Telekolleg - Deutsch


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Telekolleg Deutsch - Folge 12 Kreatives Schreiben

Ist Schreiben eine Gabe, oder kann man es lernen? Zahlreiche Kurse motivieren Menschen, ihre Lust am Schreiben auszuprobieren. Aber kann man damit auch erfolgreich sein?

Stand: 07.09.2016

schreibende Hand | Bild: picture-alliance/dpa

1. Manuskriptum: Kreative Schreibwerkstatt an der LMU

Schreiben kann man lernen. Beflügelt von diesem Credo entstanden in Amerika schon seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts die ersten Ausbildungsstätten für Schriftsteller. Inzwischen wartet dort jede renommierte Universität mit Kursen für kreatives Schreiben auf. Auch an deutschen Universitäten bringen erfahrene Profis jungen Talenten bei, wie man eine gute, spannende Geschichte schreibt, z.B. in München. Im Wintersemester 1999/2000 war Startschuss für das Projekt Manuskriptum, eine Schreibwerkstatt für Nachwuchsschriftsteller/innen. Gemeinsam gegründet von der Verlagsgruppe Random House, dem Literaturhaus München und der LMU startete das Projekt gleich erfolgreich. Zahlreiche Stipendien und Literarturpreise für ehemalige Manuskriptum-Teilnehmer/innen unterstreichen den Erfolg des Projekts, das inzwischen auf Universitäten in ganz Bayern ausgeweitet wurde.

Aus dem ersten Kurs der Münchner Schreibwerkstatt ging der Debütroman „Verloren, mein Vater“ von Fridolin Schley (München 2001) hervor, der in Jugendmagazinen genauso gefeiert wurde wie in der Neuen Züricher Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Schley, 1976 geboren, studierte Germanistik, Politik und Geschichte an der LMU und besuchte zusätzlich Seminare an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Weil das Schreiben "eine schwammige Angelegenheit ist, braucht man ein Gerüst", erklärt Schley. Der junge Schriftsteller hat daher "kleine Rituale" entwickelt, die, wie er sagt, manchmal fast zwanghaften Charakter annehmen: Bestimmte Arbeitszeiten zwischen 9.00 und 12.00 Uhr, feste Essenspausen etc.

In seinem beeindruckenden Roman erzählt er die Geschichte des zwanzigjährigen Medizinstudenten Peter, der durch ein sonderbares Ereignis fast aus der Bahn geworfen wird und sich neu zurechtfinden muss in der Welt: Peters Vater, ein erfolgreicher Fotograf, wäre bei einem Flugzeugunglück fast umgekommen. Der gerade noch Davongekommene kehrt indes nie zu seiner Familie zurück. Niemand weiß, wo er steckt und warum er verschwunden ist. Nur dass er lebt, ist klar, denn er schickt Peter ab und zu eigenartig verschwommene Fotos. Peter muss herausbekommen, warum sein Vater so handelt, er versteht die Welt nicht mehr. Zusätzlich irritiert ihn seine Leidenschaft für Emma, seine Cousine zweiten Grades, mit der er eine unvergessliche Nacht verbracht hat.
Da es zur eigenen Orientierung in der Welt wichtig ist, zu wissen, woher man kommt, beginnt er, die Geschichte seiner Familie aufzurollen. Erinnerungssplitter, Familienfotos, Gedichtverse sind die Indizien, die ihm dem Zugang zum Leben seiner Vorfahren ermöglichen: Abgründe tun sich ihm dabei auf. Schrey gelingt es, diese Familiengeschichte in kraftvollen Bildern lebendig werden zu lassen, in Bildern, die anders als die verschwommenen Fotos von Peters Vater entscheidende Momente im Leben lakonisch festhalten und zum Sprechen bringen.

