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Drama – Tragödie Episches Theater

Das Wichtigste zum epischen Theater in Kürze.

Stand: 31.03.2015

Grundformen des Drama | Bild: BR/Henrik Ullmann

Erklärung

Bertolt Brechts Konzeption des epischen Theaters (1936) hat dem modernen Drama wichtige Impulse gegeben. Neben der Abkehr von den drei klassischen Einheiten (Ort, Zeit und Handlung) ist hier vor allem die bewusstseinsbildende Absicht zu nennen. Nicht emotionale Erschütterung (Katharsis) ist das Ziel des epischen Theaters, sondern moralische Empörung und ethisch-politische Veränderung. Episches Theater ist Lehrtheater und zielt auf Bewusstseinsbildung ab.

"Das Wort 'episches Theater' schien vielen als in sich widerspruchsvoll, da man nach dem Beispiel des Aristoteles die epische und die dramatische Form […] für grundverschieden voneinander hielt. […].

Es soll hier nicht auseinandergesetzt werden, wodurch die lange für unüberbrückbar angesehenen Gegensätze zwischen Epik und Dramatik ihre Starre verloren, es soll genügen, wenn darauf hingewiesen wird, daß schon durch technische Errungenschaften die Bühne instand gesetzt wurde, erzählende Elemente den dramatischen Darbietungen einzugliedern. Die Möglichkeit der Projektion, der größeren Verwandlungsfähigkeit der Bühne durch die Motorisierung, der Film vervollständigten die Ausrüstung der Bühne, und sie taten dies in einem Zeitpunkt, da die wichtigsten Vorgänge unter Menschen nicht mehr so einfach dargestellt werden konnten, indem man die bewegenden Kräfte personifizierte oder die Personen unter unsichtbare, metaphysische Kräfte stellte. Zum Verständnis der Vorgänge war es nötig geworden, die Umwelt,  in der die Menschen lebten, groß und 'bedeutend' zur Geltung zu bringen. Diese Umwelt war natürlich auch im bisherigen Drama gezeigt worden, jedoch nicht als selbständiges Element, sondern nur von der Mittelpunktsfigur des Dramas aus. Sie erstand aus der Reaktion des Helden auf sie. Sie wurde gesehen, wie der Sturm gesehen werden kann, wenn man auf einer Wasserfläche die Schiffe ihre Segel entfalten und die Segel sich biegen sieht. Im epischen Theater sollte sie aber nun selbständig in Erscheinung treten. Die Bühne begann zu erzählen. Nicht mehr fehlte mit der vierten Wand zugleich der Erzähler. Nicht nur der Hintergrund nahm Stellung zu den Vorgängen auf der Bühne, indem er auf großen Tafeln gleichzeitige andere Vorgänge an andern Orten in die Erinnerung rief, Aussprüche von Personen durch projizierte Dokumente belegte oder widerlegte, zu abstrakten Gesprächen sinnlich faßbare, konkrete Zahlen lieferte, zu plastischen, aber in ihrem Sinn undeutlichen Vorgängen Zahlen und Sätze zur Verfügung stellte – auch die Schauspieler vollzogen die Verwandlung nicht vollständig, sondern hielten Abstand zu der von ihnen dargestellten Figur, ja forderten deutlich zur Kritik auf.

Von keiner Seite wurde es dem Zuschauer weiterhin ermöglicht, durch einfache Einfühlung in dramatische Personen sich kritiklos (und praktisch folgenlos) Erlebnissen hinzugeben. Die Darstellung setzte die Stoffe und Vorgänge einem Entfremdungsprozeß aus. Es war die Entfremdung, welche nötig ist, damit verstanden werden kann. Bei allem »Selbstverständlichen« wird auf das Verstehen einfach verzichtet. Das »Natürliche« mußte das Moment des Auffälligen bekommen. Nur so konnten die Gesetze von Ursache und Wirkung zutage treten. Das Handeln der Menschen musste zugleich so sein und mußte zugleich anders sein können."

Bertolt Brecht, Das epische Theater 1936

Eigenschaften der Theaterformen
Dramatische Form des TheatersEpische Form des Theaters 
Die Bühne 'verkörpert' einen Vorgangsie erzählt ihn
verwickelt den Zuschauer in eine Aktionmacht ihn zum Betrachter
verbraucht seine Aktivitätweckt seine Aktivität
ermöglicht ihm Gefühleerzwingt von ihm Entscheidungen
vermittelt ihm Erlebnissevermittelt ihm Kenntnisse
der Zuschauer wird in eine Handlung hineinversetzter wird ihr gegenübergesetzt
es wird mit Suggestion gearbeitetes wird mit Argumenten gearbeitet
die Empfindungen werden konserviertbis zu Erkenntnissen getrieben
der Mensch wird als bekannt vorausgesetztder Mensch ist Gegenstand der Untersuchung
der unveränderliche Menschder veränderliche und veränderte Mensch

Beispiele

Bertolt Brecht "Mutter Courage und ihre Kinder" (1939), "Die Dreigroschenoper" (1928), "Leben des Galilei" (1938)

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