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Fakten Klassik: Drama

Die Weimarer Klassik ist ohne die vorhergehenden literarischen Strömungen von Aufklärung und Sturm und Drang nicht denkbar. Was waren die Besonderheiten dieser Epochen und inwiefern mündeten sie in die Weimarer Klassik?

Stand: 15.01.2013 | Archiv

Dichterzimmer im Weimarer Residenzschloss mit Büste Schiller | Bild: picture-alliance/dpa

1. Aufklärung

Die berühmteste Definition der Aufklärung formulierte der Philosoph Immanuel Kant 1784 in seiner Schrift: "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ... Sapere aude! (Wage zu denken). Habe Mut Dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."

Verabschiedung fremder Autoritäten
Aufklärung ist hiernach der Appell, sich bei allem, was man annimmt, denkt und tut, kritisch zu fragen, ob es vernünftig, begründet und allgemein einsichtig ist. Die kritische Prüfung und Verabschiedung aller Autoritäten birgt politische Sprengkraft: Alles, was weltliche und kirchliche Autoritäten sagen und bestimmen, ist für den aufgeklärten mündigen Bürger nur verbindlich, wenn es allgemein verständlich begründet ist.

Autoritäten unter Legitimationszwang
Das Programm der Aufklärung stellt so alle herkömmlichen Autoritäten unter Legitimationszwang. Dies bereitete sich vor - im englischen Empirismus, der die Menschen lehrte, allein auf ihre (wissenschaftlich nachweisbare) Erfahrung zu bauen (Vertreter: Francis Bacon, John Locke), und nicht auf das, was die Kirchen und Metaphysiker für wahr erklärten. - im französischen Rationalismus, der den Glauben an die Kraft der Vernunft und des selbstständigen Denkens etablierte, das nicht mehr Gott, sondern die Selbstgewissheit (Ich denke, also bin ich) als Ursprung aller Evidenz anerkannte (Descartes, Voltaire, Diderot). Um ihre Autorität zu behaupten, mussten sich die Theologen nun beeilen, die Wahrheit der Religion vernünftig zu begründen. Es kam zu einem Streit zwischen der Offenbarungs- und Vernunftreligion. Letztere war derart auf allgemeine Prinzipien gegründet, dass sie als prinzipiell offen für Juden wie Christen galt.

Vernunft als einzige Autorität: die Schwierigkeit, frei zu sein
Die Loslösung von allen herkömmlichen Autoritäten konfrontierte den Einzelnen mit der gar nicht so einfachen Aufgabe, frei zu sein: d.h. sich von all den gewohnten Bindungen, Bestimmungsgründen seines Handelns und Verbindlichkeiten zu lösen, deren Grund nicht vernünftig einsehbar ist. Das ist für die Menschen, die nun einmal Gewohnheitstiere sind, schwer und unbequem. Es erfordert daher, wie Kant sagt, die Überwindung von Faulheit und Feigheit und die Entwicklung von Mut und Entschlossenheit.

Diktatur der Vernunft
Die Loslösung von allen Autoritäten im Namen der Vernunft birgt Gefahren: Dann, wenn sich die Vernunft selbst dem Legitimationszwang – und das heißt letztlich, der gemeinsamen Übereinkunft, die nur im Gespräch mit anderen erzielt wird – entzieht, und sich zur einzigen Autorität (üb-)erhebt und diktatorisch wird. Dann schlägt das befreiende Potenzial der Aufklärung zurück (dialektischer Umschlag) in blutige Gewalt – Maximilien Robbespiere, Kopf des Revolutionstribunals und des Terrorregimes nach der französischen Revolution ist ein historisches Beispieldieses Rückschlags.

Aufklärung in der Literatur
Der Geist der Aufklärung bestimmte auf zweierlei Weise die Literatur: Der Appell zum Selbstdenken und Begründen führte im Verein mit der Loslösung von fremden Autoritäten dazu, dass die deutschen Literaten anfingen, sich von ihren französischen Vorbildern abzugrenzen. Statt fremdes Regelwerk einfach zu akzeptieren, begründeten sie nun selbst die literarischen Gattungen und stellten ein eigenes Regelwerk auf (Gottsched, Bodmer, Gellert).

Aufklärung durch Literatur
Zum anderen wurde die Literatur zum Vehikel der Aufklärung erklärt: Sie wurde zum Instrument der angenehmen, vergnüglichen Belehrung. Sie sollte dazu beitragen, die Menschen zu Menschen zu machen, d.h. vernünftig und frei. Eine beliebte Form war das Lehrstück in jeder Variante: als Fabel, Parabel oder als Drama, später als Bildungsroman. Die bedeutendsten Vertreter der Aufklärung, die uns auch heute noch einiges über den Geist der Freiheit und des freien, toleranten Zusammenlebens lehren können, waren Moses Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing.

