Religion - STATIONEN


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Was wurde aus ..? Kilian Ahlborn, Zimmermann auf der Walz

STATIONEN begleitete den Zimmerer Kilian Ahlborn im Herbst 2016 auf der Walz. Damals war der gebürtige Würzburger schon zwei Jahre unterwegs, hatte kein Zuhause, kein Telefon, nur ein paar persönliche Habseligkeiten. Was hat er auf der Walz erlebt? Was ist aus ihm geworden?

Von: Elisabeth Tyroller

Stand: 13.01.2020

Kilian Ahlborn, 2016 auf der Walz. | Bild: BR

Als STATIONEN 2016 den Zimmermann Kilian Ahlborn auf der Walz trifft, ist dem 24-Jährigen vor allem eines wichtig. Er schwärmt von der ultimativen Freiheit: "Ich bin niemanden Rechenschaft schuldig. Wenn es mir nicht passt, gehe ich wieder", sagte er damals.

Der gelernte Zimmermann aus Unterfranken hielt mit seiner Walz eine uralte Tradition aufrecht: Zwei Jahre und sieben Monate lang war er als Geselle auf Wanderschaft - ohne Telefon, ohne festes Zuhause. Nur mit einem Rucksack ausgestattet zog er los. Seine Reise führte ihn durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und sogar bis nach Alaska. "In Alaska haben wir gelernt, aus wenig oder gar nichts, viel zu machen", erzählt Kilian. "Das war die Herausforderung, dass man einfach nicht denselben Werkzeugstandard hat wie in Deutschland. Wenn man in einer deutschen oder einer schweizer Zimmerei ist, dann ist man Premium ausgestattet. In Alaska war es die Kunst, möglichst viel rauszuholen. Das hat ganz gut geklappt."

Das Leben nach der Walz

Seit eineinhalb Jahren lebt Kilian Ahlborn wieder in seiner Heimatstadt Würzburg. Nach der Wanderschaft hat er sich für ein Studium als Bauingenieur eingeschrieben, doch nach vier Semestern hatte er genug - "zu viel Stahl und Beton" sagt Kilian. Heute geht er auf die Meisterschule. Er ist seinem alten Handwerk, der Zimmerei, treu geblieben. Kilian wohnt nun in einer Wohngemeinschaft und hat seine Familie wieder näher bei sich. Aber die Umstellung war anfangs hart.

Was ist die Walz?

"Walz" nennt man die Zeit der Wanderschaft eines Handwerksgesellen nach Abschluss seiner Gesellenprüfung. Diese Tradition besteht bereits seit dem 12. Jahrhundert: junge Handwerker ziehen durchs Land, um andere Regionen, Kulturen, aber vor allem auch neue Fertigkeiten in ihrem Fach kennenzulernen. Lange war die Walz eine Voraussetzung für die Meisterprüfung. Mittlerweile dürfen auch Frauen auf die Walz gehen. Bei den Freien Voigtländern reisen seit 1910 Zimmerleute, Maurer, Dachdecker, Steinmetze und Bautischler für mindestens zwei Jahre. Ihre Bedingungen sind der Besitz eines Gesellenbriefes, dass man ledig und schuldenfrei sowie Mitglied in der Gewerkschaft ist. Außerdem gibt feste Regeln, die eingehalten werden müssen:

  • Tragen der Kluft - Der Wandergeselle muss immer seine traditionelle Zunftkluft tragen. Dazu gehören Hut, gedrehter Wanderstab, Zunfthose und Zunftweste mit 8 Knöpfen
  • Hab und Gut - Er muss all sein Hab und Gut bei sich tragen und er darf kein Geld für seine Reise ausgeben.
  • Wohnsitz - Er hat keinen festen Wohnsitz. Er schläft, wo er Arbeit bekommt oder in Herbergen
  • Bannkreis - Der Wandergeselle darf sich nicht näher als 50 km seinem Heimatort nähern

"Als ich wieder zu Hause war, habe ich vermisst, nicht mehr alles am Mann zu haben. Auf Wanderschaft hat man, wenn man außer Haus geht, alles dabei - von der Arbeitskleidung, über Wechselwäsche, über Hygieneartikel, den Stenz, irgendwelche Sportklamotten, die Kluft, man hat alles im Sack." Nun steht er vor Schwierigkeiten, die er auf der Walz nicht hatte, etwa die Frage. "Wo ist der Schlüssel?"

Wenig Besitz, viel Vertrauen

Kilians Ziel ist, bald seinen Meistertitel in der Tasche zu haben. Er hat während seiner Wanderjahre einen Zimmermann kennengelernt, der es gerne sehen würde, wenn er sich selbstständig machen und mit ihm zusammenarbeiten würde. "Das ist eine Option, aber es gibt noch viele weitere Optionen. Ich bin da zum Glück noch nicht so festgelegt", sagt Kilian. Seine Freiheit hat er sich behalten und eine wichtige Erfahrung, die er auf der Walz machte:

"Ich habe gedacht: Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es zurück. Wenn ich Leuten helfe, dann wird mir auch geholfen. Und wenn es nicht der ist, dem ich helfe, dann ist es jemand anderes. Das ist irgendwie ein Kreis, und der Kreis schließt sich am Ende eh immer."

Kilian Ahlborn


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