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Fakten Journalistische Darstellungsformen

Bestimmung, Funktion und Definition von journalistischen Darstellungsformen sind abhängig vom Stand der Technik, von den Möglichkeiten des Mediums, das die Botschaft vermittelt, und nicht zuletzt von historischen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen.

Stand: 02.02.2012

Zeitunglesen vor MoMa Ausstellung  | Bild: picture-alliance/dpa

Die strikte Trennung von Information und Kommentar, die heute zum Ethos aller soliden Blätter und Sender gehört, musste den Journalisten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg erst wieder mühsam anerzogen werden. Objektivität und Überparteilichkeit waren ihnen während des Nationalsozialismus gründlich abgewöhnt worden. Diese Prinzipien aber "sind nicht nur wünschenswerte Ideale, sondern reale Notwendigkeiten im heutigen Deutschland, wo Subjektivität, Entstellungssucht und Sonderinteressen ständig nach Ausdrucksmöglichkeiten suchen", hieß es im "Wegweiser zu gutem Journalismus", den die Alliierten im April 1947 herausgaben (zitiert nach K. Koszyk in: Mediengeschichte S.52).
Folgende Definitionen journalistischer Darstellungsformen sind Idealtypen und zugleich Richtschnur journalistischer Praxis in demokratischen Gesellschaften.

1. Informierende Stilformen

Nachricht: "When a dog bites a man, that’s not news, but when a man bites a dog, that’s news." (Zitiert nach La Roche S. 64). Diese berühmte Man-bites-dog-Formel macht das ungewöhnliche Ereignis zur Quintessenz der Nachricht. Sie umfasst damit die so genannten "hard news", Informationen über aktuelle Ereignisse aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Natur, die wichtig und folgenschwer für die Allgemeinheit sind, und die "soft news", Informationen mit Unterhaltungswert, die weder von allgemeinem Interesse noch folgenschwer sind: Kurioses und Klatsch aus aller Welt.
Als journalistische Stilform bezeichnet die Nachricht eine möglichst verständliche, um Objektivität bemühte Mitteilung eines aktuellen Sachverhalts, die zwar über die Meinung anderer berichten, aber nicht die Meinung des Autors wiedergeben darf und die nach bestimmten Regeln aufgebaut wird.
Insbesondere bei den hard news gilt: Das Wichtigste kommt zuerst, das Unwichtigste am Schluss. Der Einleitungssatz (auch Lead genannt) sollte möglichst viele der "sieben W-Fragen", beantworten: Wer hat wann, was, wo, wie, warum getan (bzw. wem ist was ... widerfahren) und aus welcher Quelle stammt diese Information. Im Printbereich ist die Nachricht gewöhnlich nicht mehr als 20 Zeilen lang, im Rundfunk kaum länger als eine Minute.

Bericht: "Der Bericht ist der Bruder der Nachricht, aber größer und auch schon ein wenig reifer." (La Roche S.129) Er ist eine tatsachenbezogene, um Objektivität bemühte Darstellungsform, die möglichst gründlich und meist länger als 20 Zeilen oder eine Minute über ein Ereignis oder Thema informiert. Im Unterschied zur Nachricht erhellt der Bericht auch die Zusammenhänge, Hintergründe und die Vorgeschichte des Ereignisses.

Der "klassische Bilderbericht" des TV lässt neben dem Berichterstatter die eingeblendeten aktuellen Aufnahmen sprechen. Mit journalistischen Stilmitteln wie Publikumsumfragen, Interviews und Statements, in denen Zeitzeugen, Sachverständige und Beteiligte im O(riginal)-Ton zur Sprache kommen, bringt der Bericht das Ereignis oder den Sachverhalt dem Publikum nahe. Ein weiteres übliches, aber ursprünglich dem Auslandskorrespondenten vorbehaltenes Stilmittel, ist der Aufsager: Der Berichterstatter erscheint selbst im Bild, spricht vor der Kamera, vermittelt die Stimmung vor Ort und ordnet ein, was geschieht.

