Religion - STATIONEN


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Tango Argentino Wie ein Tanz das wirkliche Leben beeinflusst

Wer kennt nicht das Gefühl, eine Chance verpasst zu haben. Das Gefühl, dass der Zug abgefahren ist, ein für alle Mal – im Beruf, in einer Beziehung, in der Liebe. Nach dem Motto „Es ist nie zu spät“ erzählt STATIONEN Geschichten von Menschen, die ihrem Leben mutig eine neue Wendung gegeben haben – bevor es zu spät war.

Von: Elisabeth Möst

Stand: 21.11.2019

Gabi und Gustavo beim Tango tanzen. | Bild: BR

Eine innige Umarmung, kommunizieren, spüren, wo der andere hinwill. Ein Dialog zweier Körper, für drei Minuten - wieder vorbei, wenn die Musik aufhört. Das ist Tango Argentino; für Gabi und Gustavo Gómez der Tanz ihres Lebens und ein Spiegelbild ihrer Beziehung.

Ihre Geschichte beginnt in Südamerika. Gabi studiert Soziale Arbeit und lebt für ein Auslandspraktikum ein Jahr lang in Misiones im Nordosten Argentiniens. In ihrer Freizeit lernt sie Tango, bei Gustavo. Die beiden freunden sich an – und als Gabi nach einem Jahr nach Deutschland zurückkehrt, merken beide, wie sehr sie den anderen vermissen.

Die Romantik bekommt Risse

„Ich hatte damals noch einen Freund, eine Beziehung mit Gustavo schien mir schon wegen der Entfernung unmöglich“, erzählt Gabi heute, 15 Jahre später. Doch es kommt, wie es kommen muss: Die beiden werden ein Paar, Gustavo zieht nach Wolfratshausen, die beiden heiraten, bekommen ihr erstes Kind. Eine romantische Liebe mit Happy End – zunächst.

Für Gustavo ist Deutschland ein Kulturschock, hier ist er niemand, jobbt anfangs beim Schwiegervater. Gabi ist mit ihrem Beruf und den beiden Kindern beschäftigt. Doch der Tango, Gustavos Leidenschaft, bestimmt immer mehr ihr Leben. Sie tanzen bei Wettbewerben, Shows im In- und Ausland – sogar an Weltmeisterschaften nehmen sie teil. Das Ehepaar Gómez hat großen Erfolg. Gabi: „Er wollte ein berühmter Tänzer werden. Ich habe mich mitreißen lassen, aber ich wollte nicht Weltmeisterin werden. Irgendwann war ich nicht mehr bei mir.“

Musikalität, Umarmung, gemeinsam Gehen

Die Prinzipien des Argentinischen Tangos - Musikalität, die Verbindung durch die Umarmung, das gemeinsame Laufen, der achtsame Umgang mit dem Partner - das beherrschen die beiden meisterhaft, auf der Bühne. Hinter den Kulissen brodelt es immer mehr. Gabi erleidet Bandscheibenvorfälle, 2015 bricht auch Gustavo in der Umkleidekabine zusammen.

Der Tango, der sie zusammengebracht hat, wird der Grund für Streit und schließlich für die Trennung. Jeder geht seiner Wege. Gustavo findet eine neue Tanzpartnerin, mit der er durch Italien und Deutschland tourt. Gabi konzentriert sich auf sich, auf ihren Beruf und ihre Familie.

Der Tango spiegelt die Beziehung von Gabi und Gustavo Gómez. © Lisa Franz

Dann nochmal ein gemeinsamer Urlaub mit den Kindern - nicht wie immer in Argentinien, um die Familie von Gustavo zu besuchen, sondern ihr erster richtiger Urlaub in Italien. Gabi Gómez erinnert sich: „Wir haben gemerkt, dass die Philosophie des Tangos mehr mit uns zu tun hat, als wir uns gedacht haben. Dass wir unsere Beziehung retten müssen, bevor es zu spät ist.“ Einer ihrer Schüler sagt, sie sollten doch das für sich umsetzen, was sie lehren. Gustavos Philosophie: Jeder muss stabil sein, sein eigenes Fundament haben, Respekt haben, einen Dialog führen und gemeinsam gehen. „Das wichtigste ist, gegen den Egoismus zu kämpfen“, erklärt Gustavo Gómez.

Improvisation und Achtsamkeit

Der Argentinische Tango kennt keine feste Choreographie, der Tanz ist Improvisation. Beide Partner sind gleichberechtigt, auf einen Impuls folgt eine Antwort, die wiederum eine Reaktion auslöst, wie bei einem guten Gespräch. „Es kann alles passieren und nichts“, lacht Gabi. Den achtsamen Umgang mit dem Partner, den haben die beiden wiedergefunden, und ihr eigenes Gleichgewicht. Die Freude, den Spaß am Tango geben sie an viele Paare in ihrem Tanzunterricht weiter.

Die Themen in STATIONEN: Es ist nie zu spät

  • Durchstarten mit 60: Wahlkampf zur Bürgermeisterin. Von Astrid Uhr
  • Nie zu spät für die Liebe: Hochzeit mit 70. Von Birgit Rätsch
  • Das Leben umkrempeln: Spätes Coming-out. Von Iris Tsakiridis
  • Analphabeten: Endlich lesen und schreiben. Von Linda Hofmeier

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