Religion - STATIONEN


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Die unsichtbare Mauer? 30 Jahre nach der Grenzöffnung

Wer es live erlebt hat, wie die Grenzen zwischen dem geteilten Deutschland geöffnet wurden, war euphorisch und gerührt. Im Osten wie im Westen. STATIONEN trifft Zeitzeugen und fragt nach ihren persönlichen Grenz-Geschichten.

Von: Agnieszka Schneider

Stand: 04.11.2019

Schutzstreifen in Mödlareuth im Landkreis Hof | Bild: BR/Elisabeth Möst

30 Jahre ist es nun her - am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Einst ein Symbol des Kalten Krieges, verändert der Fall der Mauer die Welt. Freude und Hoffnung begleiten die DDR -Bürger in die lang ersehnte Freiheit. Doch nicht alle können mit der neuen, anderen Realität etwas anfangen. Moderatorin Anna Kemmer trifft für STATIONEN Menschen Diesseits und Jenseits der ehemaligen Grenze und erfährt von ihren persönlichen Grenz-Erfahrungen. Und sie besucht Orte, an denen Geschichte geschrieben wurde.

Mit dem Zug in die Freiheit

Peter-Christian Bürger, Sprecher der Botschaftsflüchtlinge in Prag und die Moderatorin Anna Kemmer

Im Zug auf der historischen Strecke zwischen Zwickau und Hof begegnet Anna Kemmer dem Prager Botschaftsflüchtling Peter-Christian Bürger. Er konnte die Situation in der DDR nicht mehr ertragen. Die ständige Angst, die Unterdrückung durch das System, die Repressionen und kaum Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben haben ihn dazu bewogen, aus seiner vermeintlichen „Heimat“ zu fliehen. Wegen eines früheren Fluchtversuchs saß er im Gefängnis und lebte unter ständiger Schikane des DDR-Systems. Im Sommer 1989 fand er in der deutschen Botschaft in Prag einen Zufluchtsort. Nach langen Verhandlungen gibt Erich Honecker die Prager Botschaftsflüchtlinge frei. Mit Tausenden anderen DDR-Bürgern fährt auch er von Prag nach Hof - in die Freiheit. Peter-Christian Bürger kann es kaum abwarten, endlich im Westen anzukommen. Doch die Fahrt ist alles andere als angenehm - der Zug muss zunächst durch das DDR-Teritorium und auch Peter-Christian Bürger traut der DDR nicht, hat Angst. Alle Bahnhöfe entlang der Strecke waren gesperrt, menschenleer, gespenstisch. Mehrere Personen, die auf den Zug aufspringen wollen, werden verhaftet. Peter-Christian Bürger erlebt ein Wechselbad der Gefühle.

"Die Fahrt vom 30. September bis 1. Oktober werde ich mein ganzes Leben nie vergessen, weil das wirklich die schlimmste Zug-Fahrt meines ganzen Lebens war. Angst, Vorahnungen, die uns die ganze Zugfahrt begleitet haben, haben uns tatsächlich erst verlassen, als wir die innerdeutsche Grenze überfahren hatten. Da fiel ein unglaublicher Druck von uns ab, aber das kann man nicht vergessen... Und wir haben zuerst den Bayerischen Boden geküsst."

Peter-Christian Bürger

Am 1. Oktober 1989 erreicht der erste Flüchtlings-Zug den Hauptbahnhof in Hof. Robert Knieling ist damals der Bahnhofsvorsteher und erlebt die jubelnde Menschenmenge bei der Ankunft. Er hat seinen ersten Arbeitstag in dieser Funktion. Allein in den ersten Oktobertagen kommen hier 5000 Menschen an. Insgesamt sind es 13.600 Menschen, die den fränkischen Bahnhof erreichen. Die meisten haben nur eine Reisetasche dabei. Hunderte Menschen aus der Hofer Umgebung empfangen die DDR-Flüchtlinge, bringen Kleidung und Lebensmittel. Auch das Rote Kreuz, THW und Caritas arbeiten zusammen, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Robert Knieling, ehemaliger Bahnhofsvorsteher in Hof

"Es läuft einem halt heute noch, wenn man die Bilder sieht, eiskalt über den Rücken. Wenn man sich anschaut, wie diese Leute aus den Fenstern hingen und schrien: Wir sind endlich frei. Ich finde die Worte nicht dazu. und auch mir liefen die Tränen."

