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Fakten Literatur der neunziger Jahre

Wenn von Literatur der neunziger Jahre die Rede ist, meint man nicht alle Werke, die in den 90ern erschienen sind. Es geht vielmehr um einen bestimmten Stil, um die „Rückkehr zum Realismus“ und um Romane, die spannende Geschichten aus der Gegenwart erzählen.

Stand: 03.01.2013 | Archiv

Maxim Biller | Bild: picture-alliance/dpa

1. Stilbegriff keine Epochenbezeichnung

Was in den Feuilletons und Anthologien als deutschsprachige "Literatur der 90er Jahre" verhandelt wird, ist nicht identisch mit der deutschsprachigen Belletristik, die seit 1990 geschrieben wurde und erschienen ist. Werke wie Botho Strauß "Die Fehler des Kopisten" (1997) oder Peter Handkes "Die Lehre der Sainte-Victoire" (1996) und Norbert Gstreins Novelle (1993) zählen gewöhnlich nicht dazu. D.h., "Literatur der 90er" ist weniger ein Epochenbegriff als ein Stilbegriff, ein Stilbegriff, der merkwürdigerweise oft mit einer Altersgrenze der repräsentativen Autoren gepaart ist: Die Autoren der '90er Jahre' sind zumindest einige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg geboren.

2. "Rückkehr zum Realismus" – "Wiederentdeckung des Erzählens"

Als Literatur der 90er Jahre gelten insbesondere die Werke, die den Anschluss an die internationale, vor allem die amerikanische Erzähltradition wieder gefunden haben. Die es wagen, spannende Geschichten aus dem wirklichen, gegenwärtigen Leben zu erzählen, anstatt sich in Selbstreflexionen des Schriftstellerdaseins zu zerfleischen und sich in Formspielereien und der Zelebrierung des Fragmentarischen und Unsagbaren zu ergehen. Es zählen die Autor/innen dazu, die das lang anhaltende – sich oft auf Theodor W. Adorno berufende – Erzähltabu und die "lebensferne Ästhetik der missverstandenen Moderne" hinter sich gelassen haben (siehe Martin Hielscher. Die neue Lebendigkeit der deutschsprachigen Literatur). Entscheidend für die Auffassung der Literatur der 90er Jahre ist, dass sich ihre Werke absetzten von der herrschenden Literatur der 70er und 80er Jahre. "Mangelnde Welthaftigkeit" war diesen vorgeworfen worden.

2.1 Kritik an der Literatur der 70er und 80er Jahre

Die Entstehung der neuen erzählfreudigen Gegenwartsliteratur wurde von Anfang an begleitet durch eine Debatte, die der FAZ-Kritiker Frank Schirrmacher (geb. 1959) und der Schriftsteller und Journalist Maxim Biller (geb. 1960) angezettelt hatten. An einer Kritik an Norbert Gstrein (geb. 1961) machte Schirrmacher pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 1989 das "allgemeine Desaster" der deutschen Literatur der 70er und 80er Jahre fest:

"Was sofort ins Auge fällt, ist die Unfähigkeit zu erzählen. Er glaubt dem Dilemma zu entkommen, indem er sich der Theorie in die Arme wirft. Wie viele seiner Generationsgenossen steht er, ohne es zuzugeben, im Banne Max Frischs. Von ihm haben sie gelernt, während man eine Geschichte erzählt, davon zu reden, dass man gerade eine Geschichte erzählt. [...] Fast immer entdeckt man hinter der fehlenden Imagination eine umso strotzendere Rhetorik, die intellektuell absichern soll, was künstlerisch misslungen ist."

