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Nachgefragt Ist auf den zeitgenössischen Bühnen alles erlaubt?

"Nein, das geht zu weit!" so ein Zwischenruf bei der Premiere einer skandalösen Macbeth Interpretation. Gibt es auf der Bühne noch Tabus? Oder ist im zeitgenössischen Theater alles erlaubt?

Stand: 18.01.2013 | Archiv

Macbeth am Hamburger Schauspielhaus | Bild: picture-alliance/dpa

Das fragten sich die Theaterkritiker in den Feuilletons und Kultursendern, als der 38-jährige Katalane Calixto Bieito bei den Salzburger Festspielen 2001 seine Vorstellung von Shakespeares Macbeth auf die Bühne brachte. Der Regisseur verlegte die Handlung aus dem Mittelalter in das Großbritannien von heute: Die Macbeths treiben nun ihr Unwesen als Londoner Drogenhändler, Shakespeares Hexen begegnen als Wahrsagerinnen, die ganze Tragödie mutiert zu einer wüsten Party, wo einzig berauschte, hemmungslose Geilheit regiert.

So weit, so gut – oder so schlecht. Die Plattheit der auf das alltägliche Ambiente reduzierten Aktualisierung des Stücks monierten die meisten Kritiker: Der Shakespearschen Tragödie fehle hier die "Fallhöhe". Uneinigkeit herrscht indessen darüber, ob Bieito nicht entschieden zu weit gegangen ist, als der Mörder Macduff sein Opfer noch sexuell missbrauchte.
Wie jeder echte Bühnenskandal forderte diese Szene zu einer grundsätzlichen Besinnung auf das Theater und seine spezifischen Aufgaben heraus: Gibt es auf der Bühne noch Tabus?

1. Leichenschändung auf der Bühne – ein Skandal?

Manch einer im Publikum empfand es so. Die Theaterkritikerin Christine Dössel schildert in der SZ vom 20. Juli 2001, was in Salzburg bei der Premiere abging:

"Die erste Unruhe entsteht beim Mord an Lady Macduff. Die Szene ist realistisch wie im Film. Der Mörder, der soeben drei ihrer Kinder getötet hat, ... schleift die schreiende Mutter nach vorne und erdrosselt sie mit der Schnur ihres Bügeleisens. Das dauert seine Zeit ... Der Mörder ist noch nicht am Ende. Erst erschlägt er das vierte Kind, dann betrachtet er lange die Leiche von Lady Macduff. Ein Knistern liegt in der Luft. Der Mörder öffnet den Bademantel der toten Frau, prüft ihre Körperwärme, küsst ihr Gesicht. Kaum macht er sich daran, ihr den Schlüpfer auszuziehen, gellt ein empörter Schrei durch den Raum: "Nein, das geht zu weit!". Hinterher erzählt man sich, dass es Christiane Hörbiger gewesen sein soll, die das gerufen hat. Der Aufschrei ist wie ein Dammbruch. Im Zuschauerraum macht sich jetzt der gestaute Ärger Luft. Das ist doch empörend, zischt es .... Dann setzt ein Exodus ein, wie man ihn bei einer Premiere in Salzburg ... schon lange nicht erlebt hat."

2. Gutes Theater: Aufwühlen um jeden Preis?

Christine Dössel bewertet die von ihr so anschaulich skizzierte Szene nicht als ein Skandalon. Für sie hat sich an dieser Szene einmal wieder gezeigt, was wahres Theater ist: "Emotionale Anstachelung"

"An einem Abend wie diesem weiß man sie wieder zu schätzen, die Kraft des Theaters. Seine Fähigkeit, die Menschen aufzuwühlen, ihnen buchstäblich unter die Haut zu gehen und so unmittelbare Emotionen freizusetzen wie kein anderes Medium. Was im Kino längst gang und gäbe und geduldet ist, die realistische Darstellung von Sex and Crime, die Exzesse des Schreckens – im Theater hat das noch eine Direktheit und Wucht, die erstaunlich ist. Woher der Unmut? Theater ist nicht der heilige Ort des Schönen-Wahren-Guten. Theater ist, wenn es gut ist, der unheilige Ort des Lebens, ein Ort der Wahrheit, an dem von Menschen erzählt wird. Von Angst, Tod und Dämonen. Allein dafür muß man das Theater – auch das eruptive Seht-nur-her-Theater des Calixto Bieito lieben. Für seine Schrecken und seine emotionale Kraft: Hurra, wir fühlen noch."

