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Fakten Der Roman im 20. Jahrhundert

Romane des 20.Jahrhunderts, auch moderne Romane genannt, zeichnen sich durch spezifische Erzählweisen aus. Virtuos jonglieren die Autoren mit den Techniken, sei es dem Wechsel der Erzählperspektive, mit inneren Monologen bis hin zur Montage- und Kompositionstechnik.

Stand: 03.01.2013 | Archiv

Uwe Johnson Archiv in Rohstock | Bild: picture-alliance/dpa

Die Erzählweisen des modernen Romans lassen sich aus der "transzendentalen Obdachlosigkeit" (Georg Lukács 1885-1976, ungarischer Philosoph, Literaturwissenschaftler und Kritiker) erklären. Die bedeutet: Dem Einzelnen ist die Welt, in der er lebt, fremd geworden und er ist sich selbst und den anderen in ihr fremd geworden. Alle traditionelle Ordnung und Sinngebung des Daseins ist fragwürdig, zweifelhaft geworden. Die fundamentale Entfremdung schafft Probleme des Erzählens. Denn eine Geschichte erzählen, heißt zunächst nichts anderes, als etwas, was geschehen ist, so zu erzählen, dass es im Nachhinein verständlich wird, Sinn für sich selbst und andere macht. Erzählen ist grob gesagt der Versuch, das Wirkliche, das einen tendenziell immer überrumpelt, im Nachhinein zu bewältigen, indem man es in einen Sinn- und Verständnishorizont einbettet. Wo der zerbrochen ist, etablieren sich moderne Erzähltechniken:

Wechsel der Erzählperspektiven:

Die Romanhandlung wird nur noch aus fragmentarischen Perspektiven der Einzelnen geschildert, wobei im Extrem kein Abbild einer pluralistischen Welt erzeugt wird, sondern die totale Fragmentarisierung des Wirklichen. In diesem Fall lassen sich die subjektiven Einzelausschnitte des Geschehens nicht mehr wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Vielmehr spiegeln sie, dass es eine allen gemeinsame (d.h. allgemeine) Welt/Wirklichkeit und ein verbindliches Werte- und Normensystem als Verständigungsbasis nicht mehr gibt. Auf harmlose Weise bediente sich bereits der traditionelle Briefroman dieser multiperspektivischen Erzählweise, die zugleich vertiefte psychologische Einblicke erlaubt. In Uwe Johnsons Roman "Zwei Ansichten", der von der Liebe zwischen einer Ostdeutschen und einem Westdeutschen handelt, unterstreicht die konsequent durchgezogene Doppelperspektive trefflich den Stoff. Extrem wendet William Faulkner die Perspektiventechnik an: Aus 15 verschiedenen Blickwinkeln setzt er seine Geschichte "Als ich im Sterben lag" zusammen (vgl. Gelfert S.22).

Wechsel von Erzählstil und -haltung:

Nicht mehr eine Erzählhaltung wird als dominante durchgehalten, stattdessen ein ständiger Wechsel der Erzählsituation und -haltung vollzogen. In dem Roman der Moderne, im Ulysses von James Joyce (1922) findet ein solcher Wechsel von Kapitel zu Kapitel statt: Joyce erzählt ebenso virtuos aus der objektiven Außensicht (Er-Form) wie aus den verschiedenen Innenperspektiven seiner drei Helden mit ihren inneren Monologen.

Der innere Monolog:

Diese Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Erzähltechnik verzichtet auf den souveränen, das erzählte Geschehen steuernden/deutenden Erzähler. Statt dessen gibt sie (scheinbar) unvermittelt in der ersten Person Präsens all das wieder, was die Figuren denken, fühlen, träumen, erinnern und assoziieren. So erlaubt der innere Monolog tiefe Einblicke in die geistigen und seelischen (Ab-)Gründe des Romanpersonals.