Der Live-Bericht gehört seit Anfang 1990, als sich die Technik der mobilen Satellitenübertragung durchgesetzt hat, zur täglichen Praxis der Nachrichtensendungen im Rundfunk. Simultane Live-Schaltungen zum Ort des Geschehens vermitteln den Zuschauern und Zuhörern das Gefühl, mit dabei zu sein (vgl. Schult/Buchholz S.150).

Beim Korrespondentenbericht ist der Journalist als Augenzeuge zugleich Quelle der Information, was persönliche Ansicht ist, sollte deutlich zu erkennen sein. Im Hörfunk bezeichnet man den abgelesenen längeren Text (außer der Nachricht und der Verkehrsdurchsage) als Bericht. Enthält er O-Töne, heißt er "O-Ton-Bericht".

Der Kurzbericht (auch "Nachrichtenfilm" genannt), der knapp in 20-60 Sekunden mit bewegten Bildern über ein aktuelles Ereignis informiert, gilt als "Ursegment" der Nachrichtenübermittlung im TV (ebd. S.211).

Reportage: eine informierende Darstellungsform, die Nachricht und Bericht "ergänzt", aber nicht "ersetzt" (Schult/Buchholz S.156). Im Unterschied zum Bericht muss die Reportage nicht alle Aspekte des Geschehens zur Kenntnis nehmen und das Wichtigste auswählen, sondern kann nur einen Teil der Wirklichkeit spotlichtartig ausleuchten. Dreierlei unterscheidet sie von der Nachricht: 1. gibt die Reportage "solche Tatsachen wieder, die der Reporter selbst gehört oder gesehen hat", 2. darf sie "subjektive Färbungen und Impressionen enthalten", wobei sie das Urteil aber möglichst den Lesern und Zuschauern überlässt. 3. Ist die Reportage nicht nach Wichtigkeit "hierarchisch aufgebaut ...,sondern dramaturgisch." (Schneider S.327f.). Sie führt Leser, Zuschauer oder Hörer (in der Live-Reportage zeitgleich) vor Ort, lässt das Publikum das Ereignis mit den Augen des Reporters sehen. Die Subjektivität sollte sich indes auf die Sinneseindrücke des Reporters beschränken, "bei Recherche und Schilderung" sollte er sich (nach La Roche S.137) "um Objektivität" bemühen. Klassische Beispiele für die Reportage finden sich auf der Seite 3 der Süddeutschen Zeitung.

Dokumentation: wohl die umfangreichste journalistische Form, die ein Geschehen oder Thema in einen umfassenden Zusammenhang einordnet, wobei sie eine möglichst objektive Position einnehmen und sachlich informieren sollte. Die Dokumentation fußt auf einer gründlichen (beim TV auch Bilder-) Recherche, zu der Interviews, Publikumsumfragen und die Nachforschung nach einschlägigem Material in möglichst vielen Archiven gehört. Sie arbeitet mit Aktenauszügen, dokumentarischen Texten und – bei Hörfunk und Fernsehen – mit Originalaufnahmen, die der Dokumentation Authentizität, Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit verleihen. Man unterscheidet "Langzeitdokumentationen", die die Entwicklung eines Geschehens über Monate und Jahre hinweg darstellen, "historische Dokumentationen", die historische Ereignisse ausleuchten und Personen vorstellen, "die Geschichte gemacht oder erlebt" haben, und "zeitgeschichtliche Dokumentationen", die von den Zeitzeugen leben, die das Geschehen miterlebt haben (siehe Schult/Buchholz S.201).

