Religion - STATIONEN


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Kreativ in der Krise Kirche, Geld und Pflege – wie geht es weiter?

Kindertagesstätten, Krankenhäuser, Altenheime: Zahlreiche systemrelevante Einrichtungen sind in kirchlicher Hand, und die Hilfe der Kirchen ist gefragt wie selten zuvor. Doch Wirtschaftsinstitute rechnen mit einem massiven Einbruch der Kirchensteuereinnahmen. Welche Konsequenzen ziehen Kirchen und Religionsgemeinschaften aus Corona? Kreativität ist gefragt, um weiter in Kontakt mit den Gläubigen zu bleiben.

Von: Christina Fuchs

Stand: 25.05.2020

Diakon Engelbert Dirnberger nimmt seinen Mittagsgruß auf. Ein digitales Andachts-Angebot für die Gläubigen seiner Gemeinde. | Bild: BR/ Elisabeth Möst

Dekan Engelbert Dinrberger und sein Seelsorge-Team im Münchner Stadtteil Obergiesing haben sich viel einfallen lassen, um mit ihren Pfarrgemeinden in Kontakt zu bleiben. Trotz wochenlang ausgefallener Gottesdienste und Besuchsverboten.
Jeden Tag nehmen sie mit dem Smartphone einen Mittagsgruß auf und stellen diese kleine Predigt auf die Internetseite des Pfarrverbands. Und wer online nicht so fit ist, kann die Botschaft mit dem Telefon abhören. Vor allem die älteren Gemeindemitglieder nehmen dieses Angebot dankbar an.

Auch wenn jetzt mit Einschränkungen Gottesdienste wieder möglich sind, wollen die meisten auf dieses Angebot nicht verzichten. Ebenso wenig auf "Post für Dich", ein Brief, den Gemeindereferent Manfred Bugl und seine Kolleginnen jede Woche zusammenstellen, mit Gebeten, einer Gottesdienstvorlage, einem Bild und immer einer kleinen Überraschung. In einem Brief waren Blumensamen. "Einige schicken uns Bilder davon, wie die Blumen wachsen und freuen sich sehr darüber", freut sich auch Bugl. Soviel persönlichen Kontakt – trotz Kontaktsperre – hatte viele Gemeindemitglieder bisher nicht. Die Briefe werden jede Woche an 200 Haushalte von ehrenamtlichen Helfern verteilt.

Folgen der fehlenden Kirchensteuereinnahmen

Doch wie soll es weitergehen für die Pfarrgemeinden? Die Mittel werden knapper, die Arbeit aber mehr. Bereits Anfang April sagte Kardinal Reinhard Marx in einem Interview, die Kirche müsse künftig auf vieles verzichten. Er rechne damit, dass die Einnahmenverluste so groß sein könnten, dass auch kirchliche Institutionen finanzielle Konsequenzen zu tragen haben.

Bestätigt wird er vom Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen. Schon 2019 prognostizierte dieser anhaltend sinkende Kirchensteuereinnahmen durch abnehmende Mitgliederzahlen. Die Corona-Krise könne diese Entwicklung jetzt verschärfen und zu einem Einbruch um bis zu 20 Prozent führen, so der Kirchensteuer-Experte.

Durch die ausgefallenen Gottesdienste fehlen nicht nur die Einnahmen aus der Kollekte. Die bayerischen Diözesen befürchten vor allem durch Kurzarbeit und die Möglichkeit die Einkommenssteuer zu stunden einen Rückgang der Steuereinnahmen. Darüber hinaus fehlen den kirchlichen Tagungshäusern seit Wochen die Gäste und damit auch die Einnahmen.

Ein Blick in die Bistümer

Im Bistum Würzburg ist es derzeit – noch – nicht das Finanzielle, das Sorge bereitet, sondern der fehlende direkte Kontakt, der vor allem in Behindertenwerkstätten, der Pflege, Kinder- und Jugendtagesstätten wichtig sei.

Im Bistum Augsburg wurde Anfang April der zunächst mit 10 Millionen Euro dotierte Bischöfliche Hilfsfonds "Stephana" aufgelegt. Damit soll den Pfarrgemeinden und kirchlichen Einrichtungen insgesamt Planungssicherheit für laufende Vorhaben gegeben werden. 500.000 Euro aus diesem Fond wurden aber schon für Projekte in der Weltkirche zugesagt.

Das Bistum Passau prüft derzeit alle Haushalte, unter anderem den Baubereich. Viele Projekte werden vorerst verschoben. Das Bistum rechnet jedoch damit, dass der ein oder andere Sanierungsplan nochmal überarbeitet werden muss.

Auch die Evangelische Kirche in Bayern rechnet mit einem deutlichen Rückgang der Kirchensteuern. Vor allem kirchliche Einrichtungen, die sich auch aus Teilnehmergebühren und Übernachtungskosten finanzieren, also die Tagungshäuser und Bildungsstätten, spüren jetzt schon den finanziellen Druck. Um ihnen helfen zu können, hat die Evangelische Kirche in Bayern das Projekt "Corona-Hilfen" eingerichtet, das kurzfristig finanzielle Hilfe gewähren kann. Zudem ist ein Nachtragshaushalt in zweistelliger Millionenhöhe in Vorbereitung

Die Diakonie Bayern erwartet finanzielle Einbußen vor allem in der stationären Altenhilfe – dort zeigt der Aufnahmestopp in dieser Hinsicht Wirkung. In der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Behindertenarbeit befürchtet die Diakonie Bayern noch höhere Einbußen. In diesem Bereich ist jedoch Spileraum, da Einrichtungen zum Teil ihre Kosten deutlich senken konnten, und Personal an anderer Stelle eingesetzt haben.

Präsenz zeigen in der Krise – Kreative Ideen in Obergiesing

Kirchensteuer-Experte Bernd Raffelhüschen rät der Kirche, sie solle dennoch gerade in dieser Krise "Präsenz zeigen in der Gesellschaft" - und das tut sie auch vielerorts.

Im Pfarrverband Heilig Kreuz haben genau in diesem Sinne Präsenz gezeigt. Neben dem Mittagsgruß und der Aktion "Post für Sie", gibt es einen Seelsorge-Chat, ein Audio-Meditations-Angebot und die Möglichkeit, Gebetsanliegen online aufzugeben.

Auf diese Weise halten im Münchener Stadtteil Obergiesing Kirchengemeinde und Gläubige den Kontakt. Für dieses Engagement von Seiten der Kirche sind viele Menschen sehr dankbar. Wie lange das Seelsorge-Team diesen Mehraufwand noch stemmen kann, weiß Monsignore Dirnberger selber noch nicht. Aber auch für die Nach-Corona-Zeit soll einiges beibehalten werden.

Beiträge der Sendung:

  • Fehlende Pflegekräfte bei der Caritas. Von Julia Mumelter
  • missio - Corona und Entwicklungshilfe. Von Birgit Rätsch
  • Finanznot bei kirchlichen Bildungshäusern. Von Agnieszka Schneider
  • Genossenschaften für alternative Finanzierung. Von Elisabeth Tyroller

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