3. "Wildgewordene Regisseure" auf deutschsprachigen Bühnen

Der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. C. Bernd Sucher stellt in einem sehr scharfsinnigen Artikel einen Tag später – ebenfalls in der SZ – die Diagnose Dössels in Frage und entlarvt ihre Voraussetzung als naiv: Längst überbieten sich die Regisseure mit Tabubrüchen auf europäischen Bühnen:

"Wer hätte das gedacht? Es gibt noch ein Tabu auf der Bühne – oder zwei! Dabei schien es seit langem so, als seien alle Tabus bereits verletzt, verlacht und damit hinfällig geworden. Nacktheit ist ein Kinderspiel in europäischen Theatern. Penetrationen – ein besonderer Spaß: oral, anal, vaginal, zuweilen auch mit scharfen Gegenständen ausgeführt. Zumindest auf deutschen Bühnen ist erlaubt, was dem wildgewordenen Regisseur Freude macht ... Nekrophilie war bis zu diesem Zeitpunkt ein Tabu im Theater. (So wie der veritable Mord, das zweite Tabu). Bieito hat es verletzt. Fortan werden andere Regisseure ihm folgen. Und der Widerstand wird abgeschmettert werden mit dem Hinweis, dass das Publikum in Salzburg erstens uralt, zweitens stockkonservativ und drittens nicht mehr verdiene als eine Kopfnuss. Diese Argumentation ist schlicht und schlichtweg verlogen."

4. Gutes Theater: Schürt es im Unterschied zum Film die Phantasie?

Sucher weiß, wer Grenzen anmahnt, wer in unserer Theaterlandschaft nicht akzeptiert, dass alles erlaubt sein sollte, der macht sich verdächtig, der braucht Zivilcourage. Die hat er, und er hat vor allem Argumente, die er gegen die "wildgewordenen Regisseure" ins Feld führen kann: zeigen die empörten Reaktionen in Salzburg einmal wieder, dass Gewalt im Theater anders wahrgenommen wird als im Film. beruht die Stärke des Theaters gerade darin, nicht alles zu zeigen, der Imagination der Zuschauer das Wesentliche zu überlassen. Statt Abstumpfung durch Bilder wird damit das emotionale Vorstellungsvermögen geschürt. Im Originalton lauten seine bedenkenswerten Argumente:

"Zum einen schafft das Medium Film Distanz, wo das Theater Nähe suggeriert. Der Zuschauer im Kino weiß, ... dass jene Torturen oder Blessuren, die er sieht und miterlebt, nicht im Augenblick geschehen, sondern zuvor hergestellt wurden. Fake, selbst wenn der visuelle Trug gelingt und der Betrachter ergriffen einschreiten will: Er hat keine Chance. Sein Schrei hält nichts auf, verändert nichts. Sein Protest hat keinerlei Auswirkungen auf den Fortgang ... Im Theater kann jeder Zwischenruf Folgen zeitigen. Die Empörung: "Das nicht" hätte dazu führen können, dass der Schauspieler nicht ausführt, was der Regisseur ihm aufgetragen hat, zu tun: Sex zwischen Mörder und Ermordeter. ...
Das ist der eine Unterschied zwischen Theater und Film. Ein anderer besitzt größere Bedeutung. Theater ist ein Spiel mit Chiffren, mit Zeichen. In weit größerem Maße als im Film wird dem Zuschauer aufgebürdet, Geschichten und Geschehnisse zu dechiffrieren, zu entschlüsseln. Das Unwirkliche, das ganz und gar Unwahrscheinliche zu imaginieren. Das Entsetzliche ist oft Wort bloß – was geschieht, geschieht meist hinter der Bühne, wird berichtet oder gebeichtet. Wie viel verstörender es ist, das Grauenhafte statt zu zeigen nur zu zeichnen, beweisen Regisseure wie Thomas Ostermeier (Jahrgang 1968), der selbst realistische Stücke immer wieder in die Abstraktion führt, also das Offensichtliche chiffriert, verschlüsselt, damit der Zuschauer gezwungen wird, mit der eigenen Fantasie einen Schlüssel zu finden, für das auf der Bühne vorgespielte. Theater ist – anders als der Film – ein Versteckspiel. Wer nicht versteckt, verspielt."


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