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Telekolleg Deutsch - Folge 6 Drama: Das epische Theater

Bertolt Brecht ist der Begründer des epischen Theaters. Er sagte einmal: "Schreiben Sie, dass ich unbequem war und es auch nach meinem Tod zu bleiben gedenke." War Brecht ein Weltverbesserer? Was macht das epische Theater aus?

Stand: 07.09.2016 | Archiv

Trommeln in der Nacht von Bertold Brecht,  Aufführung Berliner Ensemble  | Bild: picture-alliance/dpa

"Kommunist, Frauenheld, Plagiator, der Dramatiker des 20. Jahrhunderts", so wird der weltberühmten Lyriker, Dramatiker und Erfinder des "epischen Theaters" Bertolt Brecht oftmals beschrieben. Über ihn gehen die Meinungen immer noch auseinander.

1. Brecht – das epische Theater

Hineingeboren wurde Brecht am 10. Februar 1898 in eine Augsburger Kaufmannsfamilie aber das Theater zog ihn schon bald in seinen Bann und von dem soliden Milieu und Metier ab: Mit 20 Jahren schon brillierte er mit kühnen Theaterkritiken, mit 22 hatte er seine ersten Stücke, den "Baal" und die "Trommeln in der Nacht" fertig. Mit 24 wurde er Dramaturg an den Münchner Kammerspielen und ein Jahr später arbeitete er zusammen mit dem großen Max Reinhardt in Berlin. Dort studierte er nebenbei eifrig Marx und entwickelte die ersten Konzepte zum "epischen Theater".

Im Unterschied zum traditionellen Theater will das epische Theater die Zuschauer mit Kommentaren, eingeschobenen Erzählungen und Reflexionen aus der fiktiven Wirklichkeit des Spiels herausreißen. "Der Zuschauer soll sich nicht einfühlen in die dargestellten Figuren und deren Welt, er soll kritisch dazu Stellung nehmen, er soll Abstand gewinnen, er soll die fiktive Realität des Stückes erkennen und sie auf seine Situation übertragen", erklärt em. Prof. Dr. Helmut Koopmann.

Bertold Brecht

1933 ging Brecht ins Exil. In Kalifornien schrieb er sein wohl berühmtestes Stück: "Mutter Courage und ihre Kinder. Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg" (1939). Die Anspielungen auf Hitlers Überfall auf Polen sind darin unüberhörbar. Das Stück behandelt den Krieg aus der Perspektive der kleinen Leute, nicht der "großen" Kriegstreiber: Mutter Courage muss sich in den schweren Kriegszeiten mit ihren Kindern allein durchschlagen. So patent und versiert sie sich als Marketenderin behauptet, so sehr erwacht ihre Profitgier: Sie verdient prächtig an dem Krieg, dem schließlich ihre Kinder zum Opfer fallen.

1940/41 hielt sich Brecht in Finnland auf, wo er ungeheuer produktiv arbeitete. Neben den Parabelstücken "Der gute Mensch von Sezuan" und "Der Aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" verfasste er im nordeuropäischen Exil auch das Volksstück "Herr Puntila und sein Knecht Matti". Nach dem Krieg ging Brecht in die DDR, um an dem Aufbau eines sozialistischen Deutschland mitzuwirken. Am 14. August 1956 erlag er in Berlin einem Herzinfarkt.

War Brecht ein Weltverbesserer? "Brecht hatte", so der Literaturwissenschaftler und ehemalige Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Augsburg Dr. Helmut Koopmann, "zwar manchen Größenwahn, aber als Weltverbesserer würde ich ihn nicht bezeichnen, eher als einen Aufklärer. Er wollte mit seinen Stücken zum Denken anregen, er wollte den kritischen mündigen Zuschauer, wie Lessing."

"So sehr ich den Vergleich mit Lessing schätze, so missverständlich ist er", betont indes Prof. Dr. C. Bernd Sucher, ehemaliger Theaterkritiker bei der Süddeutschen Zeitung, und Leiter des Studiengangs Theater-, Film- und Fernsehkritik der Hochschule für Film und Fernsehen an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. "Die Methode der Aufklärung ist bei Brecht eine ganz andere als bei Lessing. Was Brecht wirklich wollte, war, die gesellschaftlichen Bedingungen verändern."

