Religion - STATIONEN


14

Wissbegierig Man lernt nie aus

Wir leben in einer Zeit der Verunsicherung, der Filterblasen und weit verbreiteter Aufgeregtheit. Ist die Wahrnehmung der Realität vielleicht negativer als diese tatsächlich ist, gleiten wir schnell ins Extrem, in die Intoleranz? Warum öffnen wir uns nur schwer für Neues, und was könnte uns dabei helfen? STATIONEN sucht Antworten auf diese Fragen.

Von: Agnieszka Schneider

Stand: 13.11.2019

Eine Eiche wächst in einem Mischwald | Bild: dpa-Bildfunk/Julian Stratenschulte

Bei Überzeugungen oder gar Glaubensfragen fällt es schwer, sich auf Neues einzulassen und Verständnis zu zeigen. Noch dazu, wo permanente Reizüberflutung unsere Sinne dauerstrapaziert. Umso wichtiger ist es, dass wir uns immer wieder auf uns selbst besinnen. Hier hilft der Kontakt mit der Natur. Sie lehrt den Menschen den behutsamen Umgang mit sich selbst und mit den anderen. Für STATIONEN besucht die Moderatorin Irene Esmann den Donauwörther Wald. Sie möchte herausfinden, was man im Wald und vom Wald lernen kann.

Preisgekrönter Wald

Das Waldgebiet zwischen Donauwörth und Kaisheim zeichnet sich durch gepflegte Wanderwege und eine große Artenvielfalt aus. Aktuell erstreckt sich der Forst über 916 Hektar. 2013 wurde der Stadtwald sogar mit dem Staatspreis für vorbildliche und nachhaltige Waldbewirtschaftung ausgezeichnet, eine Anerkennung auch für Förster Michael Fürst. Für ihn ist der Wald mehr als nur Arbeitsplatz.

Demut lernen

Vor allem die bis zu 30 Meter hohen Eichen, die Lebensraum für rund 500 Insektenarten bieten, haben es ihm angetan. Doch als Förster muss er den Wald auch wirtschaftlich nutzen. Nicht selten kommt er dabei mit sich selbst in Konflikt. „Wer bin ich kleiner Mensch, dass ich eine 300 Jahre alte Eiche fällen dürfte“, schießt es ihm da häufig durch den Sinn. Und mehr als einmal hat er die Fäll-Markierung am Stamm wieder herausgekratzt.   

Der Wald und der Klimawandel

Gut 525.000 Euro jährlich lässt sich Donauwörth seinen Stadtwald kosten. Und auch vom Freistaat kommt Geld: für den Erhalt der Eichen und für die Wiederaufforstung geschädigter Flächen. Hier im Wald erfahren wir nämlich auch, wie sich der Klimawandel bemerkbar macht und was man dagegen tun kann. Michael Fürst ist regelmäßig mit Diensthund Luzie im Forst unterwegs. Immer wieder stößt er auf umgefallene Bäume. Schuld sind nicht nur die häufigeren Stürme, sondern auch Schädlinge, die von den höheren Jahresdurchschnittstemperaturen profitieren und die Bäume befallen.

"Ich muss ja hundert Jahre vorausdenken - was wächst in hundert Jahren hier noch."

Michael Fürst, Stadtförster in Donauwörth

Die Eiche als Baum für die Zukunft

Einen Hoffnungsschimmer bietet die Eiche, die immerhin schon seit rund 6000 Jahren hier wächst. Sie hälft den verschärften Klimabedingungen vergleichsweise gut Stand. Deshalb nennt Michael Fürst die Eiche den Baum der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Schadflächen forstet er häufig mit Eichen auf. Einen Unterschied gibt es allerdings zu früheren Klimawandel-Ereignissen. Diesmal geht alles ganz schnell. Haben wir also genug Zeit, um mit Eichen CO2 zu binden und dem Klimawandel entgegenzuwirken? „Es braucht bis zu 60 Jahre, bis der Baum in das Wachstum gerät, in dem er das meiste CO2 bindet“, weiß Michael Fürst. „Und dafür braucht es einen langen Atem“.

Waldspaziergang für die Sinne

Von der Natur lernen - diesen Gedanken vermittelt auch Maria Fürst, ebenfalls Försterin. Sie bietet regelmäßig Waldspaziergänge für Schulklassen an. An einer solchen Waldwanderung nimmt auch Irene Esmann teil. Sie begleitet die dritte Klasse der Sebastian-Franck-Grundschule. Die Kinder lernen, die Natur mit allen Sinnen zu erleben. Denn selbst in dieser eher ländlich geprägten Gegend gehen die Kinder viel seltener in den Wald als früher. Manche Kinder erzählen Maria Fürst sogar, sie seien noch nie im Wald gewesen. Ein großes Manko, findet die Försterin. Schließlich können die Kinder im Wald lernen, genau hinzuschauen, hinzuhören, nachzuspüren. „Es gibt kleine Dinge, die wichtig sind“, sagt Maria Fürst, und „es gibt große Dinge, die wichtig sind“. Der Wald also auch als Metapher fürs Leben in seiner ganzen Vielfalt.

Spiritualität im Wald

Bereits Immanuel Kant sprach von der positiven Wirkung der Natur auf das menschliche Gemüt. Wasserfälle, Sternenhimmel und Berge - all das lässt den Menschen zu Ruhe kommen und neue Kraft tanken. Einige Studien belegen sogar, dass der Wald glücklich macht, freundlich und gesund – oder zumindest gesünder. Auch Egoismus lässt sich minimieren, wenn der Mensch eine Beziehung mit der Natur eingeht. Inmitten von Bergen, Bäumen und Flüssen wird das eigene Ego kleiner, behaupten etwa amerikanische Psychologen von der Universität Rochester. In Japan weiß man das schon lange. Hier ist das Waldbaden, also das Eintauchen in den Wald mit allen Sinnen, fest in der Kultur verankert. Dabei normalisieren sich Blutdruck und Pulsfrequenz, Stress und Angst nehmen ab und die Konzentrationsfähigkeit wird gesteigert. Fühlen, riechen, spüren, all das garantiert ein entspannter Spaziergang im Wald, ganz unabhängig von der Jahreszeit.

Die Beiträge der Sendung:

  • Woher kommen Werte? Religions- und Ethikunterricht heute. Von Astrid Uhr
  • Über den Kampf gegen den Klimawandel. Von Daniel Knopp
  • Ist der Föhn an allem schuld? Vom Wissen, warum wir manchmal so genervt sind. Von Nicole Mühlberger

14