Der Erfolg von Manuskriptum zeigt sich nicht zuletzt an der Auszeichnung des Schriftstellers Jens Petersen mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2009 der Stadt Klagenfurt für seinen zweiten Roman „Bis dass der Tod“. Der Arzt und Autor studierte u.a. an der LMU München Medizin und belegte während dieser Zeit den Kreativ-Schreibkurs. Schon sein erster Roman „Die Haushälterin“ war ein Erfolg und erhielt u.a. 2005 den ZDF Aspekte-Preis.

Dass das Schreiben lange nicht als Handwerk, sondern als geniale Gabe galt, die nicht erlernt werden kann, dafür hatte besonders die Genieästhetik des Sturm und Drang gesorgt Dr. phil. Edda Ziegler betreute Manuskriptum an der Münchner LMU bis 2007,sie differenzierte: "Die Lust am Schreiben und die Phantasie für Geschichten, die kann man vermutlich nicht lernen. Aber alles andere, wie man eine Geschichte anpackt, wie man einen Dialog anfängt, wie man sich einen guten Schluss überlegt, all das kann man lernen. Das beweisen nicht nur unsere Kurse, sondern das beweist die ganze Kreativ-Schreib-Bewegung seit vielen Jahren."

Kreativ Schreiben – was heißt da kreativ? Tilman Spengler, Manuskriptum-Dozent, Schriftsteller, Sinologe und Journalist wurde 2008 mit dem Literaturpreis der Stadt München ausgezeichnet. Er meint dazu im Interview:

"Kreativität empfindet jeder auf andere Weise. Bei mir ist es einfach die Frage, wie das Rauschhafte zustande kommt, dass mich plötzlich ein Stoff anschaut und sagt: 'Erzähl mich!'. Das ist ein außerordentlich rätselhafter Prozess, der natürlich im Laufe des Schreibens seine Abkühlung und Ernüchterung erfährt, aber in Wellen den ganzen Erzählprozess begleitet. Auf zwei Weisen werden die Manuskriptum-Teilnehmer im kreativen Schreiben geschult: Zum einen arbeiten sie gemeinsam an ihren Texten, tragen eigene Textpartien vor, machen gegenseitig kritische Einwände, überlegen sich gemeinsam, wie eine Geschichte weitergehen könnte etc. Zum anderen "stellen wir ihnen konkrete Aufgaben. Wir schicken sie zum Beispiel ins Hofbräuhaus und lassen sie aus ihren Beobachtungen eine Geschichte machen. So lernen sie, eine Figur durch das Hier und Jetzt zu führen", so Tilman Spengler.

2. Talentförderung in Klagenfurt – Birgit Vanderbekes Tutorium

In Klagenfurt, einer Hochburg des deutschsprachigen Literaturbetriebs, wird seit 1976jährlich im Sommer ein renommierter Lesemarathon veranstaltet, um einen neuen Ingeborg-Bachmann-Preisträger, dem renommiertesten Literaturpreis Deutschlands, zu ermitteln.- In der Geburtsstadt Robert Musils und Ingeborg Bachmanns findet seit Jahren regelmäßig ein Workshop für junge Autoren statt. Anders als bei Manuskriptum sind beim Klagenfurter Literaturkurs aber keine Anfänger/innen zugelassen; Teilnahmebedingung ist, dass die Bewerber bereits ein Prosastück oder Gedicht publiziert haben.

Birgit Vanderbeke, Bachmann-Preisträgerin von 1990 und danach selbst Jurorin in Klagenfurt, stand als Tutorin ihren jungen Kollegen beim Klagenfurter Literaturkurs mit Rat und Tat zur Seite. So auch Arne Rautenberg aus Kiel, einer der zehn – von über 100 Bewerbern – Stipendiaten, die ihr Tutorium beim Klagenfurter Literaturkurs 1999 besuchen durften. Er besprach mit ihr seinen Text, der den Titel „obzönaraum“ trug. Birgit Vanderbeke ging nicht eben zimperlich mit der Erzählung des jungen Autors ins Gericht: "Sie haben einen wunderbaren Text geschrieben. Er hat drive, Tempo gleich von Anfang an, er wechselt in den Stilen und er hat den Vorteil, dass er in unserer Zeit spielt, den Alltag unter die Lupe nimmt. Aber ich habe auch einen Einwand: Sie neigen darin zu spätpubertären Abgefucktheiten."