Was die Methode betrifft, so stimmt Prof. Dr. Helmut Koopmann zu: "Ja, Lessings Form der Aufklärung ist subtil, Brecht versucht es immer wieder großmaschig, mit dem Holzhammer. Seine Stärke war das Vereinfachen und seine Schwäche war das Vereinfachen. Aber auf der anderen Seite ist Brecht jemand, der die gesellschaftlichen Schwächen erkannt hat und sie so weit bekämpft hat, wie das überhaupt mit dem Wort möglich ist."

2. Die Dreigroschenoper – Musical oder politische Botschaft?

Musik spielte für Brecht als Bestandteil seiner Kunst eine große Rolle. Schon in seinen frühen unpolitischen Dramen, von denen er sich später entschieden distanzierte, "Baal", "Die Hochzeit" oder "Im Dickicht" durchbrachen Songs die dramatische Handlung. Im März 1927 lernte Brecht schließlich den Komponisten Kurt Weill kennen. Im Sommer 1928 zogen sich die beiden nach Südfrankreich zurück und präsentierten nach ein paar Wochen intensivster Arbeit "Die Ludenoper". So lautete der Arbeitstitel der Dreigroschenoper, die im August 1928 am Theater am Schiffbauerdamm in Berlin uraufgeführt und ein veritabler Kassenschlager wurde. Brecht wurde über Nacht berühmt.

Im Zentrum der Dreigroschenoper steht der Kampf des „Gentlemans“ und Londoner Straßenräubers Macheath, genannt Mackie Messer, gegen den gerissenen "Bettlerkönig" Jonathan Peachum und die Londoner Polizei und Justiz. Angestiftet wird der Kampf dadurch, dass Mackie Messer heimlich Peachums Tochter heiratet und zudem ein Verhältnis mit der Tochter des Londoner Polizeichefs unterhält. Im letzten Moment gibt es ein "Happy End" für Mackie Messer, dem die Todesstrafe droht: Seine Gaunereien werden am Schluss legitimiert, der Dietrich durch den Aktienkauf und der Bankeinbruch durch die Gründung einer Bank ersetzt.

Es war die Paarung aus bissiger Gesellschaftskritik und gewitzter Fabel, die durch die raffinierte Musik noch unterstützt wurde, was Brecht 1928 den Erfolg brachte. Bereits 1930 wurde Die Dreigroschenoper verfilmt. Brechts Versuche, den Film zu verbieten, scheiterten: Er verlor den Prozess gegen den Regisseur G.W. Pabst. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich das Interesse an der Oper in der BRD gewandelt:

"Der Haifisch hatte damals keine Zähne mehr", erklärt der Regisseur Paul Verhoeven. Mit dem aggressiven Witz und den zündenden Lästereien über die verlogene bürgerliche Moral konnten die Menschen in den späten vierziger Jahren nicht viel anfangen. "Erst kommt das Fressen, dann die Moral: Diesem brechtschen Motto konnten wir nach dem Krieg nicht zustimmen. Da stand für uns das Nie wieder, die moralische Erschütterung im Vordergrund", so Verhoeven. Heute steht der Unterhaltungseffekt der Dreigroschenoper meist im Vordergrund, wie etwa bei der Aufführung des Münchner Volkstheaters von 1991.

"Die bissige Betteloper wird zum Musical, zum vergnüglichen, kulinarischen Amüsiertheater", so C. Bernd Sucher. Aber das sei nicht bei allen Aufführungen und überall der Fall. "Allein im Westen hat die Gesellschaftskritik des Stückes keine Chance mehr", so Sucher. Anderswo komme diese Ebene des Stücks durchaus noch zum Tragen: "Vor einem Jahr etwa sah ich die Dreigroschenoper in Moskau und da funktioniert die Gesellschaftskritik des Stücks durchaus noch. Denn da kann man die Mafia ins Spiel bringen und die Neureichen und die Bettler auf der Straße, die es dort wirklich gibt und die dort organisiert sind."