Feature: oft ein Sammelbegriff für alle großen Formate, also umfassende Berichte, Reportagen und Dokumentationen. Als Feature (von engl. Gesichtszug, typische Eigenschaft) wurde ursprünglich die mit Musikeinspielungen und anderen akustischen Einlagen aufgelockerte journalistisch-künstlerische Radiosendung bezeichnet, die sich durch ihre Attraktivität von den gewöhnlichen Radiovorträgen unterschied. "Etwas zu verfeaturen" heißt heute noch bei Presse und Rundfunk, "etwas attraktiver" zu machen (Schult/Buchholz S.199).
Im engeren Sinne ist ein Feature eine umfangreiche und illustrierende Analyse eines nicht unbedingt (wie bei der Reportage) aktuellen Themas, z.B. Bedeutung und Herkunft der Eier beim Osterfest. Das Feature beleuchtet seinen Gegenstand von den verschiedensten Seiten und mit den verschiedensten Stilmitteln – Interview, Zitaten, Statistiken, grundsätzlichen Reflexionen – umfassend. Charakteristisch ist dabei "der ständige Wechsel zwischen Anschauung und Abstraktion, zwischen Schilderung und Schlussfolgerung" (La Roche S.139). Das Feature ist nicht nur in Radio und TV zu Hause, sondern auch in den Tageszeitungen, insbesondere auf Seite 1 der Wochenendbeilagen der überregionalen Zeitungen.

Interview: "Interviews sind als gezielte Befragung unverzichtbare Methoden der Recherche." (Schult/Buchholz S. 121). Das Erfragte kann zu einer Nachricht werden, in eine Reportage, einen Kommentar, eine Dokumentation, einen Bericht oder ein Feature einfließen oder eigens eingebaut werden.
Neben dem Interview als Grundhandwerkszeug und Vorarbeit der journalistischen Recherche gibt es das Interview als eigenständige journalistische Darstellungsform, die nach La Roche (S.143) in drei Arten unterteilt wird: 1. Das Interview zur Sache, das Informationen über Fakten vermitteln will, 2. das Meinungsinterview, das eine (meist prominente) Person nach ihrem Urteil über ein Ereignis oder einen Sachverhalt befragt, und 3. das Interview zur Person, das einen Menschen durch seine Antworten skizzieren will. Exemplarisch und i legendär für letzteres ist Günter Gaus’ Reihe Zur Person. Der 2004 verstorbene Publizist, Journalist, Politiker und Diplomat stellte in seiner Sendereihe bekannte Politiker, Wissenschaftler und Künstlern vor, in dem er gezielte Fragen stellte. Günter Gau war selbst nur im Off zu hören und wollte damit dem Zuschauer ein authentisches Porträt der Personen vermitteln.

Allein das Live-Interview in Hörfunk und Fernsehen "entspricht den Vorstellungen des Publikums", nach denen Interviews authentisch dokumentieren, was (und im Fernsehen auch: wie, mit welcher Gestik, welchem Tonfall etc.) die Gesprächspartner wirklich gesagt haben. "Beim gedruckten Interview muss und sollte der Journalist eine Menge ändern, ja er darf das Endprodukt dicht an die Verfälschung des Originals herantreiben, falls der Befragte damit einverstanden ist." (Schneider S.75) Dasselbe gilt für das aufgezeichnete und später ausgestrahlte Interview im Rundfunk, wo gekürzt wird, Versprecher getilgt und Passagen geschnitten werden und dem Interview ein dramaturgischer Aufbau verliehen wird. Gemeinsam ist allen Interviews, dass der Fragende gut präpariert sein muss und möglichst die Fragen parat hat, die ein Teil des Publikums/ der Leserschaft an den Befragten stellen würde.

