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Stundenablauf "Extremismus im Netz erkennen" Vorschläge für Unterrichtseinheiten

Wie passt das alles in 45 Minuten? Hier haben wir einige Vorschläge erarbeitet ...

Stand: 19.11.2018

Collage: Ein Linksextremer, ein Islamist und ein Neonazi mit verschiedenen Symbolen | Bild: Montage: BR

Sachinformation

Politischer Extremismus zeichnet sich dadurch aus, dass die Grundwerte der freiheitlichen Demokratie abgewertet werden und zur Durchsetzung der eigenen politischen Ziele Gewalt akzeptiert wird.

In den sozialen Medien haben die Aktivitäten extremistischer Gruppen stark zugenommen. Rekrutierungsversuche zielen insbesondere auf Jugendliche ab. In einer Befragung der LMU München von Jugendlichen (14-19 Jahre) gaben 40 % an, dass sie mit extremistischen Inhalten in letzter Zeit in Kontakt gekommen sind. 13 % sogar häufig und 5 % sehr häufig. Problematisch dabei ist, dass die Schülerinnen und Schüler Posts und Videos mit extremistischen Inhalten in den meisten Fällen nicht erkennen bzw. auch die Absender nicht als extremistische Akteure einstufen. Denn die Absender solcher Posts und Videos verstecken die extremistischen Botschaften geschickt:

  • hinter professionell produzierten Videos (Musik)
  • hinter modernen Darstellungsformen aus dem Bereich Lifestyle, Mode, Jugendkultur
  • hinter scheinbar harmlosen Themen wie z.B. Tier- und Umweltschutz und scheinbar prosozialen Aktionen wie Spenden für geflüchtete Kinder
  • hinter Symbolen, Memes, Diskussionsbeiträgen in den sozialen Medien, gekaperten Hashtags etc.

Liken oder teilen Jugendliche entsprechende Posts oder Videos, werden ihnen ähnliche Inhalte angezeigt bzw. vorgeschlagen oder sie bekommen geschickt gemachte Propaganda-Materialien zugeschickt. Es kann eine sogenannte Filterblase entstehen, d.h. die Jugendlichen gelangen über Algorithmen zunehmend an mehr Informationen und Kontakte aus einer extremistischen Szene und können so rekrutiert werden. Hier braucht es dringend Medienkompetenz!

Lernziele

Die Schülerinnen und Schüler sollen die aktuellen Strategien extremistischer Akteure in sozialen Netzwerken

  • erkennen lernen,
  • einordnen können
  • und wenn möglich gegen diese Strategien aktiv werden.
Methodisches Vorgehen im Überblick
ZeitInhaltSozialform
10 MinDie Klasse wird in Kleingruppen aufgeteilt.
Arbeitsauftrag: Jede Kleingruppe recherchiert online mit iPad, Smartphone oder am Computer

- eine Definition des Begriffs „Extremismus“ bzw. „Extremist“

- Listen, auf denen extremistische Gruppen im Netz aufgelistet sind und vor denen ggfs. gewarnt wird. Beispiel: www.gesetze-bayern.de

Die Ergebnisse werden kurz im Klassengespräch gesammelt.

Mögliche Vorbereitung: Vorab eine Organisation mit harmlos anmutendem Namen heraussuchen, z.B. „Medizin mit Herz e.V.“. Die Jugendlichen sollen Vermutungen anstellen, was diese Organisation kennzeichnet. Sie können dann aufklären und vorab recherchierte Hintergrunde erläutern, z. B.: „Dieser Verein ist eine überregionale extremistisch-salafistische Organisation. Sein Ziel ist es, über die vermeintlich humanitäre Hilfe, vor allem jüngere Menschen für eine extremistische Ideologie zu gewinnen“.
Gruppen- oder Partnerarbeit, anschließend Klassengespräch
4 MinDas Video „Extremismus im Netz erkennen“ bis ca. Minute 03:04 ansehen (Definition von Extremismus). Das Video stoppen nach dem Satz der Moderatorin: „Im Netz gibt es jede Menge extremistische Inhalte. Und diese zu erkennen – das ist nicht immer einfach“.Klassenverband
10 MinAuf dem Arbeitsblatt sind Posts aus den sozialen Medien von extremistischen Absendern abgebildet. Die Jugendlichen sollen überlegen, welche Botschaften hinter den abgebildeten Posts stecken, welche Strategien angewendet werden und welche Wirkung sie auf die Betrachter haben.

Im Klassengespräch werden die Ergebnisse zusammengetragen. Hier liefert im Anschluss der zweite Teil des Videos wichtige Informationen.

Die Lehrkraft sollte hier schon erste Diskussionspunkte aufgreifen und verdeutlichen:

- Welche Hashtags werden benutzt?
(Hier eignet sich v.a. das erste Posting auf dem Arbeitsblatt)

- Wer genau ist der Absender des Posts?
(Hier eignet sich besonders der Post zur Spendenaktion Ramadan: Erklären Sie, wer Pierre Vogel ist. Siehe auch Info unten)
Gruppen- oder Partnerarbeit, anschließend Klassengespräch
9 MinWeiterschauen des Videos bis zum Ende.Klassenverband
10 MinIm Abschlussgespräch nach dem Video sollen die Schülerinnen und Schüler erklären und zusammenfassen, was hinter dem Begriff „Filterblase“ steckt und wie Extremisten diesen Automatismus für ihre Zwecke nutzen.

