Religion - STATIONEN


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Die „lieben“ Nachbarn Erbitterte Feinde oder beste Freunde?

Der Krieg am Gartenzaun ist häufiger als man denkt. Einer Studie zufolge streitet jeder zweite mit seinen Nachbarn. Aber es geht auch anders: Nachbarn helfen sich, besuchen einander oder werden Freunde. Und es gibt überraschende Modelle, die zeigen, wie gute Nachbarschaft gelingen kann.

Von: Elisabeth Möst / Andrea Koeppler

Stand: 17.10.2019

Café Tür an Tür | Bild: BR

In STATIONEN werden die unfreiwilligen zwischenmenschlichen Beziehungen unter die Lupe genommen, in der Stadt und auf dem Land, und überraschende Modelle vorgestellt, wie gute Nachbarschaft gelingen kann.

Das "Café Tür an Tür"

Moderator Benedikt Schregle besucht in Augsburg das Projekt "Café Tür an Tür". Der Verein Tür an Tür - miteinander wohnen und leben e.V. betreibt im Industriedenkmal des Alten Augsburger Straßenbahndepots das Zentrum für interkulturelle Beratung. Der Verein hat letztes Jahr den Nachbarschaftspreis für Bayern gewonnen. Denn hier kommen alle zusammen: Einheimische, Zugezogene und Menschen unterschiedlicher Religionen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und hier völlig neu anfangen müssen. Im Café teilen sie sich den Mittagstisch, lernen sich kennen und bauen Vorurteile ab.

Ein Wohnzimmer für alle

Schon bei der Planung entwickelten sich viele fruchtbare und gruppenüberschreitende Begegnungen. Denn das Konzept für das Café haben alle gemeisam - Nachbarn, Schüler, Flüchtlinge und Vereinsmitglieder - entwickelt. Es soll wie ein Wohnzimmer sein für Meetings, Familientreffen und Feste. Der Verein besteht schon seit 1992, das Café wurde 2015 eröffnet. Möglich ist das alles nur, weil sich so viele Freiwillige engagieren und großen Wert auf eine gute Nachbarschaft legen - in einem Viertel, das nicht den besten Ruf genießt.

Nebenan im sogenannten Helpdesk helfen Ehrenamtliche den Geflüchteten dabei, Formulare auszufüllen - zum Beispiel für das Wohnungsamt, „damit aus Fremden möglichst bald Nachbarn werden können“, wie Mitinitiator Helmut Schwering erzählt. Es gibt Sprachkurse und Unterstützung bei der Jobsuche.

Aus Nachbarn werden Freunde

Dass aus Nachbarn auch Freunde werden, haben Mark und Baraa erlebt. „Baraa fotografiert gerne und ich habe auch damit angefangen. Wir fahren Fahrrad zusammen und schauen uns gemeinsam Filme an“, erzählt Mark Habesreiter. Er ist Leiter des Cafés und der einzige Hauptamtliche in einer Schar von 30 freiwilligen ehrenamtlichen Helfern aus der Nachbarschaft.

Baraa kam vor zwei Jahren aus Syrien in Augsburg an. Im "Café Tür an Tür" suchte er Hilfe, um mit all den deutschen Formularen klar zu kommen. Inzwischen ist er angekommen: Er kocht syrische Gerichte für den Mittagstisch, das Team ist seine zweite Familie geworden. Und er ist selbst zum Helfer geworden: "Jetzt übersetze ich schon auf Deutsch und helfe den anderen Leuten hier! Es war ein großes Thema für mich, hier Freiwilliger zu sein!“, erzählt Baraa stolz.

Tür an Tür mit Fremden

Ganz in der Nähe, in der Flüchtlingsunterkunft in der Ottostraße lebt seit vier Jahren die afghanische Familie Azazi. Mutter Jamila wünscht sich nichts sehnlicher als eine größere Wohnung, denn der Platz in der Unterkunft ist hier schon sehr begrenzt. Der Abstand zu den Nachbarn ist definitiv zu gering. So viele Menschen auf engstem Raum, kaum Rückzugsmöglichkeiten und die gemeinschaftlich genutzten Bädern und eine Küche für alle - das bedeutet einfach auch Stress. Am liebsten möchte sie hier im Viertel bleiben, denn in dieser Nachbarschaft ist sie heimisch geworden.

Die Beiträge der Sendung:

  • Nachbarschafts-Zoff um Kuhglocken. Von Julia Mumelter
  • Nachbarschaftsinitiative in Schwabing. Von Elisabeth Tyroller
  • Pasinger Friedensweg der Religionen. Von Iris Tsakiridis
  • Nebeneinander im Wohnblock. Von Linda Hofmeier

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