2. Kommentierende Stilformen

Kommentar: Die in soliden Blättern und Sendern deutlich vom Informationsteil getrennte Meinungsäußerung, die sich alles zum Gegenstand machen kann, was auch eine Nachricht wert ist. Dazu gehören der Leitartikel, die Glosse, Lokalspitze, Rezension, Kritik und die Kolumne. Kennzeichen aller Kommentare ist, dass sie andere zu etwas bringen wollen, sei es zum Nachdenken, zu einem bestimmten Urteil, Handeln oder Verhalten.
Nach der einschlägigen Analyse von La Roche (S.152) sind drei Kommentarformen zu unterscheiden:1. der "Argumentations-Kommentar", der andere durch Gründe überzeugen will und sich mit anderen relevanten Standpunkten auseinandersetzt. 2. der "Geradeheraus-Kommentar", der "je nach Anlass, Thema (und Temperament des Autors) ... auch einmal aufs Argumentieren" (ebd.) verzichtet und schlichtweg begeistert lobt oder verärgert schimpft. 3. der "Einerseits-andererseits-Kommentar". Der wägt verschiedene Alternativen behutsam ab, stellt die Komplexität der zu beurteilenden Sache in den Vordergrund und verzichtet zumindest vorläufig darauf, sich für eine Alternative zu entscheiden.

Der Fernsehkommentar unterscheidet sich von seinen Verwandten in Presse und Hörfunk durch den Zwang zur Kürze und dadurch, dass die Person des Kommentators ins Bild kommt und unwillkürlich "Zu- oder Abneigung" weckt, was die Wirkung des Kommentars verstärkt (Schult/Buchholz S.185). Das den öffentlich-rechtlichen Sendern auferlegte "Gebot der Pluralität" kann selbstverständlich nicht ein einzelner Kommentar erfüllen. Daher sind die Sender dazu verpflichtet, diese Pluralität durch eine vielseitige Auswahl der Kommentatoren zu gewährleisten.

Glosse: eine Spielart des Kommentars, die literarisches Talent, Witz und den "bösen Blick" voraussetzt, denn sie ironisiert, verspottet, tadelt oder entlarvt ihren Gegenstand. "Die Glosse ist der gut beobachtete Augenblick zwischen zwei Wimpernschlägen ... Das heißt: Die Glosse sieht einem einzigen Schritt an, ob derjenige, der ihn tut, den aufrechten Gang pflegt oder ein Kriecher ist; die Glosse erschnüffelt aus einem Rülpserchen die Schlemmereien einer ganzen Woche." (La Roche/Buchholz S.169f.) Berühmt ist die SZ für ihre tägliche Glosse auf der ersten Seite, das Streiflicht.

Kritik: ob Filmkritik, Theaterkritik oder Literaturkritik bzw. Rezension, "Kritik bedeutet: Aus Kenntnis beschreiben und urteilen." (Hooffacker/Lock S.37) Zu einer guten Kritik gehören zum einen möglichst anschauliche und treffende Informationen über den Inhalt des Gelesenen oder Geschauten und den Autor bzw. die Darsteller. Zum anderen die Einordnung des Gelesenen/Geschauten in das Werk des Autors und das Genre mitsamt einer fairen Beurteilung des Rezensenten. Die Literaturkritik nutzt neben der Rezension noch andere journalistische Stilformen: Autorenporträt und Interview, Reportage und Essay . Der Kritiker sollte die "wissenschaftlichen Tugenden der Sachlichkeit und Genauigkeit" üben. Ebenso wichtig aber sind für ihn "Lebendigkeit, Anschaulichkeit, Witz, Begeisterungsfähigkeit und Engagement, auch Lust zur Provokation und überhaupt soziale Intelligenz, die Gespür für die Wirkungen dessen hat, was er schreibt, sagt oder zeigt." (Heß S. 60)

Literatur

  • Kurt Koszyk und Karl Hugo Pruys. Handbuch der Massenkommunikation. München 1981
  • Jürgen Wilke (Hg). Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe Band 361, Bonn 1999.
  • Gabriele Hooffacker, Peter Lock. Wir machen Zeitung. Ein Handbuch für den Journalismus zum Selbermachen. Göttingen 1989
  • Dieter Heß (Hg.). Kulturjournalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. München 1992
  • Walter von La Roche. Einführung in den praktischen Journalismus. München 1999
  • Gerhard Schult/Axel Buchholz (Hg.). Fernseh-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. München 2000 6. Auflage
  • Wolf Schneider, Paul-Josef Raue. Handbuch des Journalismus. Reinbek bei Hamburg 1999

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