Zur Verdeutlichung eignet sich hier auch das Beispiel (siehe Screenshot): „Sucht man bei YouTube zum Beispiel Katzenvideos, werden einem auf der Seite gleich Vorschläge für andere Videos mit Katzen angezeigt, oder man bekommt diese beim nächsten Mal, wenn man YouTube aufruft, auf der Startseite angezeigt.“

Zudem soll das Gelernte auf die Lebenswelt der Jugendlichen übertragen werden.

Mögliche Fragen:
- „Sind Euch schon mal Posts begegnet, die Ihr, nachdem ihr jetzt die Strategien gelernt habt, als extremistisch einordnen würdet?
- „Was könnt ihr tun, wenn man extremistischen Inhalten in sozialen Medien begegnet?“
- „Wie genau meldet man Seiten?“
Klassenverband

Benötigtes Material

  • Das Video „Extremismus im Netz erkennen“ zur Einspielung vorbereiten
  • Arbeitsblätter „Extremismus“ für die Gruppen- oder Partnerarbeit ausdrucken

Hilfreiche Definitionen und Hintergrundinformationen

Extremismus: Der politische Extremismus zeichnet sich dadurch aus, dass er den demokratischen Verfassungsstaat ablehnt und beseitigen oder einschränken will. Der Extremismus ist gekennzeichnet durch die Identitätstheorie der Freund-Feind-Stereotypen, durch ein hohes Maß an ideologischem Dogmatismus sowie oft durch die Akzeptanz von Verschwörungstheorien. Wer Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele ausübt, ist ein Extremist.

Filterblase: Viele Plattformen im Internet registrieren und speichern, was wir häufig anklicken, was uns interessiert, welche Meinung wir vertreten. Das ist der Startschuss für ein Online-Leben in der Filterblase. Facebook oder Suchmaschinen wie Google filtern Informationen individuell, also nach unseren Interessen und Freunden. Das heißt, was man zu sehen bekommt hängt davon ab, was wir geliked, kommentiert oder gesucht haben. Das Ganze führt dazu, dass jeder immer mehr vom immer Gleichen sieht, denn auch alles Widersprüchliche wird herausgefiltert. So entsteht eine riesige Meinungsblase, in der wir gefangen sind.

Pierre Vogel (Absender des Beispiel-Posts „Ramadan 2018 –Iftar Paket Somalia“): Der zum Islam konvertierte Ex-Boxer Pierre Vogel aus Köln wurde zu einer Art Schlüsselfigur salafistischer Netzwerke. Mit seiner vom Kölner Lokalkolorit geprägten Ansprache und seinem religiös-moralischen Anspruch fand er vorwiegend bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Schichten Zuspruch. In Zusammenarbeit mit etlichen Predigern entstand eine überregionale mediengestützte Bewegung, der es gelang, ihre rigide Sicht des Islam als Antwort auf Sinn- und Identitätskrisen Jugendlicher zu empfehlen, indem sie bewusst an deren persönlichen Schwachstellen und Bedürfnissen ansetzten. Die verschiedenen salafistischen Netzwerke finanzieren sich nach eigenen Angaben durch Spenden aus Deutschland.

Ein Prozent & Die Identitären: „Ein Prozent“ ist ein fremdenfeindliches Kampagnenprojekt und Netzwerk deutscher und österreichischer Rechtsextremisten im Umfeld der Neuen Rechten. Maßgebliche Betreiber des aktivistischen Projekts ist die „Identitäre Bewegung“, die aus mehreren völkisch orientierten Gruppierungen besteht. Sie gehen von einer geschlossenen „europäischen Kultur“ aus, deren „Identität“ vor allem von einer Islamisierung bedroht sei Entstanden ist „die Identitäre“ in Frankreich, seit 2012 ist sie in Österreich als Verein eingetragen, in Deutschland seit 2014. Insgesamt versammelt sich bei „die Identitäre“ die jüngere Generation. Sie ist provokant und aktionistisch und betreibt ihre Öffentlichkeitsarbeit vor allem auf den Social-Media-Kanälen. Damit wirkt sie nicht nur cool und jugendlich, sondern kann so auch viel mehr Menschen erreichen, als durch ihre Mitgliederzahlen – die werden zwischen 400 und 500 eingestuft. Zielgruppe: die Jugend.

Studie zum verdeckten Extremismus im Netz (LMU München)

Die Unterrichtseinheit „Extremismus“ entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München, das das Forschungsprojekt „Verdeckter Extremismus, offener Hass? durchgeführt hat.

  • Reinemann, C., Nienierza, A., Fawzi, N., Riesmeyer, C., Neumann, K. (2018). Jugend - Medien - Extremismus. Wo Jugendliche mit Extremismus in Kontakt kommen und wie sie ihn erkennen. Wiesbaden, Springer VS


  • Hintergrundinformationen und eine Zusammenfassung der Ergebnisse finden sie in einem Interview mit Dr. Carsten Reinemann und Dr. Claudia Riesmeyer in der TelevIZIon, abrufbar unter:

Arbeitsblatt "Extremismus im Netz erkennen" Format: PDF Größe: 1,63 MB

So könnte die Stunde ablaufen ... "Extremismus im Netz erkennen" Format: PDF Größe: 203,65 KB


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