Nach Schirrmacher ist die deutschsprachige Literatur der 70er und 80er Jahre gekennzeichnet durch "die abgegriffenen, unproduktiv gewordenen Denkbilder einer veralteten Avantgarde" (Schirrmacher in: Maulhelden und Königskinder S.23f.). Noch radikaler formulierte 1991 der streitfreudige Maxim Biller das Versagen der Literatur:

"Es gibt keine Literatur mehr. Das, was heute in Deutschland so heißt, wird von niemandem gekauft und gelesen, außer von Lektoren und Rezensenten, den Autoren selbst und einigen letzten versprengten Bildungsbürgern. [...] Es ist eine Literatur, die keinen berührt, mitreißt und fasziniert, eine Literatur, die nur mehr auf den Seiten der Feuilletons und Kulturspalten stattfindet". [...] Eine Literatur, der "jedes Leben, jedes Stück Wirklichkeit und der Wille zur Außenweltkommunikation ausgetrieben wurden." (Biller in Maulhelden und Königskinder S.62f.)

2.2 Widerspruch

Natürlich blieb diese harte Kritik an der Literatur der 70er und 80er Jahre, die einherging mit der Forderung nach einem neuen "lebensnotwendigen Realismus", nicht unwidersprochen: Siegfried Unseld, der bei Suhrkamp viele der "verkopft" und weltabgewandt gescholtenen Autoren verlegt hat (Handke, Gstrein etc.), legte genauso vehement Widerspruch ein wie so mancher Literaturkritiker und -wissenschaftler. Volker Hage etwa erinnerte mit Nachdruck an zahlreiche Literaten, die in den 70er und 80er Jahren mit Werken "von Gewicht" debütierten: z.B. Elfriede Jelinek, Ulrich Plenzdorf, Christoph Hein, Monika Maron und Sten Nadolny.

"Eine Auswahl nur. Man muss schon genau hinschauen, was da ist. Und wird dann feststellen: Davon, dass unser Leben, ob in den Städten oder auf dem Land, ob in West oder Ost, nicht ausreichend in dieser Prosa zu Wort kommt, kann überhaupt keine Rede sein. Gute, lesbare, nicht für den Augenblick geschriebene Werke sind das, die die Wirklichkeit nicht fliehen, sondern sie bisweilen auf finstere und fratzenhafte, fragmentarische und freimütige Weise umspielen" (in: Maulhelden und Königskinder S.38)

Wenn man schaut, was da war, müsste man noch etliche Autoren, die sich nie dem Erzähltabu gebeugt haben, hinzufügen: Uwe Timm, Robert Menasse, Helmut Krausser und Patrick Süskind etwa. D.h. es gab durchaus "realistische", erzählende Prosa, die sich nicht in formalen Spielereien erschöpfte. Und dennoch wurde die heraufkommende "neue" Literatur der 90er Jahre in den Feuilletons und von einigen Verlegern, Lektoren (Uwe Wittstock, Martin Hielscher) und Schriftstellern so begrüßt, als hätte es diese erzählenden Autoren nie gegeben. Und das hat auch z.T. seine Gründe: Die Literatur der 90er Jahre, die plötzlich für deutschsprachige Werke ungewöhnliche Erfolge und große Absatzzahlen verbuchen konnte, ist die Literatur einer neuen Generation, die anders auftritt und neue Themen ins Spiel bringt.

3. Das Neue an der Literatur der 90er Jahre

a) Das definitive Ende der Nachkriegsliteratur

Felicitas Hoppe (geb 1960, Georg-Büchner-Preis 2012), Thomas Brussig (geb. 1964), Judith Hermann (geb. 1970), Feridun Zaimoglu (geb. 1964), Christian Kracht (geb. 1966), Marcel Beyer (geb. 1965), Karen Duve (geb. 1961) etc, all die erfolgreichen SchriftstellerInnen der 90er Jahre reüssierten just in dem Jahrzehnt, in dem viele bedeutende Autoren starben (u.a. Thomas Bernhard, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Helmut Heißenbüttel, Wolfdietrich Schnurre, Elias Canetti, Heiner Müller, Wolfgang Koeppen und Jurek Becker starben. Mit dem Tod dieser großen Schriftsteller ist "die deutsche Nachkriegsliteratur [...] definitiv beendet" (Kraft in: aufgerissen S.11). Wer nun als junger Schriftsteller reüssierte, der stand – anders als die Zwischengeneration (Menasse, Timm, Maron) – von vornherein nicht mehr im Schatten der berühmten Großen.