Arno Rautenberg zeigte sich nicht sehr geschockt von dieser Kritik. "Ich weiß selbst inzwischen, wo meine Mängel liegen, ich habe in den letzten Jahren gelernt, kritikfähig zu sein, was auch eine Entwicklung ist, die ein junger Autor durchmachen sollte, ja muss."

Rautenberg wußte das Tutorium, das Gespräch und Beisammensein mit den erfahreneren Kollegen und den jüngeren Mitstreitern sehr zu schätzen. Denn in Kiel hatte er nicht viel Gelegenheit, sich mit anderen Schriftstellern auszutauschen: "Mein literarisches Leben spielt sich weitestgehend im Postkasten ab und da ist es sehr schön wenn man auch einen persönlichen Kontakt bekommt wie jetzt hier."

Das Erbe der großen Dichter der Stadt, von Bachmann und Musil, schüchterte ihn nicht ein. So sehr er sie schätzte: sie seien keine Vorbilder für ihn, denen er nacheifern würde. Das heißt aber natürlich nicht, dass er nur aus dem eigenen Bauch, der eigenen Intuition schöpfe: "Ich bin natürlich auch nur ein Knotenpunkt von Texten, die durch mich hindurchgehen. Ich bin so eine Art Durchlauferhitzer für Texte", so der norddeutsche Autor. Das A und O, sei indes das sensible Beobachten und Festhalten seiner Umgebung: Immer trüge er einen Notizblock mit sich herum, in dem er seine Wahrnehmungen notiere, um sie hinterher literarisch gründlich auszuschlachten. Das hat sich offensichtlich bewährt, wie die zahlreichen Veröffentlichungen des 1967 geborenen Autors beweisen.

3. Birgit Vanderbeke über das Schreiben und die Urteilsbildung

Der erste Eindruck zählt: "Jeder, der sehr viel liest – und ich lese sehr viel – merkt schon bei den ersten Sätzen, ob ein Text gut ist oder nicht. Ich spüre, ich höre, ob ein Text aufgeladen ist, ob er drängt, ob er mir etwas erzählen will, oder ob der Autor einfach nicht in den Anfang reinkommt. Es ist meistens so, dass der erste Eindruck sowieso die Lesehaltung bestimmt und meistens auch stimmt", erklärt Birgit Vanderbecke. Nötig ist, den Text abzukoppeln vom Autobiografischen. Vor allem in Erstpublikationen neigen junge Autoren dazu, autobiografische Erfahrungen in den Vordergrund zu stellen. Selbst, wenn das erste stark autobiografisch motivierte Werk gelingt, droht das Vakuum, wenn es um das zweite Opus geht. Daher gilt es von Anfang an, den erzählten Stoff "vom Ich abzukoppeln. Darauf versuche ich von Anfang an zu achten, dass keine Eins-zu- Eins-Relation vorherrscht", so Birgit Vanderbeke. Voraussetzung fürs Schreiben: Alles, was passiert, unentwegt sprachlich begleiten. Um schreiben zu lernen "kann man", so Birgit Vanderbeke, "versuchen, seine eigene Wahrnehmung, sein Verhältnis zur Welt, was einem selbst und was anderen widerfährt, unentwegt sprachlich zu begleiten. Das ist eine Gewohnheitssache, eine Angewohnheitssache, und die technische Voraussetzung fürs Schreiben. Es schärft die Wahrnehmung einerseits und es schärft die Ohren andererseits. Es ist so etwas wie ein Lebensmittel für den Schriftsteller, dass er das, was passiert, mit Sprache zu erfassen versucht. Dadurch entsteht auch so etwas wie eine Differenz zur Wirklichkeit, so etwas wie eine eigene Wahrnehmung und eine eigene Handschrift. Und das ist wiederum die Voraussetzung, um nicht einfach reflexhaft auf die Wirklichkeit zu reagieren, sondern sie sprachlich zu fassen."

