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Nachgefragt Was ist Liebeslyrik im Unterschied zur erotischen und zur pornographischen Dichtung?

Die Grenzen von Liebeslyrik und pornografischer Dichtung sind fließend, abhängig von Zeit, Geschmack, Takt und Sozialisation. Kann es dann überhaupt eine allgemeingültige Klassifikation geben? Wer gibt die Regeln vor, und wie könnten diese aussehen?

Stand: 18.01.2013

Brief wird mit Füller geschrieben, Hand nah | Bild: picture-alliance/dpa

"Was für den einen harmlose Sprachspielerei mit Gegebenheiten der menschlichen Sexualität ist, scheint dem anderen schon ein Tabubruch und wirkt auf den prüden Frömmler wie 'Teufelswerk'." (Hansjürgen Blinn S.158)

Lange bestimmte die Zensur, was noch Liebeslyrik war und was schon als pornographisch galt und verpönt war. Ein kurzer Blick auf die Geschichte der erotischen Lyrik, die genau zwischen Liebeslyrik und pornographischer Dichtung angesiedelt ist, mag dies erläutern:

1. Vom Adel bestimmte Barockdichtung: Gegenwelt zum leibfeindlichen Christentum

"Die erotische Dichtung kam zu ihrer ersten Blüte in einer umfangreichen Sammlung von Barockgedichten, die zwischen 1695 und 1727 unter dem Titel erschienen: Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutscher auserlesener und bisher ungedruckte Gedichte. In dieser Sammlung nimmt die Liebesthematik einen breiten Raum ein und zwar als "normale" Liebeslyrik und als sehr erotische Lyrik, die kaum Tabus kennt und der Prüderie fremd ist. In zahlreichen leicht zu entschlüsselnden Bildern, Metaphern und Vergleichen thematisiert sie ... den Liebesakt, beschreibt sie den weiblichen Körper, auch dessen intimste Regionen, stilisiert ihn zum kostbaren Kunstwerk oder zum Paradies und überhöht ihn zum anbetungswürdigen Objekt." (Blinn S.159)

Johann von Besser (1654-1729) dichtet in Hoffmannswaldaus Sammlung:

An Calisten
Ich kann mir nicht mehr widerstreben;
Die Schönheit flößt mir das Gelüste ein.
Im Paradies kann keiner leben,
Und ohne Fall und Fehltritt sein.
Dein Edensplatz, mein Kind Caliste,
Zieht meine Hand
Auf deinen Kreis der runden Brüste
Und meinen Leib in dein gelobtes Land.

Mit solchen erotischen Freizügigkeiten war es in der Dichtung des anbrechenden bürgerlichen Zeitalters dann vorbei:

"Die vom Adel geprägte Lebenskultur des Barock kannte die Sittenstrenge des späteren bürgerlichen Zeitalters noch nicht. Der Adel war auch nicht in dem gleichen Maße wie das Bürgertum bereit, sich dem negativen Urteil der ... Kirche über die menschliche Sexualität zu unterwerfen, das ... davon ausging, dass der Geschlechtsakt an sich schon Sünde sei und allenfalls zur Erzeugung von Nachkommen zugelassen werden könne ... Die adlige Kultur ... baute in der Literatur eine Gegenwelt zum leibfeindlichen Christentum auf, wobei sie sich an der mit Erotik durchtränkten griechischen Mythologie orientierte, der sie Argumentationshilfen und Verhaltensmuster entlieh." (Blinn S.159)

2. Die restriktive Sexualmoral des Bürgertums

Mit dem Bürgertum etablierte sich auch eine restriktive Sexualmoral: "Gedichte, die um 1700 noch ... unbeanstandet erscheinen konnten, wurden hundert Jahre später unterdrückt, verstümmelt oder in Sammelbänden mit fingiertem Druckort publiziert, womit sich Verleger und Herausgeber vor Verfolgung schützten. Selbst Goethe wagte es nicht mehr, Erotica zu publizieren, unterdrückte Elegien und Epigramme sowie Teile des Faust." (Blinn S.160)

Diese Tendenz zur Tabuisierung der Sexualität verschärfte sich 19. Jahrhundert noch: Die Vorbehalte gegen erotische Andeutungen waren so groß, dass man immer wieder in die Textgestalt literarischer Werke – auch der Klassiker – eingriff. Selbst ein so harmloser Satz wie der aus Johann Wolfgang Goethes Herrmann und Dorothea "Daß dir werde die Nacht zur schöneren Hälfte des Lebens" (4. Gesang, Vers 199) wurde "als Schamlosigkeit begriffen und aus einigen Goetheausgaben eliminiert" (Blinn ebd.).

"Die strikte Tabuisierung alles Sexuellen und die Bewertung des menschlichen Sexualtriebs als eines tierischen Relikts zeitigten eine merkwürdige Doppelmoral. Einerseits wurde Triebverzicht gepredigt und die Heiligkeit der Ehe betont, andererseits brachte aber das 19. Jahrhundert eine Blütezeit der Prostitution hervor. Und häufig genug gingen Verfemung und Abwertung der Sexualität einher mit der Diskriminierung der Frau." (Blinn ebd.)

3. Von den antibürgerliche Tendenzen des Fin de Siècle bis zur "sexuellen Revolution"

An der Wende zum 20. Jahrhundert gingen naturalistische und expressionistische Dichter und Schriftsteller wie Stefan George (1868-1933) oder Else Lasker-Schüler (1869-1945) gegen die Doppelmoral und Tabuisierungen des Bürgertums vor und postulierten das freie Recht auf Liebe. Einen herben Rückschlag erlitt diese von bürgerlichen und religiösen Zwängen befreite Sexualmoral durch das "Dritte Reich". Es wurde

"alles Sexuelle erneut verfemt, die literarische Beschäftigung mit diesem Thema unterbunden und seine wissenschaftliche Erforschung aus rassenideologischen Gründen diffamiert und verboten." (Blinn S.162).

Einen Neubeginn der erotischen Lyrik gibt es – von wenigen Ausnahmen abgesehen – erst in der Folge der sexuellen Revolution der 60er Jahre. Seitdem nehmen auch immer mehr Schriftstellerinnen am Diskurs teil und eröffnen neue Perspektiven:

"Weibliches Begehren wird besonders in den von Frauen beschriebenen Gedichten deutlich. Ein gleichberechtigtes Verhältnis der Geschlechter klingt an, wenn beide ihre Wünsche und Vorstellungen artikulieren. Hier erscheint die Frau nicht mehr als Sexualobjekt, sondern als der fordernde verlangende Teil, der sein Recht auf Sinnlichkeit postuliert." (Blinn S.162)

Ein neues Selbstbewusstsein und Selbstgefühl spricht etwa aus dem Anfang von Eva Strittmatters (1930-2011) Gedicht

Hass Lieb ich dich jetzt, so liebe ich kalt.
Die Seele bleibt kalt, der Leib nur wird heiß.
Wir lieben einander mit sinnlichem Schweiß.
Ich mehr, du minder, denn du bist alt.
Ich erlebe die Lust, du erlebst sie nicht mehr,
Das geschieht dir gerecht. Was zogst du umher
Mit der Metze, um dich als Mann zu beweisen?
Gelassen lass ich mein Herz vereisen
Und verzeihe dir nicht! Wie wohl das tut,
Im Hass zu erhitzen das bittere Blut ... ... (Strittmatter zitiert nach Blinn S.150).

Quelle:

Hansjürgen Blinn (Hg.). Ich will Dich. Die hundert schönsten erotischen Gedichte. Berlin 2001


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