Dazu treten die großen geschichtlichen Ereignisse 1989, die danach verlangten, neu reflektiert und aufgearbeitet zu werden, von neuem erzählt und gedeutet zu werden, wie Verlagslektor und Kritiker Dr. Martin Hielscher analysiert:

"Mit dem Zusammenbruch der Ostblock-Staaten 1989, der neuen Dynamik in der Geschichte und den damit einhergehenden, teilweise dramatischen Veränderungen von Biographien und Lebensentwürfen ist dem Erzählen eine neue Notwendigkeit zugewachsen und eine kollektive Erfahrung, die zur narrativen Verdichtung zwingt. Zugleich war die Nachkriegsgeschichte mit dieser Zäsur abgeschlossen und rückte neu in den Blick. Ob es die Tätergeschichten waren, die plötzlich, als müßte eine bestimmte Zeit vergehen, bevor sich das Trauma von Apologie und Verdrängung löst, zum Thema von Romanen wurden, wie in Marcel Beyers "Flughunde" oder Bernhard Schlinks "Der Vorleser" [...], oder ob die Wendegeschichte als Farce erzählt wurde wie in "Helden wie wir", als dunkle Komödie in Christoph Brummes "Tausend Tage", als Weltalltag und in die Ewigkeit reichende Momentaufnahme aus der ostdeutschen Provinz in Ingo Schulzes "Simple Storys", ob westdeutscher Nachwende-Alltag als apokalyptische Posse erschien wie in Matthias Altenburgs "Landschaft mit Wölfen", oder [...] als schwermütig-scharfsinniger und witziger Abgesang auf ein häßliches Land wie in Christian Krachts "Faserland" – eindrucksvoll zeigen diese hier exemplarisch genannten Titel, wie das Erwachen aus der Stockung des historischen Prozesses auch der Literatur neue epische Akzente verlieh."

b) Neues Selbstbewusstsein: Jenseits der Resignation

Viele Schriftsteller 70er und 80er Jahre resignierten, weil sie erfuhren, dass die Literatur keinen Ort, keine Bedeutung mehr in und für die durch und durch massenmedial bestimmte Wirklichkeit hat. Hintergrund dieser Resignation aber war die Überzeugung, dass Literatur eigentlich die Welt verändern sollte, der Gesellschaft zumindest einen kritischen Impetus geben sollte.

Ein völlig anderes Selbstverständnis scheint die jungen Schriftsteller/innen der 90er Jahre zu tragen, insbesondere die sich so optimistisch gebenden Popliteraten wie Rainald Goetz (geb. 1954), Benjamin von Stuckrad-Barre (geb. 1975) und Christian Kracht (geb. 1966). Sie wollen die Welt nicht verändern, sondern von der Welt erzählen, in der sie ständig auf Trab sind, und die sie in Trab hält. Und das ist nun einmal die Welt der Supermärkte, Werbespots und Markenartikel, in der alles zum Event stilisiert wird, die Welt der Sub- und Jugendkulturen und des perfekten mediengerechten Stylings, in der sie wissen, wie sie ihre Show abziehen müssen. Es herrscht hier, wie Iris Radisch kommentiert, eine "Ästhetik des Augenscheins", die in ihrer Radikalität indes kulturkritischer ankommt als so manches kulturpessimistische Gejammer:

"Ihr Nichtangriffspakt mit der Welt ist die Voraussetzung, sie so kalt zu beschreiben, wie sie vermutlich ist. Die schnöde, respekt- bis mitleidlose Weise, in der sie sich dieser Aufgabe [sic. der Kritik, I.B.] entledigen, ist partisanenhaft und überdies kulturkritischer, als die amtliche Kulturkritik sich träumen lässt." (Die Zeit Nr. 42 1999)

Quellen:

  • Martin Hielscher, Aus dem Regen zurück: Die neue Lebendigkeit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, In: Kunst & Literatur 8/1999 S. 31-33
  • Andrea Köhler und Rainer Moritz (Hg.). Maulhelden und Königskinder. Zur Debatte über die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Leipzig 1998.
  • Thomas Kraft (Hg.) aufgerissen. Zur Literatur der 90er Jahre. München 2000.

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