Glaubwürdig sind Figuren, wenn ich mit ihnen sprechen und leben kann: Authentisch, echt wirkende Figuren sind das A und O bei Romanen wie auch in Drehbüchern. Erzwingen kann man sie aber nicht. Sie entstehen nach Birgit Vanderbeke in einem kreativen Dialog: "Das ist ganz ähnlich wie Tilman Spengler es vom Stoff sagt: Eine Figur will erzählt werden. Erst deutet sie sich mir nebelhaft an. Ich muss mich selbst in einen Dialog mit ihr setzen und im Kopf sozusagen einen Platz freilassen für sie. Erst wenn ich mit der Figur sprechen kann, dann kann ich sie auch ergründen. Das ist in gewisser Weise ein Spiel, das man mit sich selber spielt. Erst wenn ich die Figur für mich so gesprächsfähig habe, dass ich mit ihr leben kann – was ich muss, solange ich die Geschichte schreibe –, dann ist sie für mich glaubwürdig."

4. Eine bissige Komödie und ein kleiner Drehbuch-Knigge

Mindestens genauso groß ist die Herausforderung, für Fernseh- und Kinofilme zu schreiben, d.h. Drehbücher zu entwickeln. Besonders dann, wenn daraus eine so erfolgreiche Komödie mit Biss hervorgeht, wie aus dem Drehbuch von Ziska RiemannDie Hunde sind schuld.“ Im Frühjahr 2001 hatte der Film der 1973 geborenen, in Berlin lebenden Autorin und Comiczeichnerin auf dem Münchner Filmfest Premiere. Erzählt wird die Geschichte des recht eigenbrötlerischen Imbissbudenbesitzers und Hundehassers Engelbrecht Korsinski, der immer mal wieder mit vergifteten Buletten Hunde um die Ecke bringt. Engelbrecht verliebt sich in seine Hausmeisterin Marlene. Alles sieht nach eitel Sonnenschein und herrlicher Nostalgie aus – begeistert hören sie zusammen die Schlager ihrer fernliegenden Jugend – bis Marlene sich als eine ausgesprochene Hundeliebhaberin entpuppt, einen Terrier mit nach Hause und damit Engelbrecht zur Verzweiflung bringt.

"Alle Figuren in dem Film sind im Grunde einsam. Das war auch das Lebensgefühl von mir, als ich das Drehbuch geschrieben habe", erklärt Ziska Riemann.

Um ein Drehbuch zu schreiben, braucht man

  • eine Idee, aus der man die Geschichte strickt,
  • möglichst eine Vorstellung vom Anfang und vom Ende der Geschichte,
  • eigene Welterfahrung: Man muss rausgehen, auf die Straße, sich vertraut machen mit dem spezifischen Ambiente seiner Figuren, ihrer Sprache, ihrem Auftreten und Stil
  • ein Gefühl für die Figuren, man muss sie sozusagen von Innen heraus ganz kennen und "Mut haben, mit ihnen auch zum Äußersten zu gehen" (so Ziska Riemann).
  • Wichtig ist auch die äußere Form: Zu den Dialogen kommen genaue Orts- und Zeitangaben und die Beschreibung des Milieus.
  • In der Regel umfasst ein Drehbuch etwa 100 Seiten und ist in drei Akten aufgebaut:

1. der Exposition, die die Story etabliert,
2. dem Wendepunkt der Geschichte, der meist durch eine Konfrontation gegen Ende des 2. Akts zustande kommt
3. die allmähliche Auflösung, wobei der Höhepunkt (Happy End oder Katastrophe) etwa fünf Minuten vor Schluss des meist auf 120 Minuten angelegten Films liegen sollte.


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