Alfred Döblin wendet diese Erzähltechnik z.B. in "Berlin Alexanderplatz" an, Thomas Mann in "Lotte in Weimar", Arthur Schnitzler in "Fräulein Else", Uwe Johnson in "Mutmaßungen über Jakob". Als innerer Monolog wird auch die extreme Darstellung innerer Vorgänge dargestellt, der so genannte Bewusstseinsstrom, "Stream of Consciousness". Das ist die extrem ungeordnete Abfolge von tendenziell unterbewussten wie unbewussten und bewussten inneren Vorgängen, die unvermittelte wie irritierende Einblicke in die Abgründe der Seele geben.

Prominentestes Beispiel des "Stream of Consciousness" ist der große Monolog der Molly Bloom am Ende des "Ulysses" von James Joyce (1922). Hermann Broch hat diese extreme Technik im "Tod des Vergil" (1945) angewandt.

Montagetechnik:

Hier wird, wie das Wort Montage (frz. zusammenbauen) schon sagt, verschiedenes, selbst vorgefertigtes Material künstlich zusammengesetzt, was dem Erzählten die Illusion des organisch Gewachsenen raubt, es verfremdet und es als gemachtes, als künstliches Werk zu erkennen gibt. Der Begriff stammt aus der Filmkunst und bezeichnet in einem weiteren Sinne jegliche künstliche Aneinanderfügung (Ein-, Über- und Rückblenden) von verschiedenen Wirklichkeits-, Zeit- und Handlungsebenen. Vorbild der literarischen Montagetechnik ist der "Manhattan Transfer" (1925) von J. Dos Passos. Alfred Döblin hat sich in "Berlin Alexanderplatz" (1929) ausgiebig dieser Technik bedient und schuf damit für viele Romanautoren der Nachkriegszeit das moderne deutschsprachige Vorbild: z.B. für Wolfgang Koeppen und Arno Schmidt.

Collagetechnik:

Der aus der Malerei stammende Begriff bezeichnet das "Zusammenkleben" vorgefundener Elemente zu etwas Neuem. Eine Kompositionstechnik, die im Unterschied zur Montage nicht selbst vorgefertigte Materialien verwendet, sondern auf bereits Gegebenes "Kulturgut" – vom Bibelspruch bis zum Werbespruch – zurückgreift und in der Zusammensetzung des Disparaten eine vielschichtige, widersprüchliche Wirklichkeit reflektiert. Ein extremer Einsatz dieser Technik liegt bei Joyce "Ulysses" vor: Dieser, die Begebenheiten eines einzigen Tages in Dublin behandelnde Roman bildet diesen Tag nicht etwa realistisch ab, sondern setzt ihn als "labyrinthische Collage" (Gelfert S.157) künstlich zusammen. In dieser Collage, die nach Homers Odyssee strukturiert ist, können "Kunstkenner wie in einem Bilderrätsel nach und nach die ganze Kunst des Abendlandes entdecken" (ebd.).

In Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" dient die Collagetechnik – das Zusammenfügen disparater Stücke der Großstadtwelt (Schlagertexte, Werbeslogans und Bibelsprüche) indes eher dem expressionistischen Ausdruck: der präzisen Wiedergabe der zerreißenden und zerrissenen Wirklichkeit der verlorenen Großstadtseelen. Essayistische Exkurse: Die Einfügung essayistischer Passagen in den Handlungsablauf bis hin zur Überlagerung der Romanhandlung durch sich verselbstständigende Reflexionen, Kommentare, durch wissenschaftliche Abhandlungen und Erörterungen treten da auf, wo das erzählte Geschehen nicht mehr für sich selbst stehen kann und nach externer Deutung verlangt.

Exemplarisch für diesen Einbruch des Essayistischen in die Romanhandlung, der bis zum Zerbrechen der epischen Form führt, sind zum einen Hermann Brochs Romantrilogie "Die Schlafwandler", die 1931/32 erschien, zum anderen, ganz prominent: Robert Musils unvollendet gebliebener Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" (1930-52) und nicht zuletzt Thomas Manns "Doktor Faustus" (1947).

Quellen:

Hans-Dieter Gelfert. Wie interpretiert man einen Roman? Literaturwissen für Schule und Studium. Stuttgart 1999


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