3. Mutter Courage – produktives Exil?

Zweifellos hatte Brecht nicht nur eine politische Botschaft, sondern auch viel für Unterhaltung übrig. "Heiner Müller hat einmal gesagt, 'Wäre Brecht nicht ins Exil gegangen, dann wäre er ein Unterhaltungsschriftsteller geblieben oder geworden", erklärt Prof. Dr. Helmut Koopmann. In der Exilphase entstanden all die Werke, die wir heute mit Brecht verbinden. "Das Exil hat dazu geführt, dass er ständig weiterexperimentiert hat. Er hatte keine Bühne mehr, er hat sich sehr auf die Theorie geworfen. Er hat als Lyriker gearbeitet, er reagierte auf das amerikanische Theater, er reagierte auf seine Umwelt. All das hat Brecht ungeheuer produktiv gemacht", meint Prof. Dr. Helmut Koopmann.
Prof. C. Bernd Sucher indes könnte auch auf diese Früchte des Exils verzichten. Für ihn wird vor allem das Frühwerk des Dichters bleiben und Bestand haben: "Also von Brecht, für mich, das ist ja ganz subjektiv, bleiben die frühen Stücke, also Baal, Mann ist Mann, Dickicht der Städte, es bleibt Lyrik, und es bleibt der Verfremdungseffekt ... Aber ich will Mutter Courage wirklich nie wieder mit ihrem Wagen über irgendeine Bühne ziehen sehen."

Prof. Dr. Helmut Koopmann widerspricht entschieden, gerade, was als 'Frucht' der Exilerfahrung in Brechts Werk eingegangen ist, scheint ihm bedeutend: "Ich sehe die Mutter Courage gerne über die Bühne ziehen, mit welchem Wagen und in welcher Form auch immer. Ich glaube, da sollte man Brecht etwas mehr entgegenkommen. Er hat gelehrt und das tut die Mutter Courage genauso wie der Puntila, er hat gelehrt, dass man die Wirklichkeit nicht einschichtig nehmen soll. Man kann die Rollen vertauschen es ist vielleicht sogar eine besondere Exilerfahrung, dass diejenigen, die früher gesessen haben, jetzt plötzlich stehen müssen, es gibt von Brecht Gedichte in dieser Richtung. Also die Welt ist auf den Kopf gestellt und dadurch wird sie ein bisschen durchsichtig, man nimmt nicht mehr als gegeben hin, was früher gegeben war. Die späten Stücke, Mutter Courage, ich denke vor allem aber auch der Puntila, zeigen, dass man die Welt von zwei Seiten sehen kann. Wer ist der echte Puntila, der betrunkene Puntila oder der nüchterne? Beide sind sie echt und beide sind sie auch wieder nicht echt."

4. Brechts Nachfolger

Zwei Schweizer Dramatiker zeigten nach dem Zweiten Weltkrieg besonderes Interesse an Brecht, vor allem an seinem Konzept des epischen Theaters: Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Doch obwohl sie epische Elemente wie den berühmten Verfremdungseffekt einsetzten, unterscheiden sich doch die Themen, Fragen, Probleme und Lösungen ihrer Stücke von denen Brechts. Dürrenmatt verlegte sich entschieden auf die Komödie, in der allein eine Welt wie die unsrige, eine "ungestaltete, im Werden, im Umsturz begriffene Welt dargestellt" werden könne (Dürrenmatt, zitiert nach Staehle S.107). Seine Physiker (1961 entstanden, 1962 in Zürich uraufgeführt) inszenieren in einem Irrenhaus die große Frage nach der Verantwortlichkeit der Wissenschaftler. Der selbst gewählte Wahnsinn erscheint Einstein, Newton und Salomon hier als "die einzig sinnvolle Existenzform in einer Welt, die dem eigenen Untergang entgegentaumelt" (Kindlers Literaturlexikon).

Max Frisch kreiste immer wieder um die Frage der Identität, der eigenen Geschichte und ihrer Mitteilbarkeit. Im Zentrum steht diese Thematik in seinem Stück Biographie, ein Spiel "Im Unterschied zu Brecht waren Dürrenmatt und Frisch keine Gesellschaftsanalytiker. Sie hatten keine Modelle, das spricht mehr für als gegen sie. Aber ihre Art, direkte Kritik zu üben, das steht in der Nachfolge Brechts", erklärt Prof. Dr. Helmut Koopmann.

Quellen :

  • Kindlers Literaturlexikon (umfangreiches Literaturlexikon zur Weltliteratur in mehreren Bänden, z.B. bei J. B. Metzler Verlag mit Online Datenbank)


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