2. Sturm und Drang

Johann Wolfgang Goethe

"Bedecke deinen Himmel, Zeus,/ Mit Wolkendunst! ... Hier sitz ich, forme Menschen/ Nach meinem Bilde,/ Ein Geschlecht, das mir gleich sei,/ Zu leiden, weinen, /Genießen und zu freuen sich, / Und dein nicht zu achten,/ Wie ich." So beginnt und endet Goethes Prometheus, an dem sich die wesentlichen Kennzeichen des Sturm und Drang gewinnen lassen. Diese literarische (Jugend-)Bewegung, wird auch als Geniezeit bezeichnet und ist zwischen 1760 und 1784, dem Beginn der Weimarer Klassik angesiedelt. Benannt ist die Sturm-und-Drang-Epoche nach dem gleichnamigen, 1777 erschienenen Drama von Friedrich Maximilian Klinger.

Kontinuität und Bruch mit der Aufklärung:
Das Genie, der Künstler, verabschiedet im Prometheus nicht nur den höchsten (griechischen) Gott, der hier für alle Autoritäten steht. Es fühlt und gebärdet sich darüber hinaus als gottgleicher Schöpfer: Es setzt sich an die Stelle, die Gott/der Schöpfer und Herrscher bislang innehatte. In dem Aufbegehren gegen die Autoritäten im Namen der Freiheit und Selbstbestimmung führt der Sturm und Drang das Programm der Aufklärung fort. Allein, die Freiheit war für die jugendlichen Stürmer und Dränger vor allem eine subjektive, individuelle Freiheit, nicht wie bei den Aufklärern in erster Linie eine durch allgemeine Vernunftprinzipien begründete.

Geniekult
"Genie ist die angeborene Gemütslage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt." So definiert Kant (zitiert nach Karthaus S.13) präzise, was die Geniezeit unter Genie verstand. Ferner bedeutet es "Originalität" und spontan bestimmtes Schaffen derart, dass "der Urheber des Produkts, welches sich dem Genie verdankt, selbst nicht weiß, wie sich in ihm die Ideen herbeifinden, auch es nicht in seiner Gewalt hat, dergleichen nach Belieben oder planmäßig auszudenken und anderen in solchen Vorschriften mitzuteilen, die sie instand setzen, gleichmäßige Produkte hervorzubringen." (ebd.)

Der schöpferische Geist kennt hiernach kein Regelwerk, keine Vorschriften zur Produktion von Kunstwerken, sondern er setzt in dem gleichsam begeisterten, entrückten, nicht bewusst gesteuerten Schaffensprozess selbst neue Regeln und Maßstäbe. Die sind – wie das geniale Schaffen insgesamt – weder lehr- noch lernbar.

Abschied von der normativen Poetik
Aus diesem künstlerischen Selbstbewusstsein als Genie von Gnaden der Natur resultierte zum einen die Absage an jede normative Poetik: Wollte die Aufklärung noch begründen und vorschreiben, was welche Dichtungsart ist und soll, so machen die Stürmer und Dränger sich im Namen des Genies frei von all den Fesseln der Tradition, z.B. der Einheit von Handlung, Raum und Zeit im Drama. Zum anderen speist sich das Genie nun aus einer anderen Quelle, "der Natur". Sie allein galt nun den jungen Dichtern als Ursprung und Maßstab.

Vergötterung der Natur
Diese Vergötterung der Natur als Urquell alles Lebendigen und Schöpferischen hatte Vorläufer: - Rousseaus Zivilisations- und Vernunftkritik, seine Entgegensetzung von Natur- und Kunstmensch standen dabei Pate. - Natur als "eigene Natur", nämlich Gefühlswelt, sowie als äußere Natur wurde bereits als Ursprung des 'deutschen' dichterischen Genies in den Liedern des Ossian und den empfindsamen Hymnen Klopstocks entdeckt. - Äußere und innere Natur schloss dann Hamann zusammen: "Die Natur würkt durch Sinne und Leidenschaften. Wer ihre Werkzeuge verstümmelt, wie mag der empfinden?"(Hamann, zitiert nach Karthaus S.12) - Shakespeare wurde als das größte, weil "natürliche", dichterische Genie der Zeiten gefeiert und gegen die griechischen Tragödiendichter ausgespielt. Er, der in seinen Dramen die klassischen Regeln umstürzte und "die Sprache aller Alter, Menschen und Menschenarten" auf die Bühne brachte, galt ihnen als "Dolmetscher der Natur in all ihren Zungen". So heißt es in den "fliegenden Blättern", die Herder, Goethe, Frisi und Möser unter dem Titel "Von Deutscher Art und Kunst" programmatisch herausgaben. Shakespeare, das war ihnen Natur, das war für sie wahre Kunst: eine Kunst die "Herz, alle Leidenschaften, die ganze Seele von Anfang bis Ende fortreißt" (ebd. S.80).