Robert Knieling

Grenzerfahrungen

Am ehemaligen Grenzzaun in Hof trifft Moderatorin Anna Kemmer Alfred Eiber. In der Zeit der Mauer ist er Polizeihauptmeister der Bayerischen Grenzpolizeiinspektion Hof. Wie seine Kollegen muss auch er die Grenze gegen die Stasi schützen. Auch Spionage-Abwehr war eine herausfordernde Aufgabe. In Eibers Zuständigekeitsbereich gab es im Grenzzaun 17 Durchsteig-Klappen. Dort sind oft verdächtige Personen zu sehen. Alfred Eiber erinnert sich daran, einen Top-Agenten geschnappt zu haben. Noch prägnanter ist ihm allerdings die Flucht einer jungen DDR-Bürgerin in Erinnerung geblieben.

"Das war unwahrscheinlich - die Menschen haben dabei ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Eine Frau aus Plauen ist durch ein Abflussrohr gekrochen, 50 cm und 70 Meter lang und das Rohr endete in der Saale - dem Grenzfluss. Wenn in dem Rohr ein Stück abgebrochen gewesen wäre, wär die Frau stecken geblieben. Sie hat sich dann 70 Meter durchgeschoben, bis sie in der Saale aufgetaucht ist. Das war die Rohrflucht."

Alfred Eiber

Der Anfang vom Ende

Bei Ihrer Begegnungsreise besucht Anna Kemmer auch Plauen und trifft das Ehepaar Eva-Maria und Detlev Braun. Die erleben am 7. Oktober 1989 - dem 40. Geburtstag der DDR - eine große Demonstration. Eigentich war es ein Kinderfest. Insgesamt 15.000 Menschen gehen hier auf die Straße, äußern ihren Unmut über die Zustände in der DDR und fordern Reisefreiheit und Frieden. Die Stimmung droht zu kippen und die Staatsmacht zieht sich zurück. Detlev Braun ist Hobbyfilmer und nimmt mit seiner Kamera die Geschehnisse des Tages auf - bis heute die einzigen Bewegtbilder dieser ersten Kundgebung.

"Dieser Mut, das muss man sich mal vorstellen, 40 Jahre gab es so eine Demonstration nicht und plötzlich gehen Leute voran in der ersten Reihe. Das ist für mich unbegreiflich. Ich kenne auch niemanden, der in der ersten Reihe lief."

Detlev Braun

(von links) Datlev und Eva-Maria Braun, Pfarrer Helmut Henke und die Moderatorin Anna Kemmer

Das Ehepaar Braun hat Angst, dass die Filmrolle in die Hände der Stasi fällt. Sie verstecken es zuerst im Kohlenkeller im Haus der Eltern, bevor sie es in Berlin entwickeln lassen. Plauen steht stark im Visier der Stasi - vor allem wegen der Grenznähe zum Westen. An dem Demonstrationstag versammeln sich 1000 Leute in der Kirche und beten gemeinsam. Pfarrer Helmut Henke erinnert sich sehr genau an die außergewöhnliche Andacht.

"Und dann war hier eine Totenstille, eine Aufmerksamkeit, eine Konzentration, ein Wille, etwas zu verändern. Die Menschen haben ihr Haupt erhoben, da war für mich klar, es wird sich was verändern."

Pfarrer Helmut Henke

Die Beiträge der Sendung:

  • Ost-West WG auf dem Wildberg. Von Jutta Neupert
  • Von der DDR ins SOS-Kinderdorfvater. Von Isabella Kroth
  • Die Leiterin der Stasiunterlagenbehörde in Leipzig, Regina Schild. Von Sabine Barth

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