der üblen Wirklichkeit eine bessere Möglichkeit vorhält.
  • Der Kommentar argumentiert klar und verständlich: Die eigene Kritik an den Tierversuchen wird durch renommierte Forscher untermauert.
  • Zum Schluss nimmt die Autorin noch einmal deutlich Stellung – der Kommentar endet mit einer persönlichen, aber begründeten Wertung.

Literatur:

Gerhard Schult/Axel Buchholz (Hg.). Fernseh-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. München 2011


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