Aufstand der Leidenschaften
Gegen die einseitige Betonung der Vernunft, diesen pathetischen Rationalismus der Aufklärung, behaupteten die jungen Stürmer und Dränger das von Shakespeare vorbildlich zur Sprache gebrachte pralle Leben: Das Pathos des Herzens, der Leidenschaften und wilden, abgründigen Empfindungen. Sie "formen", um mit Goethes Prometheus zu sprechen, Menschen, wie sie wirklich, d.h. 'natürlich' sind, nicht wie sie (vernünftig) sein sollen, Menschen eben "Nach meinem Bilde,/ Ein Geschlecht, das mir gleich sei,/ Zu leiden, weinen." Das Prinzip der Aufklärung, die Vernunft und ihre Prinzipien sind dabei nicht vergessen, die Stürmer und Dränger sind in ihrer Haltung nicht "irrational". Sie setzen der Vernunft nur das Gefühl und die Empfindungen des leidenden individuellen Einzelnen entgegen: Sie entfachen den Widerstreit von Gefühl und Vernunft, von Neigung und Pflicht, den die Klassiker dann auf Kosten der Neigung so schön zu versöhnen trachten.

Rebellion gegen die Stände im Namen der Selbstverwirklichung
Der Freiheitsdrang des Genies, des leidenden und leidenschaftlichen Individuums, rebelliert auch gegen die politischen und gesellschaftlichen Übel, insbesondere die Ständeordnung der Zeit. Aber ein wahrhaft politisches Verständnis entwickelten die jungen Genies noch nicht: Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1794) typisches Sturm- und -Drang Gedicht Fürstengruft z.B. zeigt: "Die Tatsache, daß Fürsten Unrecht tun, führt nicht zu der Konsequenz, man müsse ihr Regiment abschaffen, sondern nur dazu, 'gute' Fürsten zu fordern, von denen man sich den 'Völkersegen' erhofft" (Karthaus S.10). Allein über den Umweg der Einklagung individueller Rechte auf Selbstverwirklichung und Freiheit wird die bestehende Ordnung in Frage gestellt.

Bedeutendste Vertreter
Neben dem jungen Goethe (Die Leiden des jungen Werther, Ganymed, Prometheus, Götz von Berlichingen) und dem jungen Schiller (Die Räuber samt der Unterdrückten Vorrede, Kabale und Liebe) sind vor allem Johann Georg Hamann, Johann Gottfried Herder, Gottfried August Bürger, Jakob Michael Reinhold Lenz, Friedrich Maximilian Klinger und Karl Philipp Moritz zu nennen.

3. Ausblick auf die Weimarer Klassik

In Aufklärung und Sturm und Drang haben Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller sozusagen den ganzen Konfliktstoff gesammelt, den sie in ihrer Weimarer Zeit wieder versöhnten. Ein wesentlicher Impuls dazu war Goethes erste italienische Reise, die in ihm die klassischen, von Winckelmann formulierten Ideale lebendig machten: Schönheit als Ordnung, Harmonie, Bändigung und Maß. Das Ideal dieser Schönheit wurde nun in der griechischen Antike wiederentdeckt, nicht mehr im prallen Leben und der ungestümen, Ursprünglichkeit verströmenden Natur.

Im Horizont dieses neuen Kunstideals oder Ideals der Kunst suchten Goethe und Schiller die Gegensätze von Sturm und Drang und Aufklärung zu überwinden. Statt der – von den Stürmern und Drängern eingeforderten – "Wirklichkeit" aber, war jetzt – grob gesagt – eher die "Wahrheit" Thema. Statt wirklicher Menschen aus Fleisch und Blut kamen wieder häufiger Ideale auf die Bühne: Menschen, wie sie sein sollten, große Charaktere wie Iphigenie. Statt alltäglicher Begebenheiten zeigte man nun wieder erhabene, große, allgemein bedeutsame Schicksale. Die ungebundene, offene Form der Sturm-und-Drang-Dramen wich wieder dem geordneten Fünf-Akt-Schema im Drama, in dem man sich wieder an den drei Einheiten orientierte und statt auf expressiven Ausdruck auf eine wohlgestaltete Sprache Acht gab.

Im Horizont des neuen Kunstideals, das auf das Gute, auf Schönheit und Wahrheit aus war, musste in der Weimarer Klassik vor allem die kurz zuvor befreite Subjektivität mitsamt ihren Leiden und Leidenschaften Federn lassen.

Quellen:

Ulrich Karthaus (Hg.). Sturm und Drang und Empfindsamkeit. Ein Abriß in Text und Darstellung. Stuttgart 1976.


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