Telekolleg - Deutsch


4

Nachgefragt Was heißt romantisch?

Das Märchen und insbesondere der Roman gelten als die wichtigsten Kunstformen der Romantik. Was aber heißt Romantik und romantisch?

Stand: 05.01.2013 | Archiv

Büsten von Friedrich, Caroline und August Wilhelm Schlegel vor Romantikerhaus in Jena | Bild: picture-alliance/dpa

"Ein Roman ist ein romantisches Buch", so Friedrich von Schlegel, deutscher .Philosoph, Literaturhistoriker und Übersetzer und einer der wichtigsten Vertreter der „Jenaer Frühromantik“ Ende des 18. Jahrhunderts. Der Roman ist für ihn ihm das Gesamtkunstwerk, in dem sich "Erzählung, Gesang und andere Formen mischen" (Friedrich Schlegel, zitiert nach Meid S.455).

Schon die Definition in Metzlers Literaturgeschichte zeigt, wie vieldeutig der Begriff ist: "Als epochenübergreifende Kategorie wird Romantik benutzt, um ästhetische Oppositionsströmungen gegen 'klassische' und 'realistische' Literaturpositionen abzugrenzen. Dabei verbinden sich mit dem Begriff auch bestimmte thematische Schwerpunkte. Angeleitet von den Genrebezeichnungen 'Roman' oder 'Romanze' meint 'romantisch' das Wunderbare, Exotische, Abenteuerliche, Sinnliche, Schaurige, die Abwendung von der modernen Zivilisation und die Hinwendung zur inneren und äußeren Natur des Menschen und zu vergangenen Gesellschaftsformen und Zeiten (Mittelalter). Im engeren historischen Sinne meint Romantik eine literarische Tendenz, die sich während der Kunstepoche als Parallele und Gegenströmung zur Klassik und zum Jakobinismus ausbildete." (Beutin S.174)

Hiernach hat Romantik

1. mit der Genrebezeichnung Roman zu tun. Romantisch hieß ursprünglich: "wie in einem Roman", d.h. phantasievoll, abenteuerlich, erdichtet. Seit der Aufklärung hatte sich der Roman als höchst vielfältige und populärste Literaturform etabliert: "Zu den Ritterromanen im alten Stil kamen die Schauergeschichten der gotischen Romane hinzu, während das bürgerliche Leben im sentimentalen Liebesroman allmählich literaturreif wurde. Unter das Dach des Begriffes 'romantisch' trat also mehr und mehr das Exzentrische, Überspannte, Unheimliche, Gruselige und Grausige ebenso wie das Gefühlsselige und Empfindsame." (Schulz S.10f.) Eine allgemein anerkannte Wertung war damit nicht verbunden: Die einen rümpften über das Exzentrische die Nase, die anderen genossen es mit ungetrübtem Vergnügen. Johann Wolfgang von Goethe, der sich des Öfteren über die ungeheure Popularität der romantischen Dichter ärgerte, gehörte eher zu den Naserümpfern. Am 2. 4. 1829 sagte er zu Eckermann: "Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke. Und da sind die Nibelungen klassisch wie der Homer, denn beide sind gesund und tüchtig. Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nicht klassisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist. Wenn wir nach solchen Qualitäten Klassisches und Romantisches unterscheiden, so werden wir bald im reinen sein."

2. mit der Abgrenzung vom Klassischen zu tun. Die Romantiker weigerten sich zum einen, die klassische Antike mitsamt ihrem poetologischen Regelwerk zum Maßstab und Ideal der modernen Literatur zu machen. Damit schlossen sie sich der Protestbewegung des Sturm und Drang an. Zum anderen fundierten sie dabei die spezifisch moderne Literatur als "romantische" nun im Christentum und der mittelalterlichen christlichen Kultur, statt in der Antike. August Wilhelm Schlegel setzte in seinen Berliner Vorlesungen über schöne Literatur der "Geschichte der classischen Literatur" die "Geschichte der romantischen Literatur" gegenüber, worunter er die gesamte Literatur der "Hauptnationen des neueren Europa" (Schlegel zitiert nach Schulze S.15) seit dem Mittelalter verstand. Gegen eben diese Gleichsetzung und Gegenüberstellung von modern = mittelalterlich fundiert = romantisch versus klassisch = antik = griechisch/heidnisch fundiert wendet sich der oben zitierte missverständliche Versuch Goethes, das Verhältnis romantisch – klassisch neu zu bestimmen.

3. mit der Befreiung der Dichtung aus den Fesseln des Realistischen. Die Romantiker schreiben sich los von den Bedingungen der realen politischen und rational beschreib- und erklärbaren Welt. Sie suchen ein Reich der Kunst zu etablieren, in dem die Poesie regiert und das eigentliche Wissen verkörpert: "Der Poet versteht die Natur besser wie der wissenschaftliche Kopf", heißt es in Novalis Fragmenten. Und weiter: "Die Poesie ist das echt absolut Reelle. Dies ist der Kern meiner Philosophie. Je poetischer, je wahrer." Nicht das Offenbare, das am Tag Liegende, bindet das Interesse der Romantiker, sondern das darin Unbekannte, Geheimnisvolle und Unbewusste. Und dies Unbekannte, Andere, Jenseitige überall zu realisieren, es empfinden, sehen und hören zu lehren, formuliert Novalis als romantisches Programm:

"Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit seinem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. ... Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. – Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche; dies wird durch diese Verknüpfung logarithmisiert. Es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philosophie. Wechselerhöhung und Erniedrigung." (Novalis Schriften. Hg. von P. Kluckhohn und R. Samuel. Darmstadt 1968. Bd. 2, S.441f.)

Quellen:

  • Volker Meid. Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart 1999
  • Wolfgang Beutin, Klaus Elert, Wolfgang Emmerich (Hrsg.) Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart/Weimar 1994, 6. Auflage 2001
  • Gerhard Schulz. Romantik. Geschichte und